Crime Watch No. 56

Kriminalromane Deutsche Literatur möchte und soll, sagt man wenigstens, gerne tief gründeln. Gute Kriminalliteratur zeichnet sich dadurch aus, dass sie auch ...

Deutsche Literatur möchte und soll, sagt man wenigstens, gerne tief gründeln. Gute Kriminalliteratur zeichnet sich dadurch aus, dass sie auch komplexe Vorgänge in Action und Dialog auflöst. Kann es also einen "deutschen Kriminalroman" geben?

Astrid Paprottas neues Buch, Sterntaucher, bietet immerhin die Grundlagen, um diese Frage aufkommen zu lassen. Die sind schnell skizziert.

Erstens: Paprotta hat eine Geschichte zu erzählen. Kriminaloberkommissarin Ina Henkel und ihr Team haben einen offensichtlichen Beziehungsmord aufzuklären und stoßen dabei auf eine tragische Familiengeschichte. Die ist verzwickt, abscheulich, aber hochplausibel. Zweitens: Paprotta hat eine eigene, sofort identifizierbare Prosa von hoher Qualität entwickelt, die es ihr erlaubt, ohne Klischee und Routine die komplizierten Verhältnisse von Elend und Gewalt darzustellen und dichte Atmosphäre zu evozieren. Diese Kriterien reichen schon mal aus, sie weit aus dem Einheitsbrei des deutschen Durchschnittskrimis und des deutschen Gegenwartsromans hervorzuheben. Mit anderen Worten: Sterntaucher ist ein ernstzunehmendes Buch.

Sterntaucher ist aber auch ein symptomatisches Buch. Paprotta benutzt ihre elaboriert-sperrige Prosa hauptsächlich für Innensichten. Das hat seinen guten Grund, weil eine ihrer Hauptfiguren, der Streifenpolizist Dorian Kammer, an veritabler Schizophrenie und massiver Wirklichkeitsverdrängung leidet. Wie solche Krankheitssymptome entstehen, wie ein glückliches Kinderleben mit der Zeit zum Horrortrip wird, wie soziales Funktionieren im Job und im Alltag nur auf Kosten dieser seelischen Verschiebung gelingen kann und wie diese Konstruktion dann wieder katastrophal zusammenklappt - das ist der faszinierend-düstere, beklemmende und deprimierende Kern des Romans. An diesen Stellen ist das Mittel der Introspektion sinnvoll und richtig. Gespiegelt werden die Selbstschauen Dorians in den Selbstschauen von Ina Henkel, die allmählich die Fakten von Dorians Lebenstragik rekonstruiert. Weil aber nicht nur ihre Reflexionen zum Fall als Introspektion dargestellt werden, sondern auch ihre Gedanken zu sich, ihrem Lebensgefährten, ihrer Mutter und schließlich zu jedem Alltagsbruchstück, das ihr auf der Strasse begegnet, verliert der Kunstgriff an Signifikanz und leiert aus. Die Figur Ina Henkel gewinnt dadurch zwar an psychologischer Tiefe, sie verliert aber als literarische Gestalt den Kontakt zum plot. Dadurch entsteht, womöglich gegen Paprottas Willen, eine sehr deutsche Hierarchie. Der psychologische Detailrealismus im Falle Dorian Kammer dient der Dramaturgie des Romans und im Falle Ina Henkel dient er lediglich der Absicht der Autorin, eine komplexe Person zu erschaffen. Das hat Konsequenzen für den ganzen Roman, der diese Hierarchie von "innen" und "aussen" regelrecht zementiert. Zwar hat Paprotta relativ sorgfältig bei der Polizei recheriert, wie man an ein paar schönen Details merkt (so schließt Henkel immer ihre Dienstwaffe weg, wenn sie nach Hause kommt), aber dennoch findet ihre Geschichte im realitätsfreien Raum statt, weil Paprotta die Mechanismen von Polizeiarbeit ignoriert. Und deren Konsequenzen für die Figuren.

Dorian Kammer, der am Anfang die Leiche seines Bruders Robin auf dem Friedhof findet, ist selbst Polizist. So etwas verändert die Ermittlungsarbeiten einer Mordkommission sofort. Nicht bei Paprotta. Das ist märchenhaft. Noch schlimmer der Schluss: Ina Henkel gelingt es, die Identität von Dorians und Robins Mutter zu ermitteln und eilt alleine dorthin. Sie findet Dorian vor, wie er den Lauf seiner Pistole im Mund der armen Frau hat und schießt auf ihn. Gegen jede Ausbildung, gegen jedes Verfahren, wie im TV. Damit beschädigt Paprotta die Glaubwürdigkeit ihrer Kommissarin. Das sind aber keine handwerklichen Fehler, sondern konzeptionelle Entscheidungen. Sie stehen für das Kardinalproblem: Die tiefen inneren Befindlichkeiten der Figuren werden ausgelotet, ohne zu reflektieren, wie sehr äußere Umstände die inneren bedingen. Die Innenwelt ist Spielfeld für subtile Erkundungen, Modell für die (fremde) Außenwelt ist die Innenwelt des Autors. Eine fatale Hierarchie. Das Konzept von Kriminalliteratur hingegen ist die Abwesenheit dieser zutiefst im deutschen Idealismus wurzelnden Hierarchie. Deswegen ist Sterntaucher ein "deutscher Kriminalroman".

Astrid Paprotta: Sterntaucher. Roman. Eichborn-Verlag, Frankfurt am Main 2002, 406 S. E 19,90

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00:00 01.02.2002

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