Danke, dass Sie hier sind

Überleben Bei uns verschwindet Fukushima aus den Schlagzeilen, doch in Japan strahlt der Reaktor bis in die letzten Winkel des Alltags aus. Lucy Fricke ist seit Mitte April in Kyoto

Alles ist ruhig in Kyoto. Sehr ruhig. Als ich Mitte April als Stipendiatin des Goethe-Instituts hier ankam, flog ich mit einer halbleeren Maschine von Frankfurt nach Osaka, außer mir sechs Europäer an Bord, der Rest Japaner. Viele Restaurants und Tempel sind leer. Es ist Hauptsaison, doch Touristen gibt es so gut wie keine. In einem internationalen Buchladen stehe ich allein, umgeben von fünf Angestellten. Sie wollen wissen, wie lange ich bleibe, ob ich reise, was ich hier mache und ob meine Familie mich davon abhalten wollte. Es sind die immergleichen Gespräche mit Japanern. Am Ende sagen sie: Danke, dass Sie gekommen sind. Die Ernsthaftigkeit, mit der sie es sagen, macht jeden Glauben an eine Floskel zunichte.

In den Tageszeitungen werden täglich die neuesten Messwerte veröffentlicht, mit denen niemand etwas anfangen kann, an die man sich einfach gewöhnt. Die Abendnachrichten beginnen zuverlässig mit Meldungen aus Fukushima. Dass mittlerweile die Kernschmelze in drei Reaktoren bestätigt wurde, überrascht niemanden. Immer neue Geständnisse, Zeitpläne und Modelle, immer dasselbe Bild: die Totale des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi. Es gibt niemanden mehr, der diese Einstellung nicht kennt, sie ist zum Sinnbild für die große Krise geworden. Eine Krise, die hier in Kyoto, mehr als 800 Kilometer entfernt vom Epizentrum, eine unterschwellige, kaum spürbare ist und in erster Linie aus Unsicherheit besteht. Der Schock ist vorbei, das Leben geht weiter. Nur mit kleinen Änderungen: Darauf achten, wo das Gemüse herkommt, keine Lebensmittel aus dem Norden. Ich kann die entsprechenden Schilder in den Supermärkten nicht lesen, und das ist unter diesen Umständen besonders lästig. Machiko, die erst vor wenigen Wochen aus Deutschland wiedergekommen ist, um hier bei ihrer Familie zu sein, sagt: Das erkennt man am Preis. Wenn Sojasprossen billig sind, ist die Herkunft klar. Kauf einfach nicht das Billigste, sagt sie. Tatsächlich tut das niemand. Die Solidarität ist nicht grenzenlos, sie hört da auf, wo man das eigene Wohl als gefährdet ansieht. Dass die Japaner da anders wären, dass man sich untereinander nahezu bedingungslos hilft und gemeinsam alles schafft, scheint doch nur eine Legende zu sein.

Man sagt es nicht laut, dennoch ist man froh, dass es „nur“ den Nordosten getroffen hat. Die Wirtschaftszentren, allen voran Tokio, blieben am Ende verschont, wenn auch knapp. Eine Abkehr von der Atompolitik wird es, so pervers es auch ist, erst geben, wenn es Tokio mit Wucht treffen sollte. Zumindest das sagt man halblaut. Die Wahrscheinlichkeit für ein schweres Erdbeben in der Metropole liegt bei knapp 90 Prozent in den nächsten drei Jahrzehnten. In der Japan Times wird offen darüber gesprochen, die Hauptstadt in den Südwesten, nach Osaka zu verlegen. Zumindest politisch. Allerdings mit der großen Hoffnung, dass auch die Unternehmen nachziehen. Wieder andere sagen, auch diese Region sei nicht sicher, also noch weiter nach Süden. Die Tatsache, dass eine Katastrophe solchen Ausmaßes passieren konnte, lässt alles möglich werden, zumindest in Gedanken.

Meister der Imitation

Das Schlimmstmögliche hat in den Köpfen eine Präsenz gewonnen, die vieles ins Wanken bringt. An die Regierung hat man eigentlich noch nie geglaubt, höre ich oft. Neu ist, dass man darüber spricht. Dass man sogar Zweifel äußert an den Dingen, die immer schon klar waren: die Verstrickung der Atomindustrie mit Politik, Medien und dem Rest der Wirtschaft. Die Folgen der Privatisierung. Dass es so weit gekommen ist, dass Präsident Naoto Kan die Betreiberfirma darum bitten muss, das extrem gefährdete und nahe Tokio gelegene Atomkraftwerk Hamaoka vom Netz zu nehmen. Die Frage, wer in dem Land die Macht hat. Gegenden, in denen Reaktoren stehen, werden nicht nur von den Energieunternehmen finanziell belohnt, sie bekommen auch staatliche Subventionen, und kaum einer hat das je in Frage gestellt. Langsam beginnt deswegen eine zaghafte Aufregung, aber nur bei denen, die weit weg wohnen. Die jeweiligen Regionen wollen ihre Kraftwerke und das damit verbundene Geld auch jetzt behalten. Der Gewinn überwiegt das Risiko. Undenkbar, dass dort ein Bürgermeister, der gegen Atomkraft ist, eine Wahl gewinnen würde.

Über all das wird jetzt gesprochen. Das Hinnehmen, Tapferbleiben, Weitermachen hat vielleicht doch einen Knacks bekommen. Dass es jetzt erste, sogar größere Demonstrationen gegen Atomkraft gibt, kann Machiko kaum glauben. Die letzten Demonstrationen, die erwähnenswert sind, gab es Ende der sechziger Jahre, als die Studentenbewegung das Land erreichte. Im Fall der Atomkraft gab es nie ein großes Dafür oder Dagegen, die meisten haben einfach nicht darüber nachgedacht, kaum einer stellte Fragen.

Dass genau vor dieser Kombination aus Erdbeben und Nuklearkatastrophe der japanische Wissenschaftler Katsuhiko Ishibashi schon seit fast 30 Jahren warnt, wurde bisher allenfalls zur Kenntnis genommen. Schließlich ist jedes Horrorszenario möglich, aber eben unwahrscheinlich, zumindest war es das bis zum 11. März 2011. Jetzt, da die Mischung aus Natur- und menschlicher Katastrophe tatsächlich passiert ist, wundert man sich, dass es überhaupt so lange gut gehen konnte, und ein bisschen auch über die eigene Naivität. Dass sich damit nicht sofort alles ändert, sondern fürs Erste nur die Pläne für den Bau weiterer Atomkraftwerke infrage gestellt werden, ist für viele ein Rätsel.

Wir liegen in meinem Apartment auf den Tatami-Matten vor dem riesigen Flachbildfernseher und sehen Nachrichten des Senders NHK. Stromsparen ist das Thema schlechthin. Ventilatoren kommen wieder in Mode, es gibt T-Shirts aus kühlendem Material, Unterhemden, die vor dem Tragen mit Kühlakkus bestückt werden, Hemden, die man aufpumpen und in denen die Luft zirkulieren kann. Das ist Japan, denke ich, dieses Durchgeknallte. Von einer neuen Zeit ist die Rede, in der sich die Familie in dem einzig klimatisierten Raum trifft. „Change your lifestyle!“, ruft der Moderator, Machiko stöhnt: „Verändere deinen Lebensstil! NHK verdummt das ganze Land.“ Sie schaltet aus.

Es ist Juni, Regenzeit und wenn die vorbei ist, beginnt von einem auf den anderen Tag der Sommer, so heiß und feucht, wie ich es mir nicht vorstellen kann, sagt Machiko. Da schimmelt dir alles weg. Reis, Wäsche, Lederschuhe. Deswegen tragen wir alle nur Imitate. Japan macht die besten Lederimitate weltweit. Ist dir das schon aufgefallen? Sie erzählt, wie sie neulich die Plattensammlung ihres Vaters angesehen hat und die alle verschimmelt waren. Ich weiß nicht, ob ich ihr glauben kann. Ich wusste bisher nicht, dass Vinyl überhaupt schimmeln kann. Solch einen Sommer ohne Klimaanlagen zu überstehen, ist für niemanden hier vorstellbar.

In den Schaufenstern von Einrichtungs- und Elektronikgeschäften sehe ich immer öfter ein Plakat, auf dem steht: „Saving Power, saving Nippon. Switch off!“ – Wer Strom spart, rettet Japan. Abschalten!

Im Moment werden die Firmen angeschrieben und dazu aufgefordert, 20 Prozent weniger Strom zu verbrauchen. Es ist ein landesweiter Aufruf, für den jetzt, wenige Wochen vor dem Sommer, die ersten Testläufe starten. Die Hälfte der Lampen ausschalten, die Computer für eine Stunde abstellen. Die Auto-Industrie wird von Samstag bis Mittwoch arbeiten, um das Stromnetz zu den Hauptzeiten zu entlasten und Ausfälle zu vermeiden.

Allein für die Getränkeautomaten an jeder Ecke, mehr als 300.000 Stück im Land, braucht man schon zwei Atomkraftwerke, erzählt Machiko, und seitdem sie das weiß, kauft sie ihren eisgekühlten Kaffee nur noch im Supermarkt. Wenn man da überall Solarzellen draufknallen würde, das wäre doch was. Und was ist eigentlich mit Geothermie? Wir sitzen hier doch auf heißen Quellen. Und was machen wir damit? Nichts. Wir setzen uns rein und waschen uns. Windenergie fällt aus wegen der Taifune, und Fläche gibt es schließlich auch nicht genug. Aber Machiko zaubert sich ein grünes Japan und will von den Umständen nichts mehr wissen.

Möglicherweise wird Japan jetzt die alternative Energie revolutionieren. Vielleicht sind sie in zehn Jahren Weltmarktführer, vielleicht sind sie wieder einmal so schnell, wie man es von ihnen erwartet, wie sie es vor allem von sich selbst erwarten. Vielleicht.

Schwitzen für das Land

In Kyoto beschränken wir uns bisher darauf, die Klimaanlage nicht einzuschalten, solange es noch irgendwie geht, solange es einfach nur warm ist. Den gesparten Strom können wir eh nicht nach Tokio oder in den Norden schicken, dort hat der Wechselstrom eine andere Frequenz, 60 Hertz, wie ich lerne, und hier im Süden 50 Hertz. Wenn du von Tokio nach Kyoto umziehst, kannst du den Kühlschrank zurücklassen – funktioniert hier nicht. Für mich klingt das fast so verrückt wie schimmelndes Vinyl.

Machiko greift ihren durchsichtigen Regenschirm und zerrt mich mit. Wir treffen ihre Freunde in einer Kneipe um die Ecke. Keine drei Minuten und ich höre es wieder: Danke, dass Sie nach Japan gekommen sind! Jaja, schon gut.

Die Enttäuschung darüber, dass Touristen ihre Reisen stornieren, ausländische Künstler ihre Auftritte absagen, ist groß. Machiko kann das alles nicht mehr hören: Als würde irgendein Japaner unter solchen Umständen nach Deutschland kommen. Sie kann das Selbstmitleid nicht ertragen, das in der Kritik steckt. Einerseits wollen die Japaner alles allein schaffen, und dann jammern sie, dass hier keiner mehr Urlaub machen will. Schließlich fliegt auch kein Japaner derzeit in die Katastrophenregion Sendai. Die Linienflüge zu dem erst kürzlich wieder eröffneten Flughafen wurden wieder eingestellt, weil dort einfach niemand hin will. Warum auch? Was für uns Sendai ist, ist für den Rest der Welt eben Japan, sagt sie.

Zumindest hier im Süden ist die Angst eine andere, greifbar und existenziell: Die Angst vor der Wirtschaftskrise, die jetzt die schon offenen Türen einrennt. Es ist überhaupt nicht klar, wie das alles bezahlt werden kann. Die Kosten für den Wiederaufbau steigen täglich. Der Exportausfall ist gigantisch. Das Land befindet sich seit Kurzem offiziell in einer Rezession. Die Japaner sind nicht gerade bekannt für ihre Hoffnungslosigkeit, und es ist ihnen anzumerken, wie sehr sie sich dagegen wehren. Den Spendenboxen an jeder Ecke haftet trotzdem etwas Verzweifeltes an. Seit ich hier bin, habe ich niemanden dort etwas hineinwerfen sehen. Vielleicht weil einem jeder Betrag lächerlich vorkommen würde.

Das Land hat einen Imageschaden erlitten, der nicht zu beziffern ist. Nicht mehr bekannt für Kirschblüte, Traditionen und Popkultur, sondern für den größten Nuklearunfall seit Tschernobyl. Einer von Machikos Freunden fragt mich, ob ich glaube, dass Tokio in Deutschland jetzt noch als cool gilt. Ganz sicher, sage ich, ohne es wirklich zu wissen. Ich will ihn nicht noch unglücklicher machen. Wie lange wird es dauern, bis einem zu Japan nicht mehr zuerst Fukushima einfällt?

Zum zweiten Mal ist Japan der Grund für ein weltweites Umdenken. Zum zweiten Mal ist es eine nukleare Katastrophe. Doch Japan ist mit den Folgen erst einmal allein und von solchen Gedanken weit entfernt. Am Nebentisch hat eine Horde Studenten einen 10-Liter-Bier-Tank auf dem Tisch, sie saufen direkt aus dem Hahn, und über der Theke laufen die Spätnachrichten: Ministerpräsident Naoto Kan beißt mit Staatsfreunden aus China und Südkorea in Erdbeeren aus der Region Fukushima. Alles ganz normal hier.

Lucy Fricke hat am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert und zuletzt den Roman Ich habe Freunde mitgebracht veröffentlicht (Rowohlt 2010). Seit April wohnt sie als Goethe-Stipendiatin in der Villa Kamogawa in Kyoto

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08:00 19.06.2011

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