Crimewatch No. 78

Kolumne Viele Jahre nach dem Fall der Mauer und kurz vor der Einführung des Euro ereignete sich in Berlin folgende Geschichte ...", so beginnt D.B. ...

Viele Jahre nach dem Fall der Mauer und kurz vor der Einführung des Euro ereignete sich in Berlin folgende Geschichte ...", so beginnt D.B. Blettenberg seinen neuen Thriller Berlin Fidschitown, der auch uns Berlinern etwas erzählt, was wir gar nicht wissen können. Denn Blettenbergs neues Buch spielt nur bedingt in Berlin, in der Hauptsache aber unter Berlin. In den vielen Schächten, Tunnels und Stollen, die die Hauptstadt unterkellern und von denen man lediglich weiß, dass es sie gibt.

Pieke Biermann hatte in ihrem Roman Vier, fünf, sechs die historischen Schichten dieses unterirdischen Berlins am Flughafen Tempelhof mit dem kriminellen Hier und Heute verknüpft, in Blettenbergs Roman sind die Berliner Tunnel und Schächte direkt mit den Folgen des Vietnam-Krieges verbunden. Und das ist keineswegs an den Haaren herbeigezogen oder mühsam konstruiert, sondern von evidenter Logik. Die DDR hatte bekanntlich viele Nordvietnamesen ins Land geholt, die im Zuge der Völkerfreundschaft auch prompt als "Fidschis" bezeichnet und nach der Maueröffnung in den xenophoben 90s noch mehr in die Subkultur und Isolation gedrückt wurden, als es vor 1989 aller internationalistischen Propaganda zum Trotz sowieso schon passiert war. Ein paar üble "Rückkauf"-Deals mit der Sozialistischen Republik Vietnam scheiterten oder zeigten nur bescheidene Wirkung. Statt dessen kam die "Vietnamesen-Mafia" auf, die - so wussten unsere Boulevard-Blätter - im Zigarettenschmuggel aktiv war und sich hin und wieder blutige Revierkämpfe lieferte.

Weil aber diese Revierkämpfe kaum die deutsche Bevölkerung tangierten und überhaupt diese ganzen südostasiatischen Details eine schwer zu durchschauende Gemengelage - Fidschi ist Fidschi - bildeten, war ihr Reiz für das Modethema der mittleren 90s, "Berlin - Hauptstadt des Verbrechens", begrenzt und so verschwanden sie nach und nach aus dem öffentlichen Bewusstsein. Aber deswegen ist die Realität ja nicht wirklich weg, und an dieser Stelle setzt Blettenbergs Roman an: Die Globalisierung von Geldströmen rückt die Erdteile nahe zusammen. Auch thailändische Syndikate, deutsche organisierte Kriminalität und chinesische Triaden begegnen sich an den Finanzplätzen der Welt. Und so beginnt unser Roman in Bangkog, wo wir Surasak Meier, genannt Farang wiedertreffen, einen alten Bekannten aus Blettenbergs großem Bangkog-Roman gleichen Titels von 1988.

Farang ist hauptberuflich Fachmann für Deals im legalen Grau-Bereich. Und so führt ihn sein Beruf nach Berlin, wo er einem schleimigen deutschen Gangster namens Torn viel Geld für gute Zwecke abnehmen soll. Torn, früher eine mittlere Figur im deutsch-thailändischen Pornogeschäft, hat sich allerdings gerade mit einer südvietnamesischen Organisation zusammengetan, um ein besseres Standing gegen die auf den Markt drängenden Chinesen zu haben. Hinter diesen Südvietnamesen allerdings ist ein ehemals nordvietnamesischer Tunnelkriegsspezialist her, der ihre Präsenz in Berlin beenden will. Mit von der Partie sind außerdem noch eine deutsche Polizistin, die um ihre berufliche Rehabilitation kämpft und deshalb Torn in die Finger kriegen muss, eine unglaubliche Existenz - Kinderschänder und Tierkrematoriumsbesitzer - namens Heinz Haller, eine deutsche Tunnelforscherin, korrupte Politikos, verzweifelte Gastronomen mit Schutzgeldproblemen und ein rotnasiger Penner, der früher Streckengänger im U-Bahnnetz der BVG war.

All die und noch mehr liebevoll und lebendig gezeichnete Figuren schickt Blettenberg mit großem dramaturgischen Geschick und verstrickt in feinste Plots und Subplots in den Berliner Untergrund, der sich immer mehr Saigon und Hanoi angleicht, ohne je aufzuhören, Berlin zu sein. Der komplexe Gesamtplot, Blettenbergs kühle, bisweilen sehr sarkastische und böse, witzige Sprache und seine lobenswerte Weigerung, allzu viel zu erklären, also sein Beharren auf dem Recht des Erzählens, fordert natürlich eine kompetente Leserschaft. Kompetent in dem Sinn, einem intelligenten Buch über harte Realitäten, gedacht für intelligente Leser, folgen zu wollen. D. B. Blettenberg ist Deutschlands einzig ernstzunehmender Polit-Thriller-Autor der internationalen Liga. Das beweist dieser ganz und gar unprovinzielle Berlin-Roman einmal mehr und einmal mehr sehr eindrucksvoll.

D.B. Blettenberg: Berlin Fidschitown. Roman. Pendragon, Bielefeld 2003. 334 S.,
20,50 EUR


00:00 31.10.2003

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare