Damals in Hollywood

Kino Nach Tarantino und den Coen-Brüdern präsentiert nun auch David Fincher mit „Mank“ seine Sicht auf das Goldene Zeitalter der Studios, detailverliebt, aber ermüdend

In den neunziger Jahren trat eine neue Generation von (hauptsächlich weißen, männlichen) US-Filmemachern hervor, deren Werke zwischen Independent- und Mainstream-Kino oszillierten. Regie-Superstars wie Quentin Tarantino, die Coen-Brüder und David Fincher verdanken ihre Karrieren dieser Entwicklung. Und nun scheint die Zeit für diese Generation gekommen zu sein, wehmütig zurückzuschauen: Mit einer Mischung aus Nostalgie und Spott haben sowohl Tarantino als auch die Coens und nun auch Fincher dem Goldenen Zeitalter der Traumfabrik Hollywood kürzlich jeweils einen Film gewidmet. Tarantinos Once Upon a Time in Hollywood und Hail, Ceasar! von den Coens erzählen vom schleichenden Niedergang des Studiosystems nach dem Zweiten Weltkrieg. Finchers neuer Film Mank setzt zwar deutlich früher an, in den 1940ern, nimmt mit der Entstehung des Klassikers Citizen Kane aber einen Film in den Blick, der bereits damals die etablierten Grenzen der amerikanischen Filmindustrie sprengte.

Wie bereits der Titel von Finchers Film andeutet, geht es ihm in diesem Biopic über den Autor Herman Mankiewicz aber um mehr als die bloße Nacherzählung der Entstehungsgeschichte des Ausnahme-Opus Citizen Kane. Die geht bekanntermaßen so: Nachdem seine Radioinszenierung des Science-Fiction-Klassikers Krieg der Welten zum regelrechten Blockbuster avancierte, wurde dem bis dato als Theatermacher bekannten Mittzwanziger Orson Welles vom Studio RKO eine legendäre Carte Blanche angeboten. Diese garantierte ihm nicht nur die kreative Kontrolle der Produktion seines Filmdebüts, sondern auch eine komplett freie Wahl des Stoffes. In einer Zeit, in der übermächtige Studiobosse sämtliche Aspekte der Filmproduktion diktierten, Autoren, Regisseure und Schauspielstars aber kaum Einfluss auf Auswahl und Inszenierung der Stoffe hatten, war ein solcher Deal mehr als außergewöhnlich.

Citizen Kane gilt daher, wie die Filmkritikerin Pauline Kael 1971 in einem Essay zu Welles’ Meisterwerk bemerkte, als einer der wenigen Filme, die „in Freiheit“ innerhalb des fließbandartigen Systems entstanden: „Freiheit nicht nur von Einmischung, sondern auch von den routinierten Methoden erfahrener Regisseure.“ Die ungebrochene Faszination, die der Film bis heute ausübt – regelmäßig wird er zum „Besten Film aller Zeiten“ gekürt – basiert neben seiner formellen Brillanz zu einem nicht geringen Teil auf diesem Personenkult um Welles: als Hauptdarsteller, Regisseur und Co-Autor, so die gängige Erzählung, revolutionierte das sprichwörtliche Wunderkind das amerikanische Kino quasi im Alleingang.

Diese Stilisierung zum „Autorenfilmer“, der sämtliche künstlerischen Aspekte seines Werks kontrollierte, stellen sowohl Pauline Kael in ihrem Essay als auch Finchers Mank in Frage und weichen so von der individualistischen Stoßrichtung amerikanischer Filmgeschichte ab.

Kael spottete in ihrem Text über Welles’ Größenwahnsinn und argumentierte, dass die unzweifelhafte Genialität von Citizen Kane sich nicht nur auf Welles, sondern ebenso auf die aus seiner Theaterkompanie rekrutierten Schauspieler, den Komponisten Bernard Herrmann und vor allem den Co-Autor Mankiewicz zurückführen ließe. Mankiewicz war ein Freund und Zechkumpan des Zeitungsmagnaten William Randolph Hearst, auf dem die zentrale Figur des Films, der despotische Millionär Charles Foster Kane, maßgeblich beruhte. Zudem ersann der heute weitgehend vergessene Autor angeblich die fragmentarische Erzählstruktur des Drehbuchs, für die der Film so berühmt wurde. Spätestens seitdem Welles und Mankiewicz sich den Drehbuch-Oscar für Citizen Kane teilen mussten, wird darüber gestritten, wer denn nun genau was zur Entstehung des Scripts beigetragen hat.

Finchers Film schlägt sich nun also auf die Seite dieses Underdogs und inszeniert ihn als zynischen Alkoholiker, dessen scharfzüngiger Sarkasmus ihn zu einer Art Hofnarren mächtiger Männer wie Hearst und Louis B. Mayer, dem Boss des Studios MGM, werden ließ. Mank beruht auf einem minutiös recherchierten Drehbuch von Finchers Vater Jack, einem Journalisten, der 2003 an Krebs verstarb. Das Herzstück des Scripts ist die Annahme, dass Mank (gespielt von Gary Oldman) seine Inspiration für Kane aus der von Hearst orchestrierten Hetzkampagne gegen den Autor Upton Sinclair zog, der 1934 als progressiver Gouverneur in Kalifornien kandidierte.

Hearst, mit diabolischer Eleganz gespielt von Charles Dance, finanzierte, was man heute als Fake News bezeichnen würde: Wahlwerbefilme, produziert von MGM, die den Demokraten Sinclair als gefährlichen Kommunisten diffamierten. Von seinem ehemaligen Gönner angewidert und enttäuscht, begann Mankiewicz die Arbeit an Citizen Kane – einem Film über einen idealistischen Millionär, der nach und nach den teuflischen Verlockungen der Macht verfällt. Dass er das Drehbuch nach einem Autounfall ans Bett gefesselt verfasste, ist vermutlich eine Erfindung des Films, passt aber gut zu Oldmans Interpretation seiner heruntergekommenen Figur.

Ein historisches Sittenbild

Im Gegensatz zu Hail, Ceasar!, der die Verstrickungen Hollywoods mit rechter Propaganda im Kontext des Kalten Krieges als bissige Farce behandelt, versteht sich Mank eher als historisches Sittenbild für Kenner der Materie. Das heißt, wer nicht bereits über eine grundlegende Kenntnis von Orson Welles’ Ruf als Wunderkind, der Story und Entstehungsgeschichte von Citizen Kane sowie einigen zentralen Protagonisten des Hollywoods der 30er- und 40er-Jahre verfügt, wird hier oftmals nur Bahnhof verstehen. Der Film wirft mit Namen, Filmtiteln und Anspielungen förmlich um sich. Das sorgt zwar für ein stimmiges Zeitporträt, erscheint mitunter aber als belangloses Namedropping, das nur für absolute Hollywood-Nerds zur vollen Entfaltung kommt.

Finchers Film funktioniert hervorragend in den Szenen zwischen Mank und seiner britischen Sekretärin Rita (Lily Collins) sowie der Hearst-Gattin Marion Davies (Amanda Seyfried), die sich durch blitzschnelle Dialoge voller Wortspiele und Frivolitäten auszeichnen. Zu oft aber bricht der Film unter der Last seiner historischen Detailverliebtheit zusammen. Anstatt die verschiedenen Einflüsse des Gesamtkunstwerkes Citizen Kane zu entschlüsseln, begnügt sich Mank mit einigen visuellen Zitaten und verschwendet viel Zeit an die betrunkenen Eskapaden des letztlich zu unsympathischen Protagonisten.

Dank der kristallklaren Schwarzweißbilder und des wunderbaren Setdesigns gibt es zwar während der über zweistündigen Laufzeit des Films immer etwas zu bewundern, dennoch schleicht sich nach etwa der Hälfte eine gewisse Ermüdung ein. Für Fincher, der für präzisen Aufbau messerscharfer Spannung bekannt ist, und zwar nicht nur in Serienkiller-Thrillern wie Sieben, sondern etwa auch in seinem Facebook-„Biopic“ The Social Network, sind solche Nachlässigkeiten ungewöhnlich. Man mag mutmaßen, dass er dem ausufernden Drehbuch des verstorbenen Vaters vielleicht etwas zu sehr gerecht werden wollte.

Nichtsdestotrotz ist Mank als Beitrag zu dem bereits von Tarantino und den Coens beackerten Genre der Hollywood-Pastiche hochinteressant. In einer Zeit, in der die Problematik extrem zentralisierter Macht in der US-Filmindustrie so aktuell ist wie nie zuvor, sind solche Rückschauen durchaus auch politisch brisant. Der Aufstieg Disneys zum Megakonzern mit erzkonservativen inhaltlichen Richtlinien stellt schließlich selbst fast den Einfluss der großen Studios des „Goldenen Zeitalters“ in den Schatten. Ein Blanko-Deal wie der von Welles scheint heute passenderweise höchstens noch bei Netflix denkbar. Als überzeugende Kritik an der Ideologiefabrik Hollywood funktionieren freilich weder Mank noch Hail, Ceasar! oder Tarantinos Märchenstunde Once Upon a Time in Hollywood – es sind ambivalente, aber doch aufrichtige Liebeserklärungen an ein System, dem die Filmemacher selbst viel zu verdanken haben.

Info

Mank David Fincher USA 2020; 131 Minuten. Netflix, ab 3. Dezember

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