Da geht doch noch was!

Artenschutzgipfel Die Erfahrung mit den Klimaschutzkonferenzen ließ Schlimmeres erwarten: Nun könnte Nagoya beispielhaft für die Kopenhagens von morgen sein

In wenigen Tagen wird er abtreten, doch am vergangenen Samstag konnte er nochmal einen grossen Erfolg feiern: Brasiliens Präsident Lula da Silva hat auf dem Artenschutzgipfel im japanischen Nagoya für sein Land gegen die unentgeltliche Nutzung genetischer Ressourcen, also gegen Biopiraterie, gekämpft. Und nun gibt es eine Einigung: Wer das Erbgut einer Pflanze oder eines Tieres für Medikamente oder Kosmetika nutzt, muss die Herkunftsländer künftig am Gewinn beteiligen. Davon profitiert insbesondere Brasilien als Land mit der wohl größten Artenvielfalt. Pharmamultis müssen derweil nicht länger fürchten, für die vergangene Biopiraterie zur Kasse gebeten zu werden.

Nagoya ist aber nicht nur wegen des beschlossenen Protokolls „über den Zugang zu genetischen Ressourcen und die gerechte Verteilung der Gewinne aus deren Nutzung“ ein Erfolg. Den eigentlichen Arten- und Naturschutz regelt nun der „Strategische Plan 2020“ der UN-Konvention über die biologische Vielfalt (CBD): Bis zum Jahr 2020 sollen 17 Prozent der Land- und zehn Prozent der Meeresfläche unter Schutz gestellt, die Überfischung der Meere gestoppt und umweltschädliche Subventionen abgeschafft werden. Und schliesslich haben sich alle 193 Teilnehmer der Konferenz darauf geeinigt, den ökonomische Wert der Natur in ihre nationale Buchhaltung aufzunehmen. Wie das Bruttoinlansprodukt soll künftig auch der Gewinn oder Verlust an Umweltkapital Eingang in politische Entscheidungen finden.

Der Jubel über die Einigung ist groß, denn täglich werden weltweit bis zu 380 Tier- und Pflanzenarten ausgerottet. Sie verlieren wegen des zunehmenden Flächenbedarfs der Städte, Landwirtschaft, Fischerei und des Tourismus ihren Lebensraum. Soll der Verlust der Artenvielfalt gestoppt werden, braucht es Schutzgebiete. Auf dem Land macht man bereits Fortschritte: Heute sind rund 13 Prozent der globalen Landfläche mehr oder weniger geschützt. Und neben staatlichen Maßnahmen, Nationalparks etwa, gibt es nun auch privatwirtschaftliche Ansätze wie das habitat banking: Unternehmen wie Minenbetreiber oder Immobilienentwickler, die großflächig Land zerstören, werden gezwungen dafür Ersatz zu schaffen. In den USA fließen bereits drei Milliarden Dollar jährlich in den Schutz von Sumpfgebieten. Doch das habitat banking hat auch in Südamerika großes Potenzial wie eine Studie des UN Umweltprogramms und der Unternehmensberatung PWC zeigt: So besteht in Brasilien, Costa Rica, Chile und Mexiko bereits die Chance, Wirtschaftswachstum und den Status der „Biodiversitäts-Supermacht“ miteinander in Einklang zu bringen.

Ungeschützte Ozeane

Schlechter sieht es für die Meere aus. Bislang sind nur 1,3 Prozent der Ozeane in irgendeiner Form geschützt. Das ist dreimal mehr als vor sieben Jahren, aber weit entfernt vom nun gesetzen Ziel. Ein Problem ist hier das internationale Seerecht, gemäß dem in internationalen Gewässern jeder tun kann, was er will. Dieses Problem versuchen nun einige Inselstaaten im Pazifik auszuhebeln: Wer in ihren Hoheitsgewässern fischen will, verzichtet in den dazwischenliegenden internationalen Gewässern. Doch Meeresschutzgebiete alleine reichen nicht, wie eine neue Studie diverser UN- und Umweltorganisationen feststellt: Es braucht eine „Raumplanung“ für die Meere, die klare Regeln für deren Bewirtschaftung aufstellt. Am meisten profitieren davon die Fischer, da die meisten Bestände bereits überfischt sind.
Klimaschutz für die Arten

Langfristig wird die Menschheit nicht umhin kommen, noch sehr viel größere Gebiete als derzeit geplant abzuschirmen: „Es ist Zeit, die Wahrheit zu sagen: Das ganze Ding fällt auseinander, wenn wir nicht mindestens die Hälfte der Planeten unter Schutz stellen,“ sagt Harvey Locke von der Wild Foundation. Eine neue Studie in Science weist auch auf die Bedeutung des Klimawandels hin: Wenn sich das Klima um zwei Grad erwärmt, verliert der Amazonas die Fähigkeit, die Hälfte seines Regens selber zu erzeugen. Der Urwald verwandelt sich dann in trockenes Grasland und gibt große Mengen Treibhausgase frei. Die Studie demonstriert die extreme Dringlichkeit von Klima- und Naturschutzmaßnahmen.

Ausgleich zwischen Ökologie und Ökonomie

Die Artenschutzkonferenz als „kleine Schwester“ der Klimagipfel zeigt auch, wie sich die bislang enttäuschenden Klimaschutzkonferenzen zu besseren Ergebnissen führen ließen. Zum einen scheint es, dass ein Ausgleich zwischen Ökologie und Ökonomie möglich ist. Der Einsatz von wirtschaftlichen Anreizen ist sogar das zentrale Instrument, um den Naturschutz voranzubringen. Und die Folgen auf die Wirtschaft sind nennenswert: Landwirtschaft und Fischerei müssen nachhaltig betrieben, umweltschädliche Subventionen abgebaut werden. Und die Pharmaindustrie muss Gewinne teilen, wenn sie Tiere und Pflanzen nutzt.

Zweitens lehrt der Gipfel, dass die Länder der Welt bereit sind, sich zu Maßnahmen zum Schutz der Natur zu verpflichten. Obwohl jedes der 193 Länder ein Vetorecht hatte, gelang der Kompromiss. Offensichtlich ist den Regierungen klar, dass man einem globalen Problem besser mit einer globalen Lösung begegnet, als einzeln und unkoordiniert vor sich hinzuwursteln. Was eine weitere Erkenntnis zeitigt: Gerade wenn die USA – wie in Nagoya – nicht dabei sind, wird der Erfolg möglich.
Nagoya ist nur der erste Schritt, um die Natur vor ihrer bislang erfolgreichsten Spezies zu schützen, aber ein wichtiger – wie WWF-Chef Jim Leape meint: „Dieses Abkommen bestätigt das fundamentale Bedürfnis die Natur zu schützen als Grundlage sowohl für unsere Wirtschaft als auch unsere Gesellschaft.“

Christian Mihatsch ist freier Autor in Bangkok und Korrespondent von

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