Daily Diskriminierung

Medientagebuch "Unter Freunden" oder vom ganz normalen Rassismus in einer ungarischen Fernseh-Soap

Ich habe etwas verpasst. Ich habe mein Lieblings-Soap zu spät eingeschaltet. Sie heißt Barátok közt (Unter Freunden), und sie ist - wie Pick Salami und Tokajer Wein - eine typisch ungarische Produktion, zu sehen auf RTL Klub, dem ungarischen Ableger der RTL-Gruppe.

Dass ich etwas verpasst habe, merke ich, weil ein paar junge Leute (so Mitte 20) sich gerade aufregen darüber, dass die Zsófi (Anfang 20, sehr hübsch) ihr Umfeld immer wieder mutwillig schockieren muss: mit ihren Männergeschichten, einmal sogar mit einer lesbischen Freundin, und jetzt eben mit diesem Csongor (typisch ungarischer Name). Die jungen Leute wissen nicht, was Zsófis Tante, die allmächtige Klaudia, dazu sagen wird, aber soviel ist sicher: die Zsófi kann sich auf was gefasst machen, wenn ihre Tante den neuen Freund sieht, diesen Csongor. Ich ärgerte mich ein wenig, dass es so lange gedauert hatte, meine Tochter ins Bett zu bringen und ihr eine Geschichte vorzulesen, weil ich deswegen offenbar etwas sehr wichtiges in meiner Lieblings-Soap verpasst habe. Ich war also gespannt: Wer ist Zsófis neuer Freund? Und warum ist er so aufregend?

Die Zsófi kneift nicht: Sie lässt sich mit ihrem neuen Freund, dem Csongor, bei der Tante, der allmächtigen Klaudia, zum Abendbrot einladen. Ohne vorher etwas verraten zu haben. Mir geht es wie der ahnungslosen Tante Klaudia, als plötzlich der Csongor vor der Tür steht: ein hübscher afro-ungarischer Mann (ich glaube, den Begriff benutze ich hier und jetzt als erste) Csongor hat dunkle Haut - das soll so schockierend sein?

Das Abendessen der drei ist so locker, wie es bei Barátok közt möglich ist, weil Regisseure, Autoren und Darsteller sich gegenseitig bei einem Spiel unterbieten, das "Wer-kann-es-verkrampfter" heißt. Später verabschieden sich die laut Drehbuch frisch Verliebten im Hausflur voneinander wie zwei halbwegs aufgetaute Tiefkühl-Kohlrouladen, und die Zsófi kehrt zu Tante Klaudia ins Wohnzimmer zurück. Es stellt sich heraus, dass die gute Tante mit der Situation einigermaßen klarzukommen scheint, denn wie sie selber sagt, ist sie ja so viel rumgekommen in der Welt, dass ihr Csongors Hautfarbe als normal erscheint. Sie hat damit kein Problem, weil sonst alles in Ordnung ist bei ihm: reiche Eltern, gute Ausbildung, Talent als Musiker, und intelligent ist er außerdem. Also darf er ruhig schwarz sein. Die Beziehung ist genehmigt.

Im Umfeld der Zsófi verhält es sich etwas anders. Die Altersgenossen sind entsetzt: Der eine würde sich nicht freuen, wenn jemand in seiner Familie mit einem "Nicht-Ungaren" gehen würde. Die andere behauptet, der Csongor sei doch gar kein richtiger Ungar. Die Ignoranz solcher Aussagen wird nur noch dadurch übertroffen, dass sie ignoriert werden. Kein Widerwort regt sich. Erst in der Woche darauf gibt jemand zu bedenken, dass ein Mensch, der so was äußert, womöglich Rassist sein könnte.

Von solchen Überlegungen ist man bei Rádió C weit entfernt. Rádió C ist das erste und einzige Roma-Radio in Ungarn, leider (oder Gott sei Dank) nur in Budapest zu empfangen. Es ist mein Lieblingssender, obwohl ich keine Roma bin, er geht automatisch an, wenn ich mein Auto starte. Rádió C hat die beste Musik und bis vor kurzem war ich auch mit dem redaktionellen Inhalt sehr zufrieden. Dann aber passierte etwas Befremdliches in einer jener Nachtsendungen, in denen eifrig diskutiert wird, manchmal unter Einbeziehung von Anrufern, manchmal nur unterbrochen von Musik.

Im Studio stellte jemand die Frage, ob es anderen Menschen auch schon aufgefallen sei, dass die Schwarzen hierzulande immer mit ziemlich fülligen ungarischen Damen zu sehen sind. Ja, sagte ein Gesprächspartner, das habe er auch wahrgenommen, und wahrscheinlich läge das daran, dass die Frauen wegen ihrer Figur keine "normalen Typen" abkriegen würden. Da habe ich als ziemlich füllige ungarische Dame Angst um meine Zukunft bekommen, auch wenn ich einen attraktiven ungarischen Ehemann habe. Im Studio von Rádió C wurde das Thema derweil weiter gesponnen. Einer hatte in einem Club mit eigenen Augen einen Schwarzen mit zwei sehr hübschen Ungarinnen beobachtet. Wie das möglich sei, wollte er wissen. Die Antwort kam rasch: Die hübschen Ungarinnen hätten den Schwarzen für einen "coolen Afro-Amerikaner" gehalten. Dabei seien die Schwarzen, die es in Ungarn gibt, allesamt Afrikaner, die "erst vor paar Jahren von den Bäumen heruntergekommen sind." Es folgte Gelächter und dann wurde das Thema gewechselt, ohne dass ein zuständiger Redakteur korrigierend eingegriffen hätte. Eine ziemlich traurige Szene für ein Radio, das selbst gegen rassistische Diskriminierung kämpft, was aber nur für die Diskriminierung von Roma zu gelten scheint.

Gegenüber Schwarzen wird rassistische Herabsetzung hingenommen - und das ist das Erschrecken, das einen beim Schauen einer beliebigen Soap-Folge oder beim Hören irgendeiner Radio-Sendung regelmäßig befällt: die Normalität der Diskriminierung. Rassismus ist - wie Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus oder Homophobie - verbreitet unter großen Teilen der Bevölkerung. Offiziell wird das nicht geduldet, aber auf Interventionen wartet man vergeblich, wenn im Rundfunk Unfug erzählt wird oder man die übelste antisemitische Literatur bei den "besten nationalen" Buchläden kaufen kann.

So gesehen kann man den Auftritt Csongors in Barátok közt fast als Aufklärung betrachten, wenn er als Schwarzer mit einer wohlhabenden, hübschen und gar nicht fülligen Ungarin - obwohl für frisch Verliebte auf eine kühle Art und Weise - herumknutscht.


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00:00 25.02.2005

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