Crime Watch Nr. 50

Kriminalromane Über 3.000 Druckseiten Gerichtsreportagen bietet die CD-Rom-Fassung von Hugo Friedländers berühmter Chronik: Interessante Kriminal-Prozesse, mit dem ...

Über 3.000 Druckseiten Gerichtsreportagen bietet die CD-Rom-Fassung von Hugo Friedländers berühmter Chronik: Interessante Kriminal-Prozesse, mit dem appetitmachenden Untertitel Ein Pitaval des Kaiserreiches. Natürlich ist so eine CD-Rom mit allem Komfort ausgestattet - Vergrößern und Verkleinern der Seiten, verschiedenfarbige Markierungen, Vor- und Zurückblättern, Register, Suchfunktionen, Exportieren von Texten etc. Vom Feinsten. Vom Praktischsten. Vom Besten. Nur zum Schmökern die reinste Hölle. Aber das ist vermutlich ungerecht.

In drei klugen Vorworten mahnt der Justizrat Erich Sello an, Friedländers Arbeit als kriminalgeschichtliches Gedächtnis zu verstehen, als gespeichertes kriminalistisches Erfahrungswissen, das sich nicht in der Auflistung prickelnder Details diverser causes célèbres erschöpft. Und tatsächlich Friedländers Reportagen bieten einen Katalog immer noch virulenter Verbrechenstypen. Die üblichen Beziehungstaten, die auch heute noch den Großteil aller Tötungsdelikte ausmachen - die nämlich, bei denen »der Täter noch auf der Leiche sitzt«, wie es im Polizeijargon heißt. Dazu die immer aufmerksamkeitsheischenden Delikte Kindsmord und Kinderschänderei, die nur im multimedialen Interesse, aber nicht statistisch signifikant gestiegen sind. Dazu politische Prozesse - damals ging es um »anarchistische Bombenwerfer«, heute heißen sie »Terroristen-Prozesse«. Und Prozesse um »antisemitische Ausschreitungen«, die Sello für so wichtig hält, dass er schon 1911 dazu aufruft, eine Geschichte des Antisemitismus in Deutschland zu schreiben, und zwar »endlich«.

Nichts Neues also unter der Sonne, wie es scheint. Und genau das macht den Wert der 3000 Seiten Kärrner-Arbeit aus. Die Prozesse, die sowieso im kollektiven Gedächtnis gespeichert bleiben, gerade weil sie so zeittypisch sind wie der um den »Falschen Hauptmann von Köpenick« oder »Das spiritistische Medium Anna Rothe« gehen seltsamerweise im Gesamtkonvolut unter. Vermutlich, weil sie illustre Einzelfälle sind, die man ex post mit allerlei Symptomatik aufladen kann - der Hauptmann von Köpenick als Parabel auf den preußischen Untertanengeist, wie die griffige Formel lautet -, die aber letztlich anekdotisch bleiben.

Nicht anekdotisch, sondern lehrreich haften bleiben dagegen die politischen Prozesse im weitesten Sinn. Allen voran die, die auf antisemitische Untaten folgten und die Staatsmacht direkt involvieren: Bismarck vs. Mommsen von 1881 zum Beispiel oder die Hochverratsprozesse gegen Liebknecht und Bebel im Jahr 1872. Was da strafrechtlich relevant erschien und was nicht, was als justiziabel galt und was nicht, wie sich das in den teilweise mitstenographierten Rededuellen von Anklage und Verteidigung manifestiert, das finden wir analog wieder in den politischen Prozessen von heute. Analog, wohlgemerkt. Insofern wäre es auch sicherlich dienlicher gewesen, auf der CD den präziseren Untertitel von Friedländer stehen zu lassen: Darstellung merkwürdiger Strafrechtsfälle aus Gegenwart und Jüngstvergangenheit, wobei man das Wort merkwürdig durchaus nicht nur im altmodischen Sinn verstehen sollte. Und der Original-Haupttitel heißt auch nicht nur Interessante Kriminal-Prozesse, sondern hat den instruktiven Zusatz ...von kulturhistorischer Bedeutung. Die hingegen könnte nun wieder darin bestehen, auch bei Friedländer Ansätze jener zutiefst ideologischen Trennung von Verbrechen und Gesellschaft zu bemerken, die die Debatte um Organisierte Kriminalität und somit um den Begriff Verbrechen bis heute so problematisch macht. Dafür stehen so putzige, ja folkloristische Texte wie Das Berliner Verbrechertum, in dem Friedländer zwar zugibt, dass es Verbrecher gibt, die wie »feine Menschen« aussehen, aber unter der Fassade eben doch Verbrecher sind, weil sie in Verbrecherkreisen, gar in internationalen agieren. Die Theorie der getrennten Welten also - sie in ihrer kulturhistorischen Entwicklung zu beobachten ist in der Tat von Bedeutung.

Das alles bietet diese CD-Rom. Man muss sich durchbeißen. Das müsste man durch 3000 Druckseiten auch. Aber am Bildschirm hat man das Gefühl, knochenhart gearbeitet zu haben.

Hugo Friedländer: Interessante Kriminal-Prozesse. Digitale Bibliothek 51. Directmedia Publishing, Berlin 2001. 69,-DM

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00:00 27.07.2001

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