Damit alle satt werden

Hungersnot im südlichen Afrika Der Westen rät zu Demokratie und Leistungswillen

Wir wollen keine Fische geschenkt haben, sondern lernen, wie man selbst welche fängt", erregte sich der peruanische Präsident Alejandro Toledo vor einem Jahr bei seiner Amtseinführung in dem Andendorf Cabana. Er reklamierte Hilfe zur Selbsthilfe, um in seinem Land aus eigener Kraft einem langsamen Totschlag durch Armut zu entgehen. Doch so plausibel die Formel klingt, so irreführend kann sie sein. Durch Selbsthilfe lässt sich keine der Hungersnöte abwenden, wie sie gerade wieder mit Angola, Sambia, Malawi, Simbabwe, Mocambique und Lesotho etliche Staaten im südlichen Afrika heimsuchen.
Denn Hunderttausende von Angolanern, die zu den Todgeweihten zählen, müssten theoretisch weder selbst Fische fangen, noch sich im Fischfang unterweisen lassen, um ein erträgliches Leben zu führen. Ihr Land ist so reich an Erdöl und Diamanten, dass es nur eines Teils damit erzielter Einnahmen bedürfte, um Lebensmittel in solcher Fülle einzuführen, dass es für jeden Angolaner reicht. Aber der Bürgerkrieg seit 1975 und der antikoloniale Befreiungskampf in den Jahren zuvor haben Angola ruiniert. Es wird ein Menschenalter brauchen, die Folgen zu überwinden. Wenn es gut geht: ein angolanisches Menschenalter, die Lebenserwartung dort ist auf 42,5 Jahre gesunken. Das klingt so zynisch wie der Umgang mit dieser Tragödie zuweilen zynischer kaum sein kann. Die G 8-Staaten haben kürzlich in ihrer kanadischen Gipfel-Enklave Kananaskis Demokratisierung und good governance gegen die Unterentwicklung Afrikas gepredigt - Hunger wäre demnach auch Strafe für zivilisatorische Leistungsdefizite. Wann wird Angola so weit sein, diesem Missionsgeist mit dem Idealismus der guten Tat zu danken? Wenn sich die Warlords von der Regierungspartei MPLA und der bisherigen Rebellenclique UNITA, die im Schulterschluss mit einigen Global Players den Reichtum des Landes gewinnträchtig vermarktet haben, ihren Rückzug aus dem Geschäftsleben bekannt geben? Grassiert der demokratische Lernwille in diesem Segment der angolanischen Nachkriegsgesellschaft so heftig wie andernorts der Hunger? Die jüngste G 8-Initiative wollte sich dieser Hoffnung offenbar nicht verschließen, als sie das Junktim Demokratisierung gegen Wirtschaftshilfe bemühte. Die G 8 hätten sich allerdings auch der Hoffnung hingeben können, es möge mit dem Potenzial des Nordens gelingen, zwei Milliarden Menschen (immerhin ein Drittel der Erdbevölkerung), die bis heute keinen Zugang zu elektrischem Strom haben, innerhalb eines Jahrzehnts mit einem Energieverbund auszustatten, der es erlaubt, beispielsweise Trinkwasser so aufzubereiten, dass millionenfaches Siechtum und Sterben durch verseuchtes Wasser ein Ende haben. Oder Dürregebiete der Sahelzone und Zentralafrikas zu bewässern.
Es ist natürlich absurd, Ressourcen des Nordens zugunsten eines technologischen Zeitsprungs oder gar einer humanitären Intervention abzweigen zu wollen, die diesen Namen verdient. Es ist vor allem deshalb so absurd, weil niemand auch nur auf die Idee kommt, was vielleicht das Absurdeste daran ist. Die geltende Wirtschaftslogik verbietet kategorisch, Afrika aus dem 19. Jahrhundert vorerst auch nur in das 20. herüber zu holen, weil Anstand, Gerechtigkeit und Humanität keine Primärtugenden des 21. Jahrhunderts sind. Wer sich daran verliert, büßt Wettbewerbsfähigkeit ein. Eine vom eigenen Leistungskult gerührte Wirtschaftsordnung kann fremdes Leid nicht mehr als Tragödie begreifen, sondern nur noch als Konsequenz verstockter Leistungsverweigerung. Warum Hunger und Verhungern dann nicht gleich als Regulative deuten, die eine Übervölkerung des Planeten steuern helfen? Das klingt fast nach einem Naturgesetz, Robert Malthus lässt grüßen. Damit wäre Afrika aus dem 19. sogleich ins 21. Jahrhundert geraten.

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00:00 02.08.2002

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