Crime Watch No. 114

Krimi-Kolumne Das Thema von Kriminalliteratur sind Mord und Verbrechen in allen denkbaren Variationen. Sie hatte ihre ersten schüchternen Ausprägungen im 19. ...

Das Thema von Kriminalliteratur sind Mord und Verbrechen in allen denkbaren Variationen. Sie hatte ihre ersten schüchternen Ausprägungen im 19. Jahrhundert, im 20. Jahrhundert ist sie voll erblüht und dominiert inzwischen die Lesegewohnheiten eines Publikums auf der ganzen Welt. Mord und Gewalt sind soziale Handlungen, seit es den Homo sapiens gibt. Sie waren auch immer Gegenstand künstlerischer Verarbeitung, in allen Künsten. Die Beispiele von Homer über die Bibel bis zum Nibelungenlied erspare ich uns hier. Sie alle haben zwar mit dem Thema von Kriminalliteratur zu tun, aber nichts mit dessen narrativer Inszenierung. "Erzählung" aber ist ebenfalls seit je her ein Element aller künstlerischer Darstellung. Ganz sicher aber ist "Erzählung" der Punkt, wo sich Literatur und Malerei treffen. Und oft handelt es sich bei den "erzählten" Sachverhalten eines Bildes um kriminalliterarische Sujets. Selbst wenn wir zunächst etwas ganz anderes zu sehen vermuten.

Solche Sujets hätten in ihrer Entstehungszeit auch nicht "kriminalliterarisch" geheißen. Zum Beispiel nicht im Quattrocento. Damals, irgendwann zwischen 1444 und 1478, entstand das Gemälde Geißelung von Piero della Francesca. Ein berühmtes und rätselhaftes Gemälde, das beinahe 40 verschiedene "Entschlüsselungen" seiner "Handlung" provoziert hat. Es zeigt die "flagellazione" Jesu, den Konventionen der Zeit gemäß mit Schergen, Judas und Pontius Pilatus. Schon nicht mehr ganz den Konventionen der Zeit hingegen entspricht die Tatsache, dass der biblische Topos im Hintergrund des Bildes stattfindet. Im Vordergrund und auch im Verhältnis dominant sehen wir drei Männer: Zwei Herren in prächtigen Kleidern, die einen barfüßigen Jüngling in einem einfachen roten Gewand flankieren. Wer sind diese drei Herren? Wie ist ihre Beziehung untereinander? Wie ihre Beziehung zur Geißelung? Denn eines ist klar: Das biblische Motiv gibt diese Komposition nicht her, der biblische Sinn deckt diese auffällige Dreiergruppe nicht.

Der Zürcher Historiker Bernd Roeck hat in einem blendend geschriebenen, spannenden Buch einen ungewöhnlichen Versuch unternommen: Er sieht in der Geißelung eine "Art gemalte ... Mordanklage" - einschließlich der Benennung von Opfer und Täter. Opfer war demnach der barfüßige junge Mann, Herzog Oddantonio da Montefeltro, Sohn und legitimer Erbe des Guidantonio da Montefeltro, Graf von Urbino. Oddantonio wurde tatsächlich 1444, ein Jahr nach seiner Amtseinsetzung, in seinem Palast ermordet. Ausgeführt wurde die Tat von bewaffneten Schergen, die, so wollte es die offizielle Sprachregelung, den Volkszorn an einem neuen Caligula exekutierten. Doch schon unter Zeitgenossen war man sich einig, dass als Anstifter und Profiteur nur sein Stiefbruder Federico in Frage kam, der Oddantonio prompt in Amt und Würden folgte und als äußerst kompetenter und skrupelloser Herrscher in die an Scheusalen nicht gerade arme Geschichte der Renaissance-Fürsten einging.

Faszinierend sind nicht nur die interpretatorischen Ergebnisse, die Roeck bei maximaler Ausnutzung aller zur Verfügung stehenden Kontexte erzielt. Er forscht penibel jedem Detail des Bildes hinterher, er zieht jede denkbare symbolische, allegorische, emblematische und ikonographische Sinnstiftungsmöglichkeit in Betracht und klopft sehr kritisch alle möglichen Quellen ab. Damit liefert er ein Plädoyer für den Artefakt-Charakter von Kunst: Sie ist von Menschen gemacht, was immer sie bedeuten soll, ist intendiert, kalkuliert, in kommunikativer Absicht gesetzt. Das ist ein sehr sympathischer Ansatz wider die Unbedarftheit, in Kunstwerken nur die eigene Sinnstiftung projiziert zu sehen. Es macht Freude, Kunst zu verstehen, aber ungetrübt, ohne Wissen und Kenntnis, ist diese Freude nicht zu haben.

Außerdem bedient sich Roeck bewusst der kriminalliterarischen Erzählung bei seiner Rekonstruktion des Bildes, um einem kriminalliterarischen Sujet auf den Grund zu gehen. Das hat nur oberflächlich mit einer Analogie zur kriminalistischen Methode zu tun, denn um deren Ergebnisse "darstellbar" zu machen, bedarf es wiederum einer "narrativen" Synthetisierung. Auch wenn am Ende die Geißelung nicht restlos in der Rekonstruktion aufgeht - dieser ungelöster Rest macht das fiktionale Surplus aus, an dem die Faszination von Literatur beginnt. Dieses Prinzip gilt vor allem für Kriminalromane der gute Sorte. Roecks Buch ist ein brillantes Vexierspiel mit den Möglichkeiten von Fakten und Fiktionen.

Bernd Roeck: Mörder, Maler und Mäzene. Piero della Francescas "Geißelung". Eine kunsthistorische Kriminalgeschichte. Beck, München 2006, 256 S., 19,90 EUR


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00:00 27.10.2006

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