Danke, Habeck

Energiewende In Deutschland hängen immer noch überalterte Atommeiler am Netz, die gefährlich störanfällig sind

Wie konnte das passieren? Nach einem Super-GAU in Deutschland würde die Nachwelt auf Absurdes stoßen: Das Unfallrisiko war bekannt, auf Atomstrom hätte man längst verzichten können, eine solide Mehrheit der Bevölkerung befürwortete einen schnelleren Atomausstieg, aber die verantwortlichen Politiker blieben untätig.

Spielen wir es durch. Nehmen wir Brokdorf als Beispiel, den Druckwasserreaktor nur 55 Kilometer von Hamburg entfernt. Bei einer Kernschmelze mit teilweiser Freisetzung des strahlenden Inventars würde nur mit viel Glück die radioaktive Wolke über der Nordsee abregnen – ähnlich wie in Japan, wo etwa 80 Prozent des Fallouts über dem Meer niederging. Doch der Wind an der Nordseeküste weht meist aus West oder Nordwest. Somit wäre das Landesinnere stark betroffen, vor allem Schleswig-Holstein. Im schlechtesten aber nicht unwahrscheinlichen Fall käme es zum Fallout über Hamburg. Die Bevölkerung der Millionenstadt säße in der Falle, Alle Evakuierungsversuche wären zum Scheitern verurteilt, die Flucht gelänge wegen des zu erwartenden Verkehrschaos nur wenigen und selbst bei einer reibungslosen Vergabe von Jodtabletten – die eigentlich unmöglich ist – wäre die Stadt sehr schädlichen Strahlungen ausgesetzt. Einen Schutz davor gäbe es nur in luftdichten Räumen, allerdings nur 48 Stunden lang, da man sonst erstickt. Nach Szenarien der Wiener Universität für Bodenkultur wäre bei ungünstiger Wetterlage ein über Hamburg bis nach Berlin reichender Korridor in den ersten sieben Tagen einer Strahlendosis von über 100 Millisievert Cäsium 137 und über 300 mS Jod 131 ausgesetzt.

Brokdorf bröckelt

Direkte Todesopfer infolge der Strahlenkrankheit stellen nur einen Bruchteil dessen dar, was nukleare Unfälle anrichten und erst Jahrzehnte später mit steigenden Krebsraten auftritt. 2013 veröffentlichte Langzeitstudien ergaben eine Mortalitätsrate von 20 Prozent pro Sievert. Bisher ging man nur von einem Viertel dieser Rate aus. Ein Super-GAU würde in Brokdorf hunderttausende Todesopfer fordern, davon ist auszugehen. Spätfolgen wie Missbildungen bei Säuglingen würden über das Erbgut bis in die folgenden Generationen reichen. Es wäre eine der schlimmsten vermeidbaren Katastrophen der Menschheitsgeschichte.

Wie wahrscheinlich ist das Szenario für ein AKW wie Brokdorf? Nach Berechnungen des Max-Planck-Instituts ereignet sich ein Super-GAU durchschnittlich alle zehn und auf Europa bezogen alle 20 Jahre. Damit liegt das Risiko 200 Mal höher als zuvor angenommen. Dazu kommt die steigende Gefahr durch die Alterung von Atomkraftwerken, Materialermüdung, extreme Wetterereignisse sowie Terror- und Cyberangriffe. Jochen Stay von der Anti-Atomkraft-Organisation „Ausgestrahlt“ sagt: „Dass sich in Deutschland noch kein schwerer Atomunfall ereignet hat, ist reine Glücksache.“ Er weiß von Zwischenfällen, die bei etwas anderem Verlauf einen Super-GAU hätten auslösen können. Das besonders störanfällige AKW Brokdorf bereitet ihm immer wieder Sorgen. Letztes Jahr entdeckte man dort übermäßig dicke Oxidschichten an einigen Brennstäben. Sie lassen erkennen, falls die Theorie der Aufsichtsbehörde zutrifft, wie sehr ein erhöhter und schwankender Leistungsbetrieb das Material verschleißt. Das wäre nach Stays Einschätzung bedenklich genug. Doch die Ursache des Problems könnte innerhalb des Reaktorkerns auch woanders liegen. Die Brennstäbe könnten erneut schnell oxidieren und dann bei einem Störfall anders als üblich reagieren. Dass der grüne Landesumweltminister Robert Habeck im Juli das Wiederhochfahren des AKW erlaubte, hält er für unverantwortlich. Atomstrom verstopft zudem die Netze. Bei starkem Wind im Norden kommt es zu einem massiven Stromüberangebot. Die Kapazität der Übertragungsnetze reicht dann nicht aus, um beides in den Süden zu transportieren: den billigen Windstrom genauso wie den Atom- und Kohlestrom, der im Vorfeld bereits verkauft wurde. In dem Fall müssen die Netzbetreiber eingreifen. Wegen des Vorrangs Erneuerbarer Energien sollte erst das „Redispatch“ zum Einsatz kommen. Dabei wird genau die Strommenge, die durch Drosselung konventioneller Kraftwerke im Norden verloren geht, von Erzeugern im Süden zur Verfügung gestellt. Die Ausgleichszahlungen an die Betreiber werden auf die Stromkunden abgewälzt. Redispatch-Maßnahmen stoßen bei den unflexiblen Braunkohle- und Atommeilern aber auf Grenzen. Das AKW Brokdorf beispielsweise kann nur bis zu zwei Drittel seiner Leistungskapazität herunterfahren. Auch bei heftigen Stürmen drückt es noch relativ viel Strom ausgerechnet in eine der am stärksten belasteten Leitungen. Es werden dann vor allem Windräder abgeregelt. Diese Maßnahme gilt als letzte Option, im Jahr 2016 kam sie aber 3.743 Stunden zum Einsatz. Das verursachte Entschädigungskosten von 373 Millionen Euro, über 70 Prozent davon in Schleswig-Holstein. Diese Summe könnte ab 2019 erheblich steigen, wenn neue Leitungen an der Nordseeküste große Mengen an Off-Shore-Windstrom genau dorthin transportieren, wo die Reaktoren in Brokdorf, Lingen und Grohnde die Netze blockieren. Statt auf ein früheres Abschalten dieser Meiler zu setzen, beschloss die Bundesregierung, den Windkraftanlagenausbau im Norden zu deckeln. Zusammen mit Umweltverbänden fordert „Ausgestrahlt“ nun, die Übertragung von Reststrommengen gesetzlich zu verbieten. Nach dem rot-grünen Atomkonsenz, der teilweise noch gültig ist, wäre das Strommengen-Kontingent fast aller deutschen Atommeiler lange vor dem offiziellen Abschaltdatum ausgeschöpft. Ohne die Möglichkeit der Kontingent-Übertragung ginge das AKW Brokdorf nicht erst Ende 2021 vom Netz, sondern knapp 2 Jahre früher. Auch die Jamaika-Regierung in Schleswig-Holstein erhebt diese Forderung – zumindest für Brokdorf.

Kohle und Atom

Festzuhalten bliebt: Die Erneuerbaren Energien drohen, den Systemkampf auf dem Stromsektor zu verlieren. Dazu hat auch die schwarz-rote Bundesregierung beigetragen, die 2009 auf Druck der Kohlelobby den Vorrang von Erneuerbaren Energien aushöhlte. Energieversorger wurden davon befreit, einen bestimmten Anteil grünen Stroms einzubinden. Der Exportüberschuss beim Kohlestrom bricht inzwischen alljährlich Rekorde, an der Börse sinkt der Preis für erneuerbare Energien auf Ramschniveau, was die EEG-Umlage in die Höhe treibt.

Die Klimaökonomin Claudia Kemfert vom DIW geht davon aus, dass man das korrigieren kann, ein schnellerer Kohleausstieg sei dafür so unerlässlich wie der Ausbau intelligenter Netze, die Einbindung von Speichern und lastnahe Onshore-Windanlagen. Allein damit, sagt sie, stiege der Anteil der Erneuerbaren im Stromsystem auf 60 oder 80 Prozent. Vom forcierten Stromtrassenbau hält sie nichts: „Zum jetzigen Zeitpunkt ist das sogar gefährlich, weil es die Phase der Braunkohle künstlich verlängert.“ Als Armin Laschet, CDU-Ministerpräsident von NRW, ankündigte, durch Strom aus dem rheinischen Braunkohlerevier die Abschaltung des maroden belgischen Meilers Tihange zu beschleunigen, setzte er eine geplante Stromtrasse nach Belgien voraus, für die noch gar keine Genehmigung vorliegt. Umweltschützer protestierten und sprachen von einem "vergifteten Angebot". Laschets Dementi, er propagiere keine Braunkohle, kam allerdings erst, nachdem er von Belgiens Premier Charles Michel eine Absage kassiert hatte.

06:00 11.03.2018

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