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Rostocker Wende Kein Wegducken nach den Gewaltszenen vom Anfang, sondern neue Selbsterfindung der G 8-Protestbewegung

Wem ist es zu danken, dass die Protestwoche nicht kleinmütig zerkrümelte? Dass sie sich unter den Schmähungen und Verfluchungen nach dem ersten Tag, an dem die Steine geflogen waren, nicht wegduckte? Dass im Gegenteil alles zunehmend Kraft gewann, dass die Leute strömten - in Vorträge, zu Foren, zu Aktionstagen über die von den G 8 ignorierten Weltthemen, zu Konzerten, vor allem zu den Blockaden von Heiligendamm, wo sich die G 8 mit ihrem Gipfel verschanzt hatten. Trotz der wahrlich einschüchternden Drohkulisse, die dort aufgebaut war, kamen sie und alles lief ganz anders als vorher erwartet, als sie über Wiesen und Äcker und durch kleine Wälder zum Zaun zogen und die Polizisten den großen Menschenmengen nicht gewachsen waren. So dass der so genannte Plan B in Kraft treten musste: die Versorgung der Konferenz über das Wasser und über die Luft. Auch die Journalisten mussten aus der für sie reservierten Kleinbahn Molly in Boote umsteigen.

Es ist denen zu danken, die ihre Wut am Ort hielt, eine Wut, die es in unterschiedlichen Dosen gibt. Manche, die mit dem System der Gegensätze und des Profits nicht ihren faulen Frieden machen, begleitet diese Wut schon ein Leben lang. Bei anderen ist es eine aufflammende oder auch eine lange gewachsene Wut über die ganze Lebenssituation, eine Totalablehnung der Macht, ihrer Verlogenheit, ihrer Zwänge. Sie alle sind nicht zurückgewichen, weder die Ausdauernden, die Vernünftigen, noch die Radikalen.

Auch wer einen ziemlichen Schrecken bekam, als die Absprachen über Gewaltlosigkeit nicht perfekt hielten, blieb beharrlich in Rostock, ebenso wie alle, die sich von Anfang an nicht um die Stimmungsmache scherten, die nicht auf einen Konsens versessen waren und die mit ihrer Entschlossenheit viele andere ansteckten. Und auch wenn sie sich hinwegsetzten über Bürgerängste vor Chaoten, erzählten sie später mit größter Freude von Dorfbewohnern, die sie versorgten oder Polizisten, die ihnen Sympathie zeigten oder gar Anerkennung für ihre Standhaftigkeit aussprachen.

Und einmal darf auch daran erinnert werden, dass alles aus eigenen Kräften entstand, aus kleinen Gruppen heraus, ohne Apparat und Finanzstruktur. Die drei Camps, auf denen insgesamt 18.000 Leute aller Altersgruppen ihre Zelte aufgeschlagen hatten, lagen drei Wochen vor dem Gipfel noch als verwilderte Wiesen da und waren dann ein Meer von Zelten, mit Wegen dazwischen, mit aus Brettern und Planen errichteten Bars, Duschen, Kinderspielplatz, Zirkuszelt für Versammlungen, Küchen, die Tausende versorgten und selbst zu Zentren wurden, wo das gemeinsame Arbeiten geübt wurde. Es zeigte sich eine erstaunliche Fähigkeit zur Selbstorganisation, die doch heute Jugendlichen und "jungen Erwachsenen" gern abgesprochen wird. Hier war sie zu besichtigen und nichts von verwöhnten Jugendlichen in Designerklamotten, über die in manchen Zeitungen phantasiert und behauptet wurde, sie interessierten sich nicht für politische Fragen, sondern nur fürs Kaputtschlagen. Das war einer der schlauen, zynischen Versuche des Sympathieentzugs.

Zurückgekehrt aus Rostock nach Berlin horche ich im Café auf Gespräche an Nebentischen und bin enttäuscht, dass sie nicht von G 8 handeln. Noch schlimmer ist es, dass manche kaum etwas mit den Stichwörtern Heiligendamm, G 8, Protest in Rostock anfangen können. Haben die Medien so wenig transportiert? Sind die Leute völlig verpennt? Die Rostocker Ostseezeitung hätte überall ausliegen sollen, sie brachte täglich seitenweise Fotos über das Lokalereignis, Kurzinterviews, Berichte, und sie wurden immer farbiger, positiver.

Auf der letzten Pressekonferenz des Protest-Bündnisses hieß es: "Diese Woche hat das politische Leben verändert." Gemeint war, dass Tausende eine Widerstandserfahrung gemacht haben, die sie in ihren Alltag tragen. Sie haben kollektiven zivilen Ungehorsam kennen gelernt und geübt, wie es immer wieder nötig ist gegen sich einfressenden Kleinmut.

Ohne diesen ungeheuren Protest wäre es auch nicht dazu gekommen, dass die G 8 dermaßen an Legitimation verlieren. So dass die Floskel aus ihrem Abschlusskommuniqué "Wir erwägen ernsthaft" - gemeint sind Schritte gegen die Klimaerwärmung - in die politische Satire eingehen wird. Kanzlerin Merkel aber brachte es zu ihrer Schande nicht einmal fertig, sich mit einem Wort an die Abertausenden zu wenden, die mit solchem Nachdruck hinter dem Gitter ihre Kritik demonstrierten. Kein Teil des Volkes? Doch was in der Woche zum Vorschein kam, dafür werden sich jene interessieren, die sich eine lebendige, eingreifende Linke wünschen. Die begierig alle Zeichen von kritischem Bewusstsein, Initiative und Kreativität wahrnehmen und zu deuten suchen. John Holloway (Autor von "Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen") sagte auf einem Podium: "Das Kapital läuft uns immer hinterher und versucht, sich unsere Erfahrungen und Ideen einzuverleiben. Darum müssen wir uns immer wieder neu erfinden und uns selbst überraschen". So eine neue Selbsterfindung scheint im Gange zu sein.

Als sich alle noch einmal zur Abschlusskundgebung sammeln - manche mit Wehmut und dem Wunsch, es möge nicht aufhören - auf dem selben Platz am Stadthafen wie am Anfang - diesmal in brütender Hitze - als nun die erschöpften, verdreckten, selbstbewussten Blockierer einziehen, die ein letztes Mal durch Polizeikontrollen aufgehalten werden -, da hocken sich viele an der Kaimauer hin, lassen die Beine baumeln, sehen ein Paddelboot, das abdreht und sich nähert. Mann und Frau um die 50, gemütlich in ihrem schmalen Boot, und plötzlich ruft er: "Jetzt muss ich das endlich mal irgendjemand sagen - ihr seid prima!" und als ihm ein vergnügtes Klatschen antwortet, da ruft er wieder hoch: "Ihr macht das gut, ihr habt euch nicht einschüchtern lassen, danke, dass ihr hier wart!"


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00:00 15.06.2007

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