Da haben wir den Glyphosalat

Gift Das Herbizid Glyphosat haben alle Bauern auf Lager und viele Verbraucher im Blut. Aber verursacht das Mittel Krebs?
Tanja Busse | Ausgabe 44/2015 15
Da haben wir den Glyphosalat
Nur genmanipulierte Pflanzen überleben die Behandlung
Foto: Gustavo Alabiso/Imago

Für die meisten konventionellen Landwirte war Glyphosat jahrzehntelang ein Wirkstoff wie jeder andere. Das Totalherbizid aus dem Hause Monsanto war günstig, zuverlässig und galt sogar als besonders harmlos. „Glyphosat unterbricht die Photosynthese, also das Pflanzenwachstum. Es wirkt also nicht als Gift“, hat Udo Hemmerling, stellvertretender Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands, jüngst einem MDR-Journalisten erklärt und fast entschuldigend hinzugefügt: „Deshalb sind wir als Landwirte auch immer davon ausgegangen, dass das ein besonders schonendes Pflanzenschutzmittel ist.“

Pflanzenschutzmittel ist ein merkwürdiges Wort für einen Stoff, der alle Pflanzen tötet, die ihn aufnehmen, doch genau deshalb können die Landwirte es so gut gebrauchen: Zum Beispiel wenn Getreide so ungleichmäßig gereift ist, dass der Mähdrescher es nur schwer ernten kann. Dann besprühen die Landwirte das Getreide mit Glyphosat, was alle Pflanzen absterben – also reifen – lässt: Die Ernte ist gerettet. Diese Praxis, Sikkation genannt, ist seit 2014 nur noch in Ausnahmefällen erlaubt.

Am häufigsten wird Glyphosat in Deutschland in der konservierenden Bodenbearbeitung eingesetzt. Das ist eine neue Ackerbautechnik, bei der die Landwirte den Acker nicht mehr tief umpflügen, sondern nur oberflächlich bearbeiten, bevor sie die neue Saat in den Boden bringen. Das schützt den Boden, sagen die Berater, spart Energie und hilft deshalb dem Klima. Der Nachteil: Ohne Pflug gedeihen die Unkräuter besonders gut. Hier hilft Glyphosat wie kein anderes Mittel: Eine einzige Behandlung tötet alle Unkräuter, bevor die neuen Samen in den Boden kommen. Ohne Glyphosat wäre die konservierende Bodenbearbeitung sehr viel komplizierter, wenn nicht sogar unmöglich. Deshalb ist es wohl kein Zufall, dass Monsanto immer wieder als Förderer dieser Landwirtschaft ohne Pflug in Erscheinung tritt.

Deshalb haben viele Landwirte Glyphosat als Baustein einer guten ackerbaulichen Praxis wahrgenommen. Umso erstaunter waren sie, als die öffentliche Debatte über das Mittel als schlimmstes Ackergift und Todesbringer über sie hereinbrach.

Unreifes Getreide

Aus Sicht der Verbraucher wiederum ist diese Einschätzung nur folgerichtig: Sie kennen Glyphosat als das wichtigste Pflanzengift des US-Konzerns Monsanto, das die weltweite Verbreitung der Gentechnik auf dem Acker überhaupt erst möglich gemacht hat. Monsanto, das nach einer Reihe von kritischen Veröffentlichungen bei Globalisierungskritikern als Inkarnation des Bösen gilt, hat Pflanzen, vor allem Mais und Soja, gentechnisch so manipuliert, dass sie die Behandlung mit Glyphosat überleben. Monsanto vertreibt dieses Saatgut im Doppelpack mit Glyphosat unter dem eingängigen Namen Roundup und Roundup Ready. Man kann das als Paradigmenwechsel im Ackerbau bezeichnen: Die neue Technik hat das Ackern extrem vereinfacht, sozusagen idiotensicher gemacht: Vorher spritzten die Farmer präzise gegen die Unkräuter, die ihre Pflanzen zu überwuchern drohten. Heute tötet der Gentechnikfarmer mit Glyphosat alles, was auf seinen riesigen Feldern lebt – und nur die genmanipulierten Pflanzen überleben die Giftdusche. Lazy Farmer Soy wird diese Technik in Brasilien genannt, die Sojabohne für die faulen Farmer.

Es gibt dramatische Berichte aus Argentinien, wo Glyphosat oft mit Flugzeugen versprüht wird. In den Dörfern am Rande der Felder häufen sich Todesfälle, Krebserkrankungen und qualvolle Missbildungen. Es ist schwer nachzuweisen, ob Glyphosat dafür verantwortlich ist oder auch das inzwischen verbotene Insektizid Endosulfan oder doch ganz andere Stoffe – doch viele Wissenschaftler halten das für wahrscheinlich. Roundup-Ready-Saatgut ist in Deutschland nicht zugelassen und die meisten Landwirte wollen es auch nicht anbauen. Doch auf Glyphosat verzichten wollen sie ebenso wenig. „Glyphosat ist nicht das Zentralatom des Ackerbaus“, sagt Anna Luetgebrune, die 450 Hektar Ackerland in Lippe und im Weserbergland bewirtschaftet. „Aber ein Mosaik im System. Wir brauchen es für ein vernünftiges Resistenzmanagement, denn es ist wichtig, viele verschiedene Wirkstoffe zu haben.“ Sie hat die Superunkräuter in den Soja-Monokulturen Brasiliens gesehen, die durch den jahrelangen Dauereinsatz resistent gegen Glyphosat geworden und nun kaum mehr zu bekämpfen sind. Um solch eine Resistenzbildung auf ihren Feldern zu vermeiden, kombiniert sie verschiedene Mittel, Glyphosat inklusive, das aber nur vor der Aussaat. Zur Sikkation würde sie es jetzt nicht mehr verwenden, sagt sie. Die allermeisten Landwirte in Deutschland gingen verantwortungsvoll mit Pflanzenschutzmitteln um, ist sie überzeugt. Doch jüngsten Meldungen über Glyphosat-Rückstände scheinen auch sie verunsichert zu haben.

Ohne die hartnäckige und unerschrockene Leipziger Professorin Monika Krüger, bis 2013 Direktorin des Instituts für Bakteriologie der tiermedizinischen Fakultät der Uni Leipzig, wäre es vermutlich nicht ans Licht gekommen, dass viele Menschen in Deutschland Glyphosat im Körper haben. Denn keine staatliche Institution hat überprüft, ob sich Glyphosat auf den deutschen Äckern wirklich so schnell abbaut, wie die Hersteller behaupten. Solche Tests sind nicht vorgeschrieben. Krüger nahm vierzig Urinproben von Menschen, die nicht mit Landwirtschaft oder Gärtnerei zu tun hatten, und entdeckte Glyphosat in jeder Probe. Im Mai 2015 ließ die Grünen-Bundestagsfraktion um den Gentechniksprecher Harald Ebner die Milch stillender Mütter untersuchen und fand auch Glyphosat, ausnahmslos in jeder Probe.

Die Bürgerinitiative Landwende aus Klein Jasedow im Nordosten von Mecklenburg-Vorpommern warnt schon seit Jahren vor den Giften auf dem Acker. Sie hat sich vor einigen Jahren als Reaktion auf eine Reihe von Herbizidvergiftungen gegründet und hält es für skandalös, dass die deutschen Behörden die Glyphosat-Belastung der Menschen nicht längst systematisch untersuchen. Deshalb hat die Initiative jetzt zur „Urinale 2015“ aufgerufen: Möglichst viele Bürger sollen Urinproben zum Test auf Glyphosat einschicken.

In Blut und Muttermilch

Die deutschen Behörden bringt diese Gemengelage in eine schwierige Lage: Die Internationale Krebsforschungsagentur IARC, die Glyphosat vor kurzem als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft hatte, gilt unter Fachleuten als sehr renommiert und zuverlässig. Gleichzeitig häuft sich die Kritik am methodischen Vorgehen des Bundesinstituts für Risikoforschung, das Glyphosat für ungefährlich hält und der EU die Wiederzulassung empfohlen hat.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) bewertet dieses Zulassungsverfahren als „mangelhaft“: Denn die Hersteller selbst dürfen die Länder auswählen, in denen sie ihre Wirkstoffe prüfen lassen. Die Studien dazu liefern sie zum größten Teil selbst, gewähren aber unabhängigen Wissenschaftlern keinen Einblick. „Das ist politischer Wille“, vermutet Heide Moldenhauer vom BUND, „dass in Deutschland, dem Land der Chemieindustrie, bestimmte Stoffe großzügig beurteilt werden.“ Denn auch die deutsche Industrie hat großes Interesse daran, dass die Geschäfte mit Glyphosat nicht gestoppt werden: Seit der Patentschutz für den Pflanzenkiller ausgelaufen sind, produzieren weitere Unternehmen neben Monsanto den umstrittenen Stoff. Zu den größten gehören die deutschen Konzerne Bayer und BASF, denen eine Prüfung im eigenen Land natürlich gelegen kommt. Ohne die vernichtende Bewertung des IARC konnten sie sich gute Chancen auf eine reibungslose Neuzulassung von Glyphosat ausrechnen. Jetzt muss neu bewertet und geurteilt werden – und solange darf Glyphosat erst einmal weiter verwendet werden, unter Missachtung des Vorsorgeprinzips. Das macht misstrauisch.

Für Heike Moldenhauer zeigt der Fall Glyphosat, dass das System der industriellen Landwirtschaft insgesamt an seine Grenzen stößt, ein System, das auf absolute Kontrolle durch Agrarchemie setzt - und neue ökologische Kenntnisse außer Acht lässt. In den letzten Jahren haben Agrarökologen und Bodenforscher neue Erkenntnisse über das komplexe Zusammenspiel von Pilzen, Pflanzen und Mikroorganismen im Boden gewonnen. Ausgerechnet jetzt, wo sie beginnen, das Wunder der Pflanzenkommunikation durch chemische Botenstoffe im Boden zu verstehen, hat setzt sich in weiten Teilen der Welt und auf den fruchtbarsten Äckern das Prinzip der verbrannten Erde als ackerbauliche Praxis durch. Ein Verbot von Glyphosat könnte helfen, diese agrarökologischen Erkenntnisse in die Praxis zu bringen.

Tanja Busse ist Journalistin und Autorin. Zuletzt erschien ihr Buch Die Wegwerfkuh

06:00 04.11.2015

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