Da vorn ist Polen

Unerschütterlicher Schutzwall Die neue Ostgrenze der EU erfüllt ihren Zweck

Sobald sich ein fremdes Auto dem Schlagbaum nähert, greift der Rekrut vor dem Grenz-Kommando in Chelm als Allererstes zur Maschinenpistole. Routinemäßig und vorsichtshalber. Hinter dem weiß-roten Schlagbaum liegt immerhin die Kommandozentrale für den gesamten 460 Kilometer langen Südostsektor der polnischen Grenze - den "Bug-Abschnitt", benannt nach dem Grenzfluss, der Polen von der Ukraine und Weißrussland trennt. Innerhalb des Grenzkommandos, in einer dunklen, kalten Kammer, hat auch Oberst Andrzej Wojcik sein Büro, aber die Kälte stört ihn nicht sonderlich. Er müsse ja seit Monaten jeden Tag "ins Gelände", was soviel heißt wie: an die "Grüne Grenze" mit der Ukraine.

Wojcik patrouilliert nicht, um illegale Grenzgänger zu jagen, dafür sind andere zuständig - Wojcik präsentiert, um EU-Politiker und Journalisten zu überzeugen, wie gut sein Land damit zurecht kommt, die neue Außengrenze der Europäischen Union zu schützen und abzuschirmen. Dass Emissäre aus Brüssel seine Lageberichte erfreut zur Kenntnis nehmen, kann nicht verwundern: Seit 1997 gab es mit dem Phare-Programm bereits 100 Millionen Euro Zuschüsse aus Brüssel für die Grenzanlagen, weitere Finanzschübe kündigen sich an - bis 2006 soll EU-Debütant Polen noch einmal 280 Millionen Euro für "Sicherungsmaßnahmen an der Ostgrenze" überwiesen bekommen.

Andrzej Wojcik, einst ein kleiner Beamter an der Oder-Neiße-Grenze zwischen Polen und der DDR, greift nach einem Zeigestock und deutet mit zackigen Bewegungen auf den Grenzfluss: "Der Bug-Abschnitt misst 460 Kilometer Länge, überwiegend Wasser, nur im Süden eine kurze Landstrecke, Hauptproblem: Drogenschmuggel und illegale Immigration, Personalstand des polnischen Grenzschutzes bis dato 14.000 Mann, Aufstockung auf 15.500 bis 2007. Heute noch teilweise Grundwehrdienst. Ziel bis 2007: nur noch Berufskader."

Ein Mausklick genügt

Ein Erlebnis sondergleichen - vom imposanten Stabs-Staccato des Obersten Wojcik abgesehen - bietet Krylow, 80 Kilometer weiter südlich an der Grenze zur Ukraine gelegen. Der Ort an sich beeindruckt durch vollkommene Ereignislosigkeit: ein malerischer Flecken mit gackernden Hennen bevölkert, mit dem gekrümmten Sandrücken mancher Straßen, einer Volksschule und einem Grenzschutz-Posten natürlich, vor dem ein VW-Bus steht. Der ist mit feinstem High-Tech-Inventar ausgestattet: Infrarotkameras etwa, mit denen die polnische Grenzwache selbst bei totaler Dunkelheit auf 20 Kilometer Entfernung jede Bewegung im Grenzabschnitt beobachten kann. "Sehen wir etwas Verdächtiges, genügt ein Mausklick und ein mit der Kamera verbundener Computer zeigt uns auf der Karte, wo sich das ›Objekt‹ befindet - auf einen Meter genau", erklärt Wojcik und bittet zum Beweis in den Bus. Obwohl es draußen inzwischen stockdunkel ist, bietet die Kamera ein absolut klares Bild: Zwei uniformierte Männer hocken im Dickicht direkt neben dem Grenzfluss. "Unsere Leute auf Patrouille", erklärt der Oberst.

20 solcher Infrarotkameras habe Polens Grenzschutz in diesem Abschnitt im Einsatz. Fast alle seien in Fahrzeugen installiert, eine sogar an Bord eines Überwachungsflugzeugs, das Nacht für Nacht die Ostgrenze des Landes abfliege. Die neue Außengrenze der Union, ist Wojcik sicher, werde inzwischen fast lückenlos überwacht. Man verfüge vom Equipment her über alles, was erprobt sei. Außerdem wurde im Südost-Sektor die Zahl der Grenzschutz-Posten von acht auf sechzehn verdoppelt, jeder von ihnen kontrolliert rund 30 Kilometer "Grüner Grenze". Ein lückenloses Netz, ein so unerschütterlicher wie undurchdringlicher Limes, der sich illegalen Grenzgängern auf dem Weg ins Gelobte Land Europa entgegenstellt.

Transzendente Fähigkeiten

Am nächsten Morgen haben die Grenzer vom Wachposten Krylow Gelegenheit zu zeigen, wie routiniert sie inzwischen die EU-Ostgrenze zu schützen verstehen Wenige Minuten, nachdem ein Späher die Meldung durchgegeben hat - auf der ukrainischen Seite seien sieben Personen dabei, ein Schlauchboot zu besteigen, vermutlich um damit den Grenzfluss zu überqueren - rücken die polnischen Grenzer mit zwei Jeeps und einer Motorradpatrouille ins Gelände aus.

Als drei Pakistani und vier Vietnamesen aus dem Gebüsch am polnischen Ufer des Bug kriechen, werden sie bereits erwartet. Dann geht alles sehr flott: Die Grenzgänger werden zu den Jeeps gedrängt, müssen sich mit erhobenen Händen an die Autos lehnen und eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen. Keine drei Minuten später fahren die Jeeps durch den Morast in Richtung Wachstation davon. Fast zeitgleich stoppt ein anderer Trupp einen verbeulten Polski Fiat - das Auto der Schlepper, das die Illegalen auf der polnischen Seite abholen sollte.

Vor wenigen Monaten waren Beamte des US-Grenzschutzes als Ausbilder in Ostpolen, was angesichts der innigen polnisch-amerikanischen Beziehungen niemanden überraschte. Ungewöhnlich war höchstens, dass es sich bei den Amerikanern um Indianer handelte, die als Sondereinheit auf Spurensuche und Fährtenlesen spezialisiert waren.

Oberst Wojcik schwärmt von den "nahezu transzendenten Fähigkeiten", die ihm vorgeführt wurden: "Diese Leute haben einfach einen sechsten Sinn für das Spurenlesen. Umso erfreulicher für uns, dass sie gegen Ende der Übungen unseren Beamten höchsten Respekt zollten."

Die Fahrt von der Grenze zurück nach Krylow dauert mit den geländegängigen Jeeps ein paar Minuten. Nachdem die Festgenommenen im Grenzposten eingeliefert worden sind, läuft dort eine demütigende Prozedur ab: Die sieben werden in eine sogenannte Verwahrzelle gebracht, nachdem ihnen sämtliche Wertgegenstände abgenommen und in einem Depot eingelagert wurden. Danach beginnen Verhöre, um möglichst jede Station des Fluchtweges rekonstruieren zu können, den sie bisher genommen haben. Außerdem muss sich jeder Fingerabdrücke abnehmen und fotografieren lassen. Noch am gleichen Tag geht es zurück an die Grenze, diesmal an den nächstgelegenen regulären Übergang, wo der polnische Grenzschutz die drei Pakistani und vier Vietnamesen dem ukrainischen Grenzschutz übergibt.

Wenn man illegale Grenzgänger so leicht zurückschicken könne, erklärt Oberst Wojcik, dann liege das an der Gesetzgebung seines Landes, die besage, ein Asylverfahren entfalle, sobald außer Zweifel stehe, dass dafür ein anderes Land zuständig sei, das die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnet habe. Da dies für die Ukraine und Weißrussland zutreffe, gehe Polen davon aus, dass diese Länder für die an der "Grünen Grenze" aufgebrachten Flüchtlinge zuständig sind.

Für die Pakistani und Vietnamesen bedeutet das Abschiebung in eine völlige Ungewissheit. Auf der ukrainischen Seite werden sie in so genannten "Anhaltelagern" interniert, ohne Telefon, ohne Möglichkeit, Kontakt zu einem Anwalt aufzunehmen, nicht selten auch von Familienmitgliedern getrennt, mit denen sie unterwegs waren.

Per Anhalter bis Duschanbe

Bis vor wenigen Monaten mussten die ukrainischen Behörden innerhalb von zehn Tagen entscheiden, ob ein Asylverfahren eröffnet wird und die Internierten freigelassen werden oder ob sie weiter - zurück nach Osten - abgeschoben werden. Nach einer Gesetzesänderung kann das Warten der Internierten nun bis zu einem halben Jahr dauern. Was dann passiert, ist nicht vorhersehbar: Um Flüchtlinge abzuschieben, fehlen den Ukrainern oft die finanziellen Mittel - um ihnen Asyl zu gewähren, das soziale Umfeld und der politische Wille (derzeit erhalten nicht mehr als fünf Prozent eine Aufenthaltsgenehmigung). So deutet vieles deutet darauf hin, dass die bisherige Praxis beibehalten wird: weder Asyl noch Abschiebung, sondern Abtransport in das Landesinnere, wo eine klammheimliche, üblicherweise mit Schmiergeldforderungen verbundene Entlassung erfolgt. Wer dann noch Geld hat, kann erneut versuchen, in den Gelobten Westen durchzukommen.

Bis zu 10.000 Dollar zahlen allein Auswanderer aus Afghanistan für eine Passage bis zur neuen Ostgrenze der EU. "Wir sind von Kabul mit dem Auto an die Grenze zu Tadschikistan gefahren worden", erzählt ein Afghane, der gleichfalls bei Krylow festgenommen wurde. "Dann überquerten wir mit einem Schlauchboot einen Grenzfluss, bevor es mit Lastautos per Anhalter bis Duschanbe und weiter an die usbekische Grenze ging. Von Taschkent aus fuhren wir mit dem Zug bis nach Moskau, von dort weiter nach Weißrussland. Die weißrussisch-ukrainische Grenze überquerten wir zu Fuß, wurden aber in der Ukraine aufgegriffen, später gegen Geld wieder freigelassen. Ende April trafen wir schließlich Leute, die versprachen, uns nach Polen zu bringen. Sie verließen uns in einem Wald und sagten noch: Da vorn ist Polen ..."

"Weißrussland und die Ukraine sind zwei entscheidende Transitländer auf der sogenannten asiatischen Route", bestätigt Oberst Wojcik. "Polen hätte den Schutz seiner Ostgrenze schon aus Eigeninteresse verstärken müssen. Dass wir es jetzt mit Hilfe der EU tun können, hat die Sache nur beschleunigt." Um etwa 25 Prozent sei von 2002 auf 2003 die Zahl der an Polens Grenzen aufgegriffenen "Illegalen" gewachsen, in diesem Jahr rechne man mit weiterer Steigerung.

Man ist darüber in Polen nicht unglücklich, liefert der Trend doch die willkommene Begründung für eine EU-Förderung, die den Grenztruppen demnächst weitere Überwachungsflugzeuge mit Infrarotkameras bescheren soll, außerdem Patrouillenschiffe, um die Ostseegrenze besser abzuschotten. Polen auf Vorposten für Europa - wenn das nichts ist!


00:00 21.05.2004

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