Danke für die Aufklärung

Attacke gegen den Turbokapitalismus Rolf Hochhuths Stück "McKinsey kommt", uraufgeführt im Theater Brandenburg

Als Ende vergangenen Jahres bekannt wurde, dass Rolf Hochhuths neues Stück McKinsey kommt im Brandenburger Theater uraufgeführt würde, setzte sofort eine Kampagne dagegen ein: Hochhuth befürworte darin in einem Sonett den "Tyrannenmord" an Josef Ackermann, dem Vorstandschef der Deutschen Bank, so dass das erwähnte Bankinstitut Klage wegen "Mordaufrufs" erwäge. Tatsächlich belässt es Hochhuth jedoch bei einer "Warnung": es könnte ihm, wenn er bei einem Jahressalär von sieben Millionen Euro gleichzeitig 14 Prozent der Beschäftigten "freisetzt" und die Kosten dem Staat aufhalst, ergehen wie weiland Geßler oder in jüngeren Jahrzehnten den Arbeitgeber- und Bankrepräsentanten Schleyer, Ponto, Herrhausen zu den Hoch- und Nachzeiten der RAF.

Weitaus klüger reagierte die Beraterfirma McKinsey, der Hochhuth im Stück vorhält, sie habe für teuerstes Geld Institute wie die Deutsche Bank, Mercedes-Benz, Deutsche Telecom beraten, auf welchen Wegen diese durch Rausschmiss von Zehntausenden von Mitarbeitern ihre Rendite in noch höhere Höhen vorantreiben könnten, frei nach dem Motto "Aktien steigen, wenn Arbeitnehmer fallen". McKinsey kaufte von den wenigen Aufführungen, die bisher angesetzt sind, einfach eine ganze für ihre Mitarbeiter auf, frei nach dem Motto: Hochhuth für die Öffentlichkeit partiell stilllegen, kommt billiger als eine Kampagne gegen ihn. Oder produktiv gedacht: Selbst von einem "ganz kleinen Pinscher" (so die abfällige Bemerkung des damalige Bundeskanzlers Ludwig Erhard im Jahr 1966 über Hochhuth, weil die Hebamme seines gleichnamigen Stücks Obdachlose, die es im "Wirtschaftswunderland" einfach nicht geben durfte, zu Hausbesetzungen ermutigte) lasse sich noch lernen, wie die Hosenbeine heutiger Streifennadelanzugsträger vor Angepisstwerden am besten zu schützen sind...

Die Intendanz des Brandenburger Theaters ließ jedenfalls im Programmheft von McKinsey kommt vorsorglich durch einen Juristen klarstellen: "Der Tyrannenmord, den die Enkelin in Hochhuths Stück andeutet, ist nicht durch das Widerstandsrecht des Grundgesetzes gedeckt." Danke für die Aufklärung!

Hatte Hochhuth in den neunziger Jahren mit der Szenenfolge Wessis in Weimar die Einverleibung der DDR-Industrie durch westdeutsche Konzerne, die sich das Herausschneiden der Filetstücke für´n Appel und ´nen Ei dann auch noch durch Absetzung von der Steuer finanzieren ließen, bloßgestellt, so reitet er in seiner neuen Szenenfolge eine donquichotteske Attacke gegen den neoliberalistischen Turbokapitalismus. Er hat die Umtriebe dieser neuen Internationale der Global Players genau recherchiert: Viel weniger noch, als es die unterdrückten Proletariate je taten, kennen sie ein Vaterland; sie erpressen nationale Regierungen mit der Drohung, Produktionsstätten in "Billiglohnländer" zu verlegen, zum Erlass von Steuern, erreichen durch Fusionierungen immer größere wirtschaftliche Macht, die die Politik zu einer bloßen Hure in ihrem Dienste macht, "erwirtschaften" Höchstgewinne und "rationalisieren" gleichzeitig ganze Betriebe, ja Konzerne samt Belegschaften weg. Und alles das lassen sie dazu noch über ihre Medien den Massen der "Unternommenen" als alternativlos für das Bestehen des "Wettbewerbs im Weltmaßstab", für die "Gesundung der Wirtschaft" und die "Wiederbelebung der Konjunktur" einhämmern.

Hochhuth sieht in der aus diesem "Raubtierkapitalismus" hervorgehenden Massenarbeitslosigkeit, in der immer größeren Kluft zwischen Arm und Reich im Weltmaßstab, soziale Verspannungen entstehen, die früher oder später in soziale Revolution umschlagen. Im Stück McKinsey kommt stellt er daher nicht nur die Machenschaften der Global Players und die bisher hilflosen Re-Aktionen der Raus- und Weggeschmissenen bloß, sondern plädiert reformerisch-vorbeugend für ein verfassungsmäßig garantiertes "Recht auf Arbeit", und sei es durch eine Umverteilung der noch vorhandenen Arbeit. Er sieht dies jedoch nur durch außerparlamentarische Aktionen erreichbar, die er eben bis zu Erwägungen über die Anwendung von Gewalt bei "Abwesenheit aller legalen Rechtsmittel, da man Richter in eigener Sache wird" (nach Hochhuths geschichtlichem Kronzeugen Jakob Burckhardt) vorantreibt.

Hochhuths Problem als Dramatiker besteht darin, für dieses Epochendrama einen dramaturgischen Kunst-Griff zu (er)finden. Leider bleibt er bei tradierten Mustern und Verfahren: In vier Szenen mit lyrisch-gequälten Zwischenepilogen ahmt er reales Leben und Erleben von Menschen mit einer bestimmten sozialen Geprägtheit nach. "Rausgeschmissene" Chemiearbeiterinnen und mittlere Manager einer Marketing Abteilung auf der Seite der "Abgebauten", Vorstandsmitglieder eines Weltkonzerns und "Medienberater" auf der anderen; zwischen ihnen eine resolute Sozialreformerin, die sich zum Anwalt der sozial Entrechteten macht, gleichsam Hochhuth weiblich. Zu einer dramatischen Gegenüberstellung kommt es nur in der vierten Szene, die vor dem Bundesverfassungsgericht spielt. Statt "handelnder Charaktere" sind die Figuren durchgängig in erster Linie Hochhuths "Sprachröhren" seiner polyhistorischen Belehrtheit wie seiner aktuellen Recherchen über den ungebremsten Turbokapitalismus.

Eine der gefeuerten Chemiearbeiterinnen weiß also genau, dass Mercedes-Benz den Chrysler-Konzern in den USA nur deshalb gekauft hat, "um hier amerikanische Schulden/ von der deutschen Steuer ab(zu)setzen" und die "Vorstandsgehälter den sechsmal so hohen amerikanischen an(zu)passen.", und kommt zur erstaunlichen Folgerung "Man müsste mal wieder ein "paar Mollis schmeißen". Die drei Marketing-Entlassenen reflektieren bei Wodka Gorbatschow über "Mord als Hilfsmittel bei Abwesenheit aller Rechtsmittel" und befinden resigniert über sich selber: "Scheißkerle - wir!", weil sie nicht zur Kalaschnikow greifen.

Realistischer geht es nur in der Vorstandsetage von British Tobacco zu, als der Präsident seinen Vize zu überzeugen trachtet, dass es im "globalen Wettbewerb" um nichts anderes gehe, als 8.000 Stellen zu streichen, "um 87.000 den Job zu sichern" und für die Börse "15 Prozent Schnitt zu machen", und die beschlossene Schließung einer Schweizer Traditionsfirma nur deshalb aufschieben lässt, um für einen historischen Moment als human dazustehen, während er gleichzeitig anordnet, McKinsey kommen zu lassen, um den Konzern nach "überflüssigen" Mitarbeitern zu durchforsten.

Der vierte Akt wird zu einem dramatischen Pronunciamento Hochhuthschen Voluntarismus: Die Klage der Anwältin vor dem Bundesverfassungsgericht für das verfassungsmäßig zu garantierende "Recht auf Arbeit" wird durch die Besetzung des Gerichts durch eine Gruppe radikaler Demonstranten aktiv aufgehoben, die die Europafahne als Kopie der amerikanischen verbrennen, durch die "der Profit zum einzigen Gott" gemacht werde.

Aber so paradox es klingt: Gerade dadurch, dass anstelle "handelnder Charaktere" so recht nur "Typen" agieren, die nur "nackte Wahrheiten" über den "real existierenden Kapitalismus" vorzutragen haben, wurden und werden sie für das Brandenburger Publikum interessant. Der Premiere wurde bei massiver Anwesenheit einer ganzen Kohorte von Medienvertretern durch den einheimischen Teil des Publikums, wie zu lesen war, nur ein "seltsam trotziger, fast verkrampfter Beifall" zuteil. Bei der Deuxière am nächsten Abend, bei der die Brandenburger unter sich blieben, herrschte unter dem Publikum eine andauernde Aufmerksamkeit, schlug sich die Reaktion in offener Zustimmung oder abweisendem Verlachen nieder und erreichte eine laute Akklamation, als die Anwältin das "Recht auf Arbeit" in die Europaverfassung forderte.

In dieser Szene wird die ideelle Aussage auch im Darstellerischen zu einer lebendigen Szene, die ausstrahlt. Die vorangegangenen Szenen waren in der bescheidenen Ausstattung (Stephan Besson) unter der Regie von Oliver Munk durch die zwölf Schauspielerinnen und Schauspieler, die in wechselnden Rollen präsent zu sein haben, mehr oder weniger brav, beflissen und bemüht abgespielt worden. Aber die Szene vor dem Bundesverfassungsgericht nimmt mit einmal den Charakter einer kämpferischen Agitprop-Theater-Szene an: Die Demonstranten mit roten Schals, Fahnen und entfalteten Transparenten - das auffälligste mit der Losung: "Brecht die Macht der Banken und Konzerne" - vermitteln unverkennbar aufgestaute soziale Wut, die sich Luft macht, geraten in engagiertes Pathos, werden zu Anklägern. Mit einmal ist tatsächlich der Vorhauch einer revolutionären Stimmung zu verspüren, die Hochhuth unvermeidlich kommen sieht, wenn es dabei bleibt, wie das von sechs Laienspielern kollektiv vorgetragene Epigon Menschen werden wenig gefragt besagt: "Immer weniger Menschen werden/ immer weniger gebraucht./ lohnlos in sinnentleerten/ Existenzen abgetaucht,/ verlieren sie ihre Identität;/ mit dem Markt- auch den Eigenwert:/ Leichter austauschbar als jedes Gerät-/ wie Kippen weggekehrt."

Lethargische und resignierte Haltungen, die besonders unter den "Abgewickelten" und zu Langzeitarbeitslosigkeit Verdammten der Region grassieren, schlagen in ein Wiedererwachen sozialen Protests, neu keimendes Bewusstwerden der Notwendigkeit gemeinschaftlichen Aufbegehrens gegen diese moderne "Verbarbarisierung" im Namen von "Freiheit und democracy" um. So sehr in Schwarzweiß gehalten das dramatische Abbild dieses Welt-Bildes erscheinen mag, so wenig innovativ die Darstellungsformen bei der Uraufführung waren - vom Gegenstand her wirkte Hochhuths Thesenstück in einer Stadt, die aus einer blühenden (Industrie-) Landschaft nach Übernahme durch die freie Marktwirtschaft in eine Industriebrache mit mehr als zwanzigprozentiger Arbeitslosigkeit verwandelt wurde, wie eine überraschende theatrale Appellation, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Diese Signalwirkung, die zumindest von der Deuxière ausging, drückte sich in der Bemerkung eines Zuschauers beim Verlassen des Theaters zu seinen Begleitern aus: "Ein starker Text. Der bohrt in der Wunde".

Hochhuth mag, was die dramatische Umsetzung seiner Fundamentalkritik am globalen "Raubtierkapitalismus" betrifft, vollkommen konventionalistisch, in traditionellen Mustern befangen, damit unzulänglich bleiben; er mag künstlerisch insgesamt wie ein Fossil aus der Urzeit des Dokumentarischen Theaters wirken. Aber eben aus dieser "Zeit, die längst vergangen ist", ragt er doch in die repräsentativ gewordene Dramatik und Theatralik der Nachwendezeit wie ein "verletzter Daumen" (so Brecht über die Rolle der Volkstribunen in Coriolan).

Gegenüber der larmoyanten Widerspiegelung subjektiver Befindlichkeiten; gegenüber bloßen Nabelschauen von richtungslosen Individuen und meinungslosen Kleinstgruppen; gegenüber sensationellen Ausstellungen von Anomalitäten wie Kannibalismus und Sodomie; gegenüber einer neuen "Gottsuche" von Protagonisten des theatralen Dekonstruktivismus von gestern; gegenüber der Entfleischlichung klassischer Werke von jeglicher innewohnender humanistischer Botschaft; gegenüber dem theatralen Hohngelächter auf alles Utopische im Sinn der Vorstellbarkeit einer Besserung des Menschengeschlechts anstelle des prognostizierten und praktizierten Absinkens in die zivilisierte Barbarei besteht Hochhuth unverdrossen auf einem "Politischen Theater", das gesellschaftliche Selbstverständigung auslösen soll. Er bleibt damit ein solitärer produktiver Provokateur auch noch in seinen alten Tagen. Das verdient zumindest Respekt, nicht Häme.

00:00 27.02.2004

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