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Linksbündig Die Europameisterschaft beginnt. Eine Abrechnung

Wer wird Fußball-Europameister? Wenn man das vor dem ersten Anstoß wüsste, wäre die EM 2008 langweilig. Trotzdem versuchen natürlich alle zu prognostizieren, wer am Ende gewonnen haben wird. Die meisten aufgrund ihres Fußball-Sachverstandes; einige mit Hilfe statistischer Verfahren und Computersimulationen.

Es gibt ein relativ einfaches Verfahren, mit dem man bei den letzten Weltmeisterschaften der Männer-Teams nicht schlecht lag: Da Fußball ein Leistungssport ist, der gnadenlos vermarktet wird, kann man am "Marktwert" der Spieler durchaus ihre Leistungsfähigkeit ablesen. Obwohl Fußball ein komplizierter Mannschaftssport ist, hängt die Stärke eines Teams trotzdem entscheidend von der Summe der Spielstärken der Einzelspieler ab. Und deren Marktwert ist im Internet leicht zu finden; etwa auf der Webseite transfermarkt.de, die als seriös gilt.

Danach waren vor der WM 2006 Brasilien und Italien die teuersten Teams. Gewonnen hat tatsächlich Italien. Wie ist es bei der bevorstehenden EM? Vom Marktwert des Kaders her gesehen liegt Spanien mit etwa 16 Millionen Euro pro Spieler an der Spitze des EM-Feldes. Nicht viel weniger wert sind die Spieler von Italien und Frankreich (etwa 15 Millionen Euro pro Kopf). Bei Portugal, errechnen sich um die zehn Millionen Euro pro Spieler. Alle anderen Teams kommen auf ungefähr vier Millionen Euro Durchschnitts-Marktwert. Nur die Mannschaft von Österreich hat mit weniger als zwei Millionen pro Nase praktisch Zweitliganiveau. Insofern kann man sagen: Dass das Auswahlteam Österreichs trotz Heimvorteil Europameister wird, ist nahezu auszuschließen. Auch der Überraschungssieger der letzten EM, die Mannschaft aus Griechenland, war nicht grottenschlecht, sondern gehörte und gehört zum soliden Mittelfeld. Und Teams auf mittleren Niveau haben im Fußball bei einem so kurzen Turnier wie der EM - die nach der Vorrunde im K.o.-System gespielt wird, der Verlierer also automatisch ausscheidet - immer gute Chancen. Der Anteil des Zufalls ist beim Fußball im Vergleich zu Sportarten wie Basketball, Handball oder Tennis ungewöhnlich groß.

Beim Fußball spielt der Zufall eine enorme Rolle, da die meisten Torschüsse eben nicht erfolgreich sind und wenig Tore geschossen werden. Der Deutsche Fußballmeister bei den Herren schießt pro Saison normalerweise um die 70 Tore herum. Die Mannschaft mit den allermeisten Toren wird aber oft nicht Meister, da Fußballspiele in der Abwehr gewonnen werden. So auch in diesem Jahr, da Bremen 75 Tore erzielte, Meister Bayern nur 68 Stück. In anderen Ballsportarten werden pro Spiel fast soviel Punkte erzielt wie in einer halben Fußballsaison. Etwa beim Handball oder Basketball. Man kann zeigen, dass in diesen Sportarten weniger oft die nominell schwächere Mannschaft gewinnt. Beim Tennis, wo in einem guten Spiel etwa 100 Sieg-Bälle notwendig sind, gewinnt hingegen fast immer der bessere Spieler. Spannend ist Tennis - wenn überhaupt - nur, wenn zwei fast gleichstarke Spieler an der Weltrangspitze stehen.

Trotz der großen Bedeutung des Zufalls im Fußball: Das Halbfinale der letzten Fußball-Weltmeisterschaft hat gezeigt, dass gerade dann, wenn ein Spiel auf der Kippe steht, der Marktwert der Spieler, der deren individuelle Klasse widerspiegelt, ausschlaggebend sein kann. Während die deutschen Profis an ihrer persönlichen Leistungsgrenze spielten und nichts mehr zuzusetzen hatten, wurde das Spiel in der 118. Minute durch einen Hackentrick von Andrea Pirlo entschieden. Die Italiener verfügten über mehr Spieler mit hohem Potential in ihrem Kader. Daran sind auch die Franzosen gescheitert.

Die Antwort auf die Eingangsfrage lautet also: Da erfahrungsgemäß die Auswahlmannschaft aus Spanien nichts Zählbares zustande bringt, sollte die Siegermannschaft der EM aus Frankreich oder Italien kommen. Wenn nicht der Zufall einer Mannschaft aus dem Mittelfeld zum Sieg verhilft. Wie wäre es mit Kroatien oder der Türkei?

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00:00 06.06.2008

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