Da ist keine Angst

Krise Ich komme aus Syrien und weiß, wie sich eine Ausgangssperre in Kriegszeiten anfühlt. Den Corona-Frühling in Köln finde ich immer noch schön
Dies ist Köln. Das war Aleppo
Dies ist Köln. Das war Aleppo

Fotos: Jochen Tack/Imago Images, ZUMA Press/Imago Images (unten)

Seit einigen Tagen ist die Millionenstadt Köln für mich wie ein kleines und schönes Dorf im Frühling. Die Stadt am Rhein verliert trotz der Corona-Zeit und die mit ihr verbundenene Leere sein Flair nicht. Ich lebe seit 2014 in dieser wunderbaren Stadt, im Agnesviertel ist mein Zuhause.

Seit mehr als einem Jahr bin ich in ein Café am Wallraffplatz verliebt. Es ist das Art-Café, es liegt gegenüber dem Kölner Funkhaus. Es ist in der Nähe der beliebten Einkaufsmeile Hohe Straße und dem Kölner Dom. Die großen Fenster ermöglichen einen schönen Ausblick auf den 123 Meter langen Platz. In diesem Café habe ich Stunden nach meiner Arbeit im Römisch-Germanischen Museum oder an Wochenenden an meinen Kunstprojekten und an meinem Buch Raqqa am Rhein gearbeitet. Oder ich habe mich gemütlich auf ein Sofa gesetzt, einen Tee getrunken und die Menschen beobachtet.

Zu Beginn der Corona-Situation habe ich nach wie vor in diesem Café an meinen Projekten gearbeitet. Tag für Tag blieben jedoch immer mehr Gäste weg. In den letzten Tagen war ich fast stundenlang allein. Das Fernbleiben der Gäste machte mir den Ernst der Lage bewusst. Mir wurde bewusst, ich würde mein geliebtes Café nicht mehr besuchen können. Enttäuscht von den Umständen sagte mir der Kellner, dass sie sich überlegen, das Café ab morgen nicht mehr zu öffnen. Die Menschen hätten Angst und würden das Haus nicht mehr verlassen.

Die Welt der Träume

Die Worte des Kellners erinnerten mich sofort an zwei Ereignisse in meinem Leben. Sie erinnerten mich an den Krieg in Syrien und an Ägypten. 2012 studierte ich im letzten Semester an der Universität in Aleppo. Das Regime hatte bereits einige Viertel Aleppos erobert und versuchte weitere Viertel zu ergreifen. Aufgrund dessen mussten sich die Einwohner/innen wochenlang in ihren Häusern verstecken.

Jede/r Syrer/in kennt die Ausgangssperre. Wir kennen sie, weil wir sie erlebt haben und uns darüber berichtet worden ist. Unsere Städte wurden durch das Regime immer wieder mehrere Stunden lang bombardiert.

Der schöne blaue Himmel, dessen Anblick uns in eine Welt der Träume entführte, wurde in Syrien unser Albtraum. Militärflugzeuge hatten diesen Ort der Träume erobert. Stunden und Tage verbrachten wir mit der Angst, diese Welt zu verlassen, nicht in eine Welt der Träume, sondern in die Welt der Toten.

Zu Hause zu bleiben, bedeutete in Syrien nicht, dass wir in Sicherheit waren. Wir hatten keine Bunker oder Keller mit dicken und stabilen Wänden, die uns Sicherheit gewähren konnten. Ungeachtet dessen waren unsere schwachen Häuser unser einziger Zufluchtsort, unser gebrechlicher Schutz. Des Weiteren litten wir unter der Knappheit von Wasser, Brot und Rettungswagen. Oftmals sperrte das Regime das Internet und Facebook war verboten.

Das sind die syrischen Soldaten.

Das ist der syrische Geheimdienst.

Das ist das syrische Regime.

Das ist Ausgangssperre bei uns.

Aufgrund des syrischen Regimes musste ich Silvester 2012 meine Heimat verlassen und nach Ägypten, in die Hafenstadt Alexandria flüchten. Nach circa einem Jahr änderte sich die politische Stimmung auch hier. Die Ruhe der Stadt verließ uns. Die Stadt änderte sich langsam und sie änderte sich schnell. Nach einem Jahr wurde die Ruhe der Stadt wegen der politischen Situation immer lauter. Überall waren inzwischen Armeeabsperrungen errichtet worden und nach neunzehn Uhr durfte keiner mehr auf der Straße sein.

Am Anfang der Straße, in der ich wohnte, stand rund um die Uhr ein Panzer. Auch hier wieder, wie zuvor in Syrien, nahm das Gefühl von Angst von mir Besitz. Ich setzte mich auf den Balkon, um den Blick auf das Mittelmeer zu genießen und die Passanten zu beobachten. Aber meine Augen fielen auf Waffen und Militärs, die permanent neben den Panzern standen und die Menschen kontrollierten. Mein Sicherheitsgefühl ging verloren. Jeden Tag berichteten syrische Freunde von Räubern, die sie wegen Geld und Wertgegenständen auf der Straße mit Messern bedrohten.

Frühling 2020. Jetzt müssen wir in Deutschland zu Hause bleiben. In Europa. In der Welt. Die Europäer kennen und kannten so eine Ausgangssperre nur die Generationen, die den Ersten Weltkrieg und den Zweiten Weltkrieg erlebten.

Diese Ausgangssperre und zu Hause zu bleiben in der Corona-Virus-Zeit ist für mich wirklich ein Luxus. Es ist alles da und ich werde nicht verhungern. Essen, Wasser, Internet, Zeitung und Fernsehen sind für uns alle verfügbar. Auch die Sonne scheint seit Tagen in unsere Fenster, auf unsere Balkone und in unsere schönen Gärten.

Auch wirkliche Angst gibt es nicht, weil wir unseren Medizinern und dem medizinischen System vertrauen können. Die Bundeswehr ist bereit, Notkliniken für die Patienten aufzubauen sowie für unsere Sicherheit zu sorgen. Klopapier ist nur für die meisten das einzige Problem und wird auch zurzeit genügend zur Verfügung gestellt. Für mich ist das ein Luxus.

Abends öffne ich das Fenster

Natürlich entstehen viele andere Probleme durch diese Situation. Das betrifft uns alle. Ich war nicht traurig als viele meiner Veranstaltungen und Lesungen im März und im April auf einmal abgesagt worden. Und vielleicht werden meine Ausstellungen im Juni und im Herbst auch abgesagt, an denen ich seit Monaten in meinem Lieblings-Café am Wallraffplatz in Köln gearbeitet habe. Ich kenne zerstörte Freiheitsräume, ich kenne aber auch den hoffnungsvollen Neuanfang. Die Absagen hinzunehmen, sind mein Anteil.

Ich solidarisiere mich mit allen, die jetzt arbeiten müssen, mit den MedizinerInnen, mit den PflegerInnen und den anderen HelferInnen in Deutschland, mit den Menschen im Supermarkt. Gerne öffne ich meine Fenster an den verabredeten Abenden um 21:00 Uhr, egal ob es kalt oder warm draußen ist und klatsche zusammen mit den Nachbarn in die Abendluft hinein. Gestern habe ich bemerkt, dass mein Klatschen nicht so laut war, ich habe dann schnell gegen meine arabische Teekanne und mit einem Löffel zwei Minuten lang mit Gefühl geschlagen.

Ich habe auf Facebook geschrieben: „Bitte bleibt so lange wie möglich zu Hause. Jeder hat so viele Bücher, die er/sie immer gerne lesen wollte, aber keine Zeit dafür hatte. Oder die andere Dinge, die für uns wichtig sind, mit denen wir aber noch nicht geschafft haben, uns zu beschäftigen. Ich schütze dich dadurch und du mich. Also noch mal: bleib so lange wie möglich zu Hause.“ Ansonsten, natürlich, wird das Leben eine zeitlang richtig schwer. Ich wünsche mir, dass Ihr meinen Schlag gegen die arabische Teekanne bis zum Ende der Krise hören könnt und ich eure Löffel, die gegen eine Tasse oder eine Teekanne schlagen.

Jabbar Abdullah lebt in Köln, wo er im Römisch-Germanischen Museum arbeitet, als Kurator und Schriftsteller tätig ist und sich für Geflüchtete engagiert. Im April erscheint sein Buch Raqqa am Rhein im Bremer Sujet-Verlag

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