Cyber-Cyrano zu mieten

Online-Täuschungen Nirgends wird so viel geflunkert wie auf Dating-Webseiten. Ein New Yorker hat nun daraus ein Geschäft gemacht. Er übernimmt für seine Klienten das virtuelle Kennenlernen

Es ist ihr erstes Date. Sie haben sich seit ein paar Wochen E-Mails geschrieben, nun haben sie den Sprung ins echte Leben gewagt und sich auf ein Getränk verabredet. Er stellt sich als nett heraus und sieht sogar noch besser aus, als seine Fotos hoffen ließen. Er ist vielleicht nicht ganz so geistreich, wie er über das Internet schien, doch andererseits sind manche Leute einfach wortgewandter, wenn sie ihre Gedanken schriftlich festhalten. Allerdings scheint er sich an die Details ihrer Online-Unterhaltungen nicht mehr zu erinnern ... und was steht eigentlich auf dem Blatt Papier, das er so intensiv studierte, als sie die Bar betrat? Momentmal, ist das ein Spickzettel? Was für eine Sorte Mensch macht sich Notizen vor einem Date?

Sollte sich eine solche Situation an diesem Wochenende in einer Bar in Manhattan oder anderswo abspielen, dann ist es möglich, dass der neuste Kunde von Matt Prager sich diesen peinlichen Auftritt selbst zuzuschreiben hat. Matt Prager, ein schlauer Therapeut und ehemaliger Drehbuchautor, 42 Jahre alt, wohnhaft in New York, hat eine seltsame Nebenbeschäftigung: Er bekommt regelmäßig von Männern den Auftrag, ihre Identität anzunehmen und auf Partnerseiten im Internet nach möglichen Dates für sie zu suchen. Im Wesentliche gibt er in der Frühphase vor, er sei sein Klient und wenn die Frau einer Verabredung zustimmt, händigt er besagtem Mann die Informationen aus, die er zusammengetragen hat und lässt der Natur ihren Lauf.

Eine Art Avatar

Ich bezeichnete Prager bei unserem ersten Treffen als Cyber-Cyrano – nach Cyrano de Bergerac, dem französischen Schriftsteller mit der langen Nase, dem Edmond Rostand mit seiner gleichnamigen Komödie ein Denkmal setzte. Darin verführt Cyrano die schöne Roxane im Auftrag des etwas dumpfen, aber gutaussehenden Christian. Doch Prager ist mit diesem Vergleich nicht einverstanden. Er selbst sieht sich eher als eine Art Avatar – eine Cyber-Version der Persönlichkeit seines Klienten.

"Sie sind nicht der erste, der mir mit Cyrano kommt", sagt er. "Aber so viel Klasse habe ich nicht. Ich erledige den dreckigen Job, den keiner machen will. Meine Kunden sind in der Regel Männer, die durch ihre Arbeit bedingt eine Menge E-Mails bekommen und sie in einem flotten Tempo beantworten. Die Aussicht, noch mehr davon durchforsten zu müssen, spricht sie nicht an, selbst wenn es ums Kennenlernen geht. Ich glaube, der einzige Grund, weshalb ich diesen Job überhaupt habe, ist, dass die Leute das als absolute Qual empfinden, deshalb finden sie es attraktiv diesen Teil des Jobs outsourcen zu können."

Prager betrachtet es auch als Teil seiner Aufgabe, dem Kunden als "Date-Coach" beizustehen. Er spricht mit ihm über seine Erwartungen und klärt im Gespräch welche Sorte Frau gesucht ist. "Wenn ich weiß, mit wem ich es zu tun habe, braucht es keine langen Diskussionen mehr. Ich sage ihnen nur noch, dass sie ihren Online-Account checken und mir per Mail mitteilen sollen, welche Frauen sie interessieren und dann sehen wir weiter. Ab da kann ich dann meine Schreiberfahrungen als Drehbuchautor einbringen. Ich versuche, die Persönlichkeit meines Kunden anzunehmen, aber in Wahrheit geht es ihnen – und das lässt sich über die meisten Menschen in der Online-Welt sagen – darum, dass sie sich so schnell wie möglich verabreden wollen. Eigentlich reicht ein wenig unspezifisches Geplauder und dann irgendeine Variante der Frage 'Wie wäre es, wenn wir uns auf einen Kaffee treffen?' Meine Hauptaufgabe ist so eine Art Gefühlswäsche. Stellen Sie sich vor, Sie haben mit 20 Personen Kontakt aufgenommen, kunstvolle E-Mails geschrieben, und nicht eine einzige antwortet ihnen. Das ist so frustrierend. Meine Kunden müssen diese Erfahrungen nicht machen, ich mache sie für sie."


Vor der ersten Verabredung stellt Prager dann einen „Spickzettel“ zusammen, der aus einem Foto der Frau und einer Zusammenfassung der E-Mail-Korrespondenz – ihre Vorlieben und Abneigungen, Wünsche und Erwartungen – besteht, in die der Kunde zu diesem Zeitpunkt in der Regel zum ersten Mal Einblick bekommt. Außerdem gibt Prager ein paar Tipps, wie der Kunde ins Gespräch einsteigen könnte. Doch selbst bei solchen kleinen Höflichkeiten lauert der Fehler im Detail. "Auf einem Spickzettel erwähnte ich, dass die Frau eine Erkältung hatte, und dass ich sie fragen würde, ob es ihr besser geht. Der Kunde sagte: 'Ich würde mich niemals nach dem Stand einer Erkältung erkundigen' – was natürlich vorneweg einiges darüber verrät, wie er sich in so einer Situation verhält. Ein anderer Kunde hat es vermasselt, weil er den Spickzettel nur kurz überflog, anstatt ihn richtig zu lesen. Sein Date sprach ihn auf etwas an, er konnte sich nicht erinnern. Einem Kunden musste ich einen Stilberater besorgen. Es geht nun mal nicht, dass man in einem Arbeitsanzug zu einer Verabredung kommt oder in Jeans und einem alten T-Shirt. Man spielt eine Rolle: die des Typen, mit dem sie zusammensein wollen."

Hier nähern wir uns dem Kern des Problems. Ohne Frage ist das, was Prager und seine Kunden da tun, auf einer gewissen Ebene eine Täuschungshandlung. Auch wenn Pragers Beteiligung an der Brautschau durchaus Ähnlichkeiten mit der Arbeit eines traditionellen Heiratsvermittler hat, so ist in diesem Fall doch eine der beteiligten Personen völlig ahnungslos, dass sie es mit einer dritten Partei zu tun hat.

"Sehen Sie mal, es ist nicht so, dass ich mir dessen nicht bewusst wäre. Vielleicht fehlt mir auch so etwas wie ein moralischer Kompass, aber mir erscheint die Täuschung minimal", erwidert Prager. "Ich bin der Meinung, dass die Frau nur in einem Punkt über die Persönlichkeit meines Kunden getäuscht wird: Er gibt nicht zu, dass er zu beschäftigt ist, seine Online-Dates selbst zu managen", betont Prager. "Es ist doch nur der E-Mail-Verkehr. Etwas anderes wäre, wenn ich mich sieben Monate lang mit ihr treffen würde und dann, urplötzlich, würde 'Ted' an meiner Stelle einsteigen. Das wäre mies.“

Überwältigt von der Fülle der Möglichkeiten

Abgesehen davon, dass Prager sich an Stelle seiner Kunden ignorieren und zurückweisen lässt, muss er für sie auch die Spreu vom Weizen trennen. In unserer konsumistischen Gesellschaft sind wir darauf getrimmt worden zu glauben, dass es ein Vorteil ist, die Wahl zu haben. Deshalb gilt: Je breiter unsere Auswahlkriterien sind, umso besser. Und doch ist man von der Fülle der Möglichkeiten leicht überwältigt, dass gilt für potentielle Partner ebenso wie für die Wahl des richtigen Flugs oder des richtigen Hotels. Abzüglich derer, die in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft leben, gibt es in Großbritannien etwa 18 Millionen Singles. Die Forschungsagentur Jupiter fand heraus, dass von den 24 Millionen ersten Dates im Jahr 2008 beinahe 70 Prozent online verabredet worden waren. Das Stigma der Anfangstage – die letzte Zuflucht der Verzweifelten – lässt die Partnersuche im Internet immer weiter hinter sich.

Wer mit Pragers Kunden sprechen möchte, könnte allerdings etwas anderes meinen. Es ist in etwa so, als hätte man es mit jemandem zu tun, der in einem Zeugenschutzprogramm ist: Der Kontakt kam nur über eine temporäre E-Mail-Adresse und unter Verwendung eines Pseudonyms zustande. Schließlich erklärte sich „Joe“, ein 45-jähriger Akademiker, der seit vier Jahren geschieden ist und zwei kleine Kinder hat, bereit dazu, mit mir zu reden.

"Ich habe mit der Partnersuche im Internet einige schlechte Erfahrungen gemacht: Endlose E-Mails, kaum Verabredungen, Dates mit enttäuschten Frauen. Ich habe es einfach nicht geschafft, eine begehrenswerte Frau zu finden. Als älterer Typ hat man an manchen Quellen, wie etwa Bars, einfach nicht mehr so viel Erfolg. Früher habe ich mich immer mit Freundinnen oder Frauen, die ich zufällig traf verabredet, aber dann wurde es wichtig, dass ich mir eine zusätzliche produktive Quelle erschloss: Partnerseiten. Matt und ich haben uns im Vorfeld ausgiebig getroffen, er kennt mich sehr gut."

Was für ein Stress!

Matt hat sich für Joe als Erfolg erwiesen. In den vergangenen Monaten, erzählte er mir, hatte er über 50 Verabredungen. Mit einigen von ihnen trifft er sich weiterhin, denn für „die Richtige“, so sagt er, habe er sich noch nicht entschieden. Seine Energie ist für einen Mittvierziger bewundernswert. Ich selbst bin 42 und der Gedanke sechs Monate lang jede Woche zwei Frauen zu treffen, führt dazu, dass ich mich mit einer kalten Kompresse auf dem Kopf aufs Sofa legen will.

„Matt hat einen unglaublichen Flow an Frauen generiert“, erzählt Joe. „Es gibt Tage und Wochen, da kann ich meine ganze freie Zeit mit ihnen füllen, wenn ich will. Manche sind erstklassig. Matt ist der Beste. Er weiß, wie er mich im besten Licht erscheinen lässt und gleichzeitig meiner Persönlichkeit treu bleibt. Er hat mich viel selbstbewusster gemacht, was Verabredungen betrifft. Er verwendet unzählige Stunden darauf; Zeit, die ich nicht habe. Im Ergebnis kann ich meine Zeit auf die eigentlichen Verabredungen konzentrieren, anstatt auf den Prozess.“

Man muss kein Psychologe sein, damit einen einige Formulierungen in Joes Antwort aufhorchen lassen: "generieren eines Flows", "Prozess", "zusätzliche produktive Quelle erschließen". Es ist eine Business-Sprache, keine Sprache der Gefühle. Für Joe scheint Matt die gleiche Funktion zu erfüllen wie eine persönliche Assistentin in seiner Firma: Matt entwirft ellenlange emotionale Briefe und Joe unterschreibt dann auf der gepunkteten Linie. Betrug ist das nicht: Es ist einfach die Art und Weise, wie vielbeschäftigte Menschen ihre Angelegenheiten regeln.

Dabei darf man nicht vergessen, dass Täuschung immer ein Stück weit Teil des Kennenlernens ist. Bei meiner ersten Verabredung mit meiner heutigen Partnerin Jennifer erzählte ich ihr, ich hätte Spaß am Staubsaugen und würde mich quasi vegetarisch ernähren. Keines von beidem wird auch nur annährend der Wahrheit gerecht, aber ich wollte, dass sie mich mochte und dabei sollte mir weder meine Toleranz gegenüber Staub noch meine Leidenschaft für Fleisch in die Quere kommen. Wir alle tendieren in der Frühphase einer Beziehung dazu, uns von unserer Schokoladenseite zu zeigen und unsere Fehler für uns zu behalten.

Virtuelle Petrischale

Das Internet erleichtert solche Verheimlichungen, es ist eine virtuelle Petrischale, in der sich Täuschungen erfolgreich kultivieren lassen. Die Abwesenheit von visuellen Signalen tut ihr übriges, da wir bei der Interaktion mit anderen sehr stark von non-verbalen Zeichen abhängig sind. Laut einer Umfrage des amerikanischen Fernsehsenders MSNBC ist ein Drittel der Personen die Partnerbörsen im Internet nutzen bereits verheiratet. Eine Studie des MIT fand heraus, dass 20 Prozent der Online-Dater zugeben, dass sie andere täuschen. Auf die Frage, wieviel Prozent aller anderen dort lügen, stieg die Einschätzung auf 90 Prozent.

Zum größten Teil sind es allerdings kleine Lügen, die wir beim Flirten im Internet unterbreiten: Männer machen sich ein paar Zentimeter größer, Frauen ziehen ein paar Kilo ab und Fotos sind oft nicht auf dem neuesten Stand. Als einer von Pragers Kunden seinem Date gestand, dass er nicht der Mann ist, mit dem sie E-Mails austauschte, zuckte die Frau mit den Achseln und gab zu, dass sie einen 17-jährigen Sohn hatte, den sie in ihrem Profil nicht erwähnte. Kann es sein, dass das Internet uns darauf konditioniert hat, immer ein Stück weit Täuschungen zu erwarten und sie zu akzeptieren wenn wir mit anderen online zu tun haben? Oder ist das Internet ein Testgelände, auf dem unsere emotionale Aufrichtigkeit auf die Probe gestellt wird? Immerhin bedeutet die Tatsache, dass wir andere täuschen können ja nicht, dass wir dazu gezwungen wären.

Vielleicht ist es letzten Endes so, dass Pragers unbestrittenes Geschick einfach diejenigen anspricht, denen die Frühphase des Kennenlernens im schlimmsten Fall wie eine Last und im besten Fall wie ein Mittel zum Zweck vorkommt – egal, ob dieser nun einfach ein Drink oder ein Abendessen ist oder eine ausgereifte Beziehung. Und doch kommt man schwer umhin zu denken, dass einer, der sich so schnell langweilt, dass er keine Lust darauf hat, den ersten Schritt in Richtung seines zukünftigen Partners online selbst zu tun, vielleicht Beziehungsprobleme hat, die so groß sind, dass selbst Prager sie nicht lösen kann. Oder, wie er selbst sagt: „Ich bin nicht Ihr Schwanz. Wenn Sie wirklich meine Hilfe brauchen, um flachgelegt zu werden, dann sind Sie in größeren Schwierigkeiten als Sie dachten...“

Übersetzung der gekürzten Fassung: Christine Käppeler
16:50 01.05.2010

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