Crime Watch No. 60

Kriminalromane Literatur ist immer Fiktion. Das gilt auch für Kriminalliteratur, obwohl gerade die gerne an diesem Status kratzt. "True Crime" heißt die Textsorte, ...

Literatur ist immer Fiktion. Das gilt auch für Kriminalliteratur, obwohl gerade die gerne an diesem Status kratzt. "True Crime" heißt die Textsorte, in der das am energischsten passiert. Reale Kriminalfälle werden als Erzählung inszeniert und dadurch kohärent gemacht, zumindest interpretationswürdig. Dadurch sind sie aber schon fiktionalisiert, denn ein Verbrechen ist keine Narration; nur die Rede darüber kann erzählend sein. Was auch sonst?
Den intellektuellen Reiz, der in diesem Spreizungsverhältnis zwischen Text und Wirklichkeit liegt, kostet die Fotografie- und Kunstgeschichtlerin Eugenia Parry in ihrem Projekt Crime Album Stories. Paris 1886-1902 voll aus.
Ihr sei, so berichtet sie schon am Anfang leicht fiktionalisierend, auf Umwegen ein Fotoalbum in die Hände gefallen, das Tatortfotos von Alphonse Bertillon enthält. Bertillon (1853-1914) erfand die sogenannte Anthropometrie, die standardisierte Vermessung von Knochen, und ein darauf basierendes Klassifikations- und Ablagesystem, das zunächst von der Pariser Polizei und dann von fast allen Polizeibehörden der westlichen Welt übernommen wurde. Die gleiche vermeintlich objektiv-rationale Methodik zeichnete Bertillons Arbeit als Tatortfotograf und als Handschriftengutachter aus. Von ihm stammte das falsche Gutachten, das Alfred Dreyfus beinahe den Kopf gekostet hätte und das zu revidieren sich Bertillon noch auf dem Totenbett und wider jede inzwischen evidente Faktenlage weigerte.
Parry, deren Vater laut Nachbemerkung selbst ein Mehrfachmörder war, erzählt hauptsächlich anhand von Bertillon-Fotos die Geschichte von 25 Morden nach. Solche, die säuberlich zu rubrizieren sind. Mitsamt Opfer, Tätern, Aufklärung und Bestrafung der Schuldigen. Und solche, bei denen von den Opfern nichts mehr übrig ist, wo keine Täter dingfest gemacht wurden, bei denen keine Motivlage irgendetwas erklären kann. Parry stützt sich dabei auch auf die Aufzeichnungen von Armand Cochefert, der die meisten Ermittlungen damals geleitet hatte - und der später wegen Korruption aus der Pariser Polizei entlassen wurde. Außerdem benutzt sie die gesammelte Boulevard-Berichterstattung über die Fälle (so vorhanden) und ihre eigene Kunst der Bildbeschreibung respektive Bildanalyse. Dieses literarische Verfahren treibt die Spreizung zwischen Wirklichkeit und Fiktion auf die Spitze. Der Schein-Objektivität der Fotos (die natürlich auch mittels fotografischer Technik, Bildkomposition, gewählter Ausschnitte, Licht etc. stark inszeniert sind) begegnet sie mit narrativen Ausflügen direkt in die Köpfe von Opfern, Tätern und Ermittlern. Aus deren Perspektive erzählt sie. Deren letzte Gedanken und geheimste Überlegungen gibt sie zu kennen vor. Dadurch werden die Fotos, die starre Interieurs und schauderhaft verstümmelte Körper(teile) zeigen, zu Illustrationen eines ziemlich banalen Pitavals. Denn die crime stories erzählen die nicht weiter bemerkenswerten, weil allen Gesellschaften und allen Zeiten gemeinsamen Mordgeschichten von Gier, Hass, Liebe, Habsucht und Brutalität. Gerade die zeittypischen Inszenierungen und die grobe, den technischen Möglichkeiten der Zeit geschuldete Materialität der Fotos entheben sie paradoxerweise jeder Kontextualisierung.
Es sind eben - Leichenbilder. Nichts Neues im Reich der menschlichen Schlechtigkeit also. Man wartet während der Lektüre des Buches immer wieder auf den Clou, auf den Erkenntnisblitz, auf den genialen Dreh, der irgendwie aus der komplizierten Methode entspringen müsste. Tut er aber nicht. Die Kette des Dumpf-Banalen, des Allgemein-Realistischen spinnt sich einfach fort. Nur ein Kapitel, "Gewöhnliches, eingefangen vom Licht", fällt aus dem Rahmen. Hier lässt Parry Monsieur Cochefert sinnieren. Anlass ist ein dumm-grausamer Raubmord im Städtchen Gennevilliers, das den Impressionisten Manet, Monet und Caillebotte als Motivreservoir für ihre lichtdurchfluteten, idyllischen Bilder diente. "Impressionen zu malen hieß", grübelt Cochefert, "eine sichere Entfernung vom Verwesungsgeruch einzuhalten. Tod, Dunkelheit, Ursächlichkeit, alles zutiefst Menschliche wurde zugunsten einer Welt ewigen Mittags ausgeblendet". Auch das ist zwar genau so richtig wie banal. Aber die Impressionisten mussten nicht erst prätendieren, Fiktion und Wirklichkeit zu verwirren, bevor sie bei der reinen Fiktion landeten. So wie letztlich auch Eugenia Parry.

Eugenia Parry: Crime Album Stories. Scalo Verlag, Zürich 2002. 319 Seiten. 28,- EUR


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00:00 31.05.2002

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