Das weibliche Gesicht des Krieges

Oral History Viele Frauen aus Osteuropa und der Sowjetunion behielten ihre Weltkriegs-Traumata ein Leben lang für sich

„Erinnerungen verhindern, dass man zu Stein wird“, sagt die russische Schriftstellerin Maria Stepanova. Doch manche Erlebnisse sind so schlimm, dass man sich nicht an sie erinnern mag. Und selbst wenn es guttäte, sie zu erzählen, findet sich nicht immer jemand, der sie hören will. Jahrzehntelang schwiegen viele Frauen in den von den Nazis überfallenen Ländern im Osten über das, was ihnen im Zweiten Weltkrieg widerfuhr. 75 Jahre nach Kriegsende ist, dank systematischer Aufarbeitung von Zeitzeugen-Interviews aus den 1990er und 2000er Jahren – der Oral History – mehr und mehr darüber bekannt. Doch die Diskrepanz zur offiziellen Geschichtsschreibung ist noch immer groß.

Im Geschichtsunterricht lernen Schüler*innen den Hergang des Zweiten Weltkriegs oft anhand männlicher Protagonisten. Mit vereinzelten Ausnahmen, etwa der Widerstandskämpferin Sophie Scholl, sind es selten Frauen, die besprochen werden. Dabei spielten sie im Krieg eine große Rolle, besonders in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion. Rund 800.000 sowjetische Frauen nahmen aktiv am Krieg teil, weit mehr als in den USA oder Großbritannien. Erst langsam wird die Rolle der Frau im Zweiten Weltkrieg aufgedeckt (siehe Kasten am Ende dieses Textes).

Frauen spielten schon vor dem Ersten Weltkrieg in der sozialdemokratischen Bewegung in Russland eine bemerkenswerte Rolle. Mit der Oktoberrevolution erlangten sie mehr Gleichberechtigung in Politik, Gesellschaft und Arbeitswelt. Die kirchliche Ehe wurde abgeschafft, Abtreibung erlaubt. Zu einem Backlash kam es, als Stalin 1936 Abtreibungen erneut verbieten ließ. Frauen blieben in der Produktion tätig, doch ihre Hauptaufgabe bestand nun (wieder) darin, Kinder zu gebären.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs meldeten sich viele patriotisch gesinnte Frauen freiwillig. 1942, in der heißen Phase des Krieges mit vielen Toten, mobilisierte aber auch der sowjetische Staat explizit Frauen. Laut der russischen Soziologin Elena Rozhdestvenskaya stellten sie knapp die Hälfte aller Ärzt*innen; es gab auch Scharfschützinnen, Panzerfahrerinnen oder Kampfpilotinnen. „Das zeigt, dass dies nicht nur Männerberufe waren“, sagt Rozhdestvenskaya. Frauen waren ein Teil des Krieges. Dies entsprach auch durchaus dem politisch gewünschten Bild: „Die Frau kämpft an der Seite des Mannes und opfert ihr Leben für die Heimat“, resümiert die Schriftstellerin Stepanova und fügt hinzu: „Frauen haben in der Tat ihr Leben geopfert, sie kamen zurück und waren tief traumatisiert. Sie kehrten nicht als Siegerinnen heim. Wenn jemand diese Rolle bekam, dann die Männer.“

Tatsächlich zahlten viele von ihnen für die vermeintliche Gleichberechtigung einen sehr hohen Preis. Immer wenn Irina Scherbakowa in den 1970er Jahren auf dem Weg zu ihrer Arbeit einen Boulevard überqueren musste, traf sie eine Frau, die ihren Spaniel ausführte. „Von hinten war sie sehr schön“, erzählt die russische Germanistin und Historikerin, „aber als sie sich umdrehte, hatte sie keine Nase, keinen Mund.“ Wie sich zeigte, handelte es sich um eine Theaterwissenschaftlerin, eine sehr intelligente, starke Frau. Wie ihr Freund hatte sie sich freiwillig gemeldet und arbeitete als Krankenschwester an der Front, als eine Mine ihr das halbe Gesicht wegriss. Scherbakowa sieht darin eine schreckliche Metapher: „Das war ein Frauengesicht des Krieges.“

Sie waren Kriegsbeute

Das Frontleben war für Frauen besonders hart. Es fehlte an Uniformen, die Arbeit in den Lazaretten war körperlich sehr anstrengend, und die Brutalität des Kampfgeschehens riss tiefe seelische Wunden. Ab 1942 gerieten viele Frauen in deutsche Kriegsgefangenschaft und wurden überwiegend in sogenannte Stamm- und Durchgangslager (Stalags und Dulags) gebracht. Andere kamen in Konzentrationslager wie das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, speziell bei Sabotage, Widerstand und Fluchtversuchen. Die Jüdinnen unter ihnen wurden ermordet.

Auch an der sogenannten Heimatfront meisterten Frauen große Herausforderungen. In den Fabriken mussten sie bis zu 14 Stunden täglich arbeiten, während junge Mädchen schwerste landwirtschaftliche Arbeit leisteten. „Das wurde später stark heroisiert, doch die Realität war schrecklich“, mahnt Scherbakowa.

Von Seiten der deutschen Wehrmacht und der SS erfuhren osteuropäische und sowjetische Frauen in Ghettos, Lagern und ihren Dörfern auch sexuelle Gewalt. Für Regina Mühlhäuser vom Hamburger Institut für Sozialforschung schließt diese Vergewaltigungen und sexuelle Versklavung ebenso ein wie Schläge auf die Genitalien, sexuelle Folter und erzwungene Leibesvisitationen. „All das war Bestandteil des Vernichtungskrieges in Polen und der Sowjetunion. Dabei war diese Form von Gewalt allgegenwärtig“, sagt die Historikerin, die 2010 ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht hat. Lange Zeit nahm man in Fachkreisen an, jüdische Frauen seien aufgrund des nationalsozialistischen Straftatbestands der „Rassenschande“ von sexuellen Gewalttaten verschont geblieben. Dies gilt inzwischen als widerlegt. US-amerikanische Historikerinnen wie die Direktorin für Oral History am United States Holocaust Memorial Museum in Washington D. C., Joan Miriam Ringelheim, oder Zoë Waxman konnten zeigen, dass Holocaust-Überlebende erfahrene sexuelle Gewalt verschwiegen, weil sie diese im Kontext der Shoah als sekundär bewerteten. Oder sie wollten ihren männlichen Familienangehörigen die Pein ersparen, die sie bei dem Gedanken, dass sie ihre Frauen nicht schützen konnten, überkommen hätte.

Sogar in den eigenen Reihen waren die Kämpferinnen Übergriffen seitens der Männer ausgesetzt: „Frauen waren, zugespitzt gesagt, die Beute des Krieges“, so die Historikerin Scherbakowa, „sie mussten den Männern, von denen sie umgeben waren, hörig sein.“ Das galt auch für die Partisaninnen. Rund ein Zehntel der Verbände stellten Frauen. „Sie sammelten Informationen über den Feind, verteilten Untergrundliteratur und Flugblätter und leisteten politische Arbeit in den vom Feind besetzten Gebieten. Einen unschätzbaren Beitrag leisteten (zudem) die Kämpferinnen des Sanitätsdienstes der Abteilungen“, erzählt die Soziologin Rozhdestvenskaya.

Dabei waren sie keinesfalls gleichberechtigt. Regina Mühlhäuser verweist diesbezüglich auf mehrere Studien: „Ihre Aufgabe war immer auch, zu kochen, Wäsche zu waschen, die Männer zu unterstützen und auch sexuell zu befriedigen.“ Da sie unverdächtiger wirkten und deshalb seltener angehalten wurden als ihre Genossen, fiel es ihnen zu, Nachrichten und Waffen zu schmuggeln. Auch sollten sie ihre „weiblichen Reize“ nutzen, um dem Feind Informationen zu entlocken.

Obwohl sie damit wichtige antifaschistische Arbeit leisteten, beschädigte dies ihren Ruf. Dabei wurden die Partisaninnen als Gruppe durchaus gewürdigt: „Ihre Biografien sind Teil der ideologischen militärischen Erzählung geworden, an deren Beispiel sich die patriotische Erziehung und Mobilisierung nachfolgender Generationen vollzog“, erzählt Rozhdestvenskaya. Das Wäschewaschen oder Breikochen gehörte jedoch nicht zu diesen Erzählungen.

Ein besonders düsteres Kapitel in der Geschichte ist das Schicksal der sogenannten Ostarbeiterinnen. Nach allem, was sie in Deutschland durchstehen mussten, berichten einige von ihnen in Interviews mit Rozhdestvenskaya und ihren Kolleginnen – nur unter der Hand – von sexuellen Belästigungen und Nötigungen auf ihrem Heimmarsch, seitens Angehöriger der Roten Armee. Die meisten der betroffenen Frauen haben darüber ihr ganzes Leben lang geschwiegen. Die Vorkommnisse passten nicht zum offiziellen Heldenepos vom Befreier, wie es in Russland Ende Juni gerade erst wieder anlässlich des 75. Jahrestages des Sieges über Nazideutschland zelebriert wurde.

Verschwunden im Gulag

Befreiungskämpferinnen – wenngleich anderer Couleur – gab es auch in der Ukraine. Bereits 1929 gründete sich die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). Ihr Ziel war die Unabhängigkeit ihres Landes. Im Zweiten Weltkrieg kollaborierte sie zeitweise mit den deutschen Besatzern und beteiligte sich auch an den Progromen gegen Juden in der Westukraine. Überhaupt war die Ukraine ein wenig beachteter Hauptschauplatz des Zweiten Weltkriegs: Dort starben insgesamt acht Millionen Menschen. Rund 1,5 Millionen jüdische Frauen – von 2,7 Millionen ukrainischen Juden und Jüdinnen insgesamt – fielen dem Holocaust zum Opfer. Bis heute gibt es, laut Olena Petrenko, die am Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte der Ruhr-Universität Bochum arbeitet, kein Museum, das an sie erinnert.

Die Gründe für ukrainische Frauen, in den Untergrund zu gehen, waren vielfältig: Eine Rolle spielten emotionale Identifikationen, gruppendynamische Prozesse – wie etwa der Fakt, dass Vater und Bruder dort waren –, Propaganda-Einflüsse und ideologische Überzeugung, erzählt Petrenko, die lange zu diesem Thema geforscht hat. „Trotz der erweiterten Betätigungsmöglichkeiten für Frauen galt jegliche feministische Ausrichtung als nationaler Verrat“, sagt sie. Die Frauen trugen durchaus die männliche Vorherrschaft in der Bewegung mit: „Die Chance blieb ungenutzt.“

Speziell ab 1944 gewannen Frauen im Befreiungskampf an Bedeutung. Während sich die Männer in den Wäldern versteckten, genossen die Frauen noch einen legalen Status und konnten so wichtige Aufgaben erfüllen: Sie lieferten Lebensmittel, sammelten Medikamente, arbeiteten als Sanitäterinnen, Kundschafterinnen und Propagandistinnen. In der letzten Phase des Konflikts, schon nach Ende des Zweiten Weltkriegs, beteiligten sie sich mit Waffen aktiv am Kampf oder betätigten sich als Spioninnen für den Sicherheitsdienst der Aufständischen (SD), der als Männerdomäne galt. Nach Ende des Konflikts erging es ihnen jedoch nicht besser als ihren männlichen Kameraden: Viele wurden verhaftet, verurteilt und verschwanden jahrelang im Gulag.

Auch andernorts hatten es Frauen nach dem Krieg nicht leicht: Viele ehemalige Kämpferinnen der Roten Armee hatten Probleme, einen Mann zu finden, denn die Heimkehrer bevorzugten jüngere Frauen, die nicht selbst Zeuginnen der Grausamkeiten an der Front geworden waren. Speziell Frauen, die schwanger aus dem Krieg heimkehrten, wurden scheel angeschaut. Noch schlimmer erging es daheimgebliebenen Frauen, die im Krieg eine Liaison mit einem der Besatzer eingegangen waren oder im Tausch für Lebensmittel sexuelle Beziehungen zur Besatzungsmacht gepflegt hatten. Aber auch KZ-Überlebende, Zwangsarbeiterinnen und Kriegswitwen sind Teil einer ganzen Generation allein gebliebener Frauen. „Die Frauen mussten alles auf die Beine stellen, Kinder erziehen und nebenbei das heroische Bild des Vaters erhalten“, erinnert Scherbakowa. Hatten sie einen Mann, sollten sie dankbar sein: „Frauen mussten alles aushalten, Hauptsache, die Männer blieben. Es gab ja so wenige!“

Tatsächlich waren es, wie überall, die Frauen, die Familien zusammenhielten, nach Kriegsende das Land wieder aufbauten und sich dabei selten beklagten. Ihre schlimmen Lebenserfahrungen aber wirken durch ihr Schweigen und die fehlende individuelle und kollektive Aufarbeitung noch über Generationen bis heute fort.

Info

Einige der in diesem Text verwendeten Zitate stammen von einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung vom 18. Mai 2020, dem 9. Europäischen Geschichtsforum mit dem Titel „Verborgene Erinnerung? Frauen im Zweiten Weltkrieg in Zentral-, Ost- und Südosteuropa. Rollenbilder, Gewalterfahrungen, Tabus“. An dem Forum nahmen unter anderem Irina Scherbakowa und Elena Rozhdestvenskaya teil. Auch die Zitate Maria Stepanovas sind daraus entnommen.

Ingrid Wenzl ist freie Autorin. Zuletzt schrieb sie für den Freitag (23/2020) über das Phänomen der Eltern-Kind-Entfremdung

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06:00 17.07.2020

Ausgabe 43/2020

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