Dafür dreimal: Super Krass!

Eventkritik Asylbewerber präsentieren in München bei der Casting-Satire "Bayern sucht das Superlager" ihr Wohnheim. Gelacht wird kaum

Dieter Bohlen ist nicht gekommen. Er würde hier auch seltsam deplatziert wirken. Obwohl Moderator Mathias Weinzierl eingangs verspricht: „Wir machen keine Betroffenheitsschau.“ Stattdessen soll es „Edutainment“ geben. Unterhaltung ja, aber mit Anspruch. Es geht schließlich um ein ernstes Thema.

„Bayern sucht das Superlager“, lautet der Titel der Veranstaltung, für die rund 100 Zuschauer an diesem Abend in die Münchner Bayernkaserne, eine ehemalige Bundeswehrkaserne, gekommen sind. Eine Parodie auf die Suche nach dem Superstar soll es sein, angefangen bei der dreiköpfigen Jury über das ovale, blau-weiße Logo bis hin zum Ablauf – die Kandidaten werden der Reihe nach auf die Bühne gebeten, dürfen sich präsentieren und müssen sich anschließend dem Urteil stellen.

Einen entscheidenden Unterschied gibt es aber: Superstars überzeugen durch ihre Showqualitäten – Superlager durch ihre „Krassheit“. Der Bayerische Flüchtlingsrat hat zu BSDS eingeladen: Die Teilnehmer sind sieben Bewohner aus sieben Asylheimen, einer aus jedem bayerischen Regierungsbezirk. Auswahlkriterien: überfüllte Unterkünfte, verstopfte Toiletten, Kakerlaken, Risse in den Wänden. Je menschenunwürdiger die Lebensumstände, desto größer die Erfolgsaussichten.

Es ist nicht alles recht

Und so ist das eigentliche Vorbild auch weniger Dieter Bohlen als Christoph Schlingensief, der für die Kunstaktion „Freakstars 3000“ Behinderte zum Casting lud und für eine Big-Brother-Satire vor der Wiener Oper Asylbewerber in einen Container sperrte. Das Benutzen von Privatfernsehformaten für eine verstörende Kritik an den bestehenden Verhältnissen.

Es geht bei BSDS nicht ums Gewinnen, es geht um die Botschaft. Und die lautet: Es ist nicht alles recht, was sich Rechtsstaat nennt.

Sieben Menschen, sieben Schicksale, alle bedrückend. Da ist etwa eine junge Senegalesin, die als Studentin für ein Praktikum nach Deutschland kam und nicht mehr zurück kann. Zuhause drohten ihr Zwangsheirat und Beschneidung, sagt sie. Nun wartet sie auf den Ausgang ihres Asylverfahrens in Schwabmünchen, im Lager. „Im Gefängnis.“ Essen, Schlafen und Leben zu dritt auf zehn Quadratmetern, ein Bad für 50 Bewohner. Totale Isolation, Norma und McDonald’s die Nachbarschaft, Depression und Selbstmordversuche die Folge. In der Jury ist man ratlos, es fehlt der Vergleich. „Krass“, „Ganz Krass“ oder „Super Krass“? Am Ende einigt man sich auf „Ganz Krass“.

Sie wollen erzählen

Wenig Glamour, viel Elend. Ein bisschen „Superstar“ sitzt höchstens in der Jury: Bernhard Wunderlich, besser bekannt als „Holunder“, Rapper bei „Blumentopf“. Neben ihm die Kabarettistin Maria Peschek und der Radiomoderator Ralf Hohn. Alle keine ausgewiesenen Flüchtlingsexperten – und das ist durchaus beabsichtigt. „Blöde Fragen“ sollen sie stellen, „frei von der Leber weg“, so die Hoffnung des Moderators. Allein, das klappt nur bedingt. Denn die Kandidaten wollen überhaupt nicht gefragt werden, sie wollen erzählen. Kaum stehen sie auf der Bühne, bricht es aus ihnen heraus. Mal auf Deutsch, mal mit Dolmetscherin. Suldan Abdallah floh aus Somalia und landete im niederbayerischen Böbrach. „Es gibt nur zwei Wege aus dem Lager: Sterben oder verrückt werden“, sagt er. Psychisch kranke Flüchtlinge kommen ins Krankenhaus nach Landshut, der Rest drängt sich in Sechserzimmern in einer Baracke mitten im Bayerischen Wald.

Kein Telefon, kein Handynetz, kein Internet. Einmal pro Woche gibt eine ehrenamtliche Helferin 45 Minuten Deutschunterricht, der einzige Kontakt zur Außenwelt. Der nächste Ort liegt mehrere Stunden entfernt, zu Fuß. Busse gibt es nicht und für das monatliche Taschengeld von 40 Euro fährt das Taxi genau einmal. Nach fünf Minuten herrscht Stille im Saal, was will man da noch fragen? Das Urteil ein einstimmiges „Super Krass“.

Es bleibt nicht die einzige Höchstwertung, zwei weitere Unterkünfte sichern sich die zweifelhafte Ehre. Aber „krass“ sind die Lager allesamt. Ob in Mittelfranken oder in der Oberpfalz, die Probleme sind immer die gleichen: Isolation, Raumnot, Ungeziefer und totale Perspektivlosigkeit. Der fünfte Kandidat berichtet, dass in einem Heim mit 400 Bewohnern täglich geputzt wird; von 1-Euro-Jobbern zwar, aber immerhin. Kurz denkt man: „Na bitte, es geht doch“, bevor man sich eines Besseren besinnt.

Raus zum Biertrinken

Sieben Mal Not und Elend hintereinander führen schnell zu Gewöhnungseffekten. Man stumpft ab, ohne es zu wollen. Nach zweieinhalb Stunden ist die vorgerückte Zeit nicht nur dem Publikum, sondern auch Moderator Weinzierl anzumerken. Sichtlich ermattet stützt er sich auf seine Krücken, frisch aus dem Krankenhaus entlassen, das linke Bein geschient. Auf einen Sieger kann sich die Jury nicht einigen, Coburg und Schongau dürfen sich nun beide die „krassesten Lager Bayerns“ nennen. Die anschließend geplante Diskussion fällt der allgemeinen Erschöpfung zum Opfer, stattdessen geht es raus in die nächtliche Sommerluft. Den Kopf durchpusten, das Gehörte sacken lassen, Biertrinken.

Derzeit finden in der Bayernkaserne auch Inszenierungen der Münchner Kammerspiele statt, die die Superlagersuche kräftig unterstützt und beworben haben. Dennoch stehen nicht die typischen Theaterbesucher im Innenhof beisammen. Mehr unterschiedliche Sprachen sind zu hören als Anzugträger zu sehen. Die sieben Flüchtlinge haben sich unter die Gäste gemischt, wie auch die Bewohner des Veranstaltungsorts: Die Bayernkaserne ist ebenfalls eines der 118 Flüchtlingslager des Freistaats.

Dass „Bayern sucht das Superlager“ die eigenen Ansprüche nur zur Hälfte einlöste, stört keinen. Zum Lachen war ohnehin niemand gekommen, Flüchtlingspolitik bleibt mehr „Edu“ als „-tainment“. Co-Moderator Mathias Fiedler vom Bayerischen Flüchtlingsrat sagt: „Wir können aus Scheiße nicht Gold machen. Wir können sie höchstens golden anmalen.“ Solche Aktionen brächten Aufmerksamkeit. „Und nur dann kann sich etwas ändern.“

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14:25 10.05.2011

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