Dann eben Fondue

China Schwaches Wachstum und Börsenkrach sollten nicht täuschen: Peking startet den Großumbau seiner Wirtschaft
Finn Mayer-Kuckuk | Ausgabe 39/2015 4
Dann eben Fondue
Nächste Station: Einzelhandel. Oder lieber Tourismus?

Foto: Kevin Frayer/ Getty Images

In der Bergbauregion im Norden der chinesischen Provinz Shaanxi läuft es schlecht. Hunderte von Kohlengruben mussten in den vergangenen Monaten schließen. Ihre Einfahrten sind mit Brettern vernagelt, Bulldozer, Lagerhallen und Fördertürme versinken langsam im gelben Staub, den hier der Wind heranweht. „Das Geschäft ist im Keller“, sagt Fuhrunternehmer Li Lin, 50 Jahre alt, Sonnenbrille, immer eine Kippe im Mundwinkel. Kohletransporte lohnen sich nicht mehr: In China ist die Nachfrage durch den Wachstumsrückgang und die Energiewende zusammengebrochen.

Li musste all seine Angestellten entlassen, ist praktisch pleite. Doch er wirkt trotz alledem optimistisch. „Wenn Bergbau nicht mehr läuft, dann mache ich etwas anderes.“ Seine Frau und sein Sohn haben bereits ein Fondue-Restaurant eröffnet, in das er nun einsteigen will. „Dienstleistungen sind schwer im Kommen“, glaubt Li.

Für China hängt viel davon ab, ob flexible Unternehmer wie Li für ihren Optimismus belohnt werden – oder ob die Regierung sie enttäuscht. Die Kommunistische Partei will weg von immer höheren Investitionen in Industrieanlagen und Immobilien. Dafür sollen Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor entstehen. Die Wirtschaft soll insgesamt dynamischer und kreativer werden.

Das ist volkswirtschaftlich schwer zu bewerkstelligen. Das schwächere Wachstum und Exzesse wie die jüngst geplatzte Aktienblase zeugen von den Problemen, die solch ein Kurswechsel mit sich bringt. Doch die Wirtschaftsplaner unter Premier Li Keqiang sehen keine Alternative. Das alte Modell ist komplett ausgereizt. Ist der Übergang ohne Bruchlandung zu schaffen?

Der Aktienmarkt ist nach den Einbrüchen wieder auf dem Stand von 2014, als Li selbst den Startschuss für Geldanlagen in Aktien gegeben hatte. Autohersteller fürchten einen Absatzrückgang und Geschäftsleute klagen über eine schlechtere Auftragslage. Peking versucht, mit einer Zinssenkung gegenzusteuern. Doch die Firmen haben zuletzt immer weniger auf geldpolitische Anreize reagiert. Und ihr hoher Schuldenstand lähmt die Wirtschaft.

Firmen müssen schrumpfen

Auch in China gelten die ökonomischen Gesetze: Wer bereits verschuldet ist, kann nicht investieren und kommt nur schwer an frisches Kapital. Statt neue Projekte in Angriff zu nehmen, müssen sich viele Firmen erst einmal gesundschrumpfen. Zugleich aber herrschen in China andere Spielregeln als im US-geprägten Kapitalismus. Daran ändert sich vorerst wenig, wie ein neues Gesetz zur Reform der Staatsunternehmen zeigt: Die Regierung behält zahlreiche Möglichkeiten, die Wirtschaft zu beeinflussen. Daraus folgt: Eine längere Schwächephase ist wahrscheinlich, ein tiefer Absturz nicht. Wer heute von einem Crash in China orakelt, wird sich in einigen Jahren wundern, wie stabil die Entwicklung weitergegangen sein wird.

Denn Peking hat Geld. „Die Wirtschaftsplaner haben noch reichlich Möglichkeiten für Konjunkturmaßnahmen“, sagt Ökonom Qu Hongbin vom Bankhaus HSBC in Hongkong. Derzeit laufen groß angelegte Ausgabenprojekte an, die vor allem in Problemregionen Arbeitsplätze schaffen sollen. Die Schwerpunkte passen zu den Plänen, die Wirtschaft innovativer und nachhaltiger zu machen: schnelles Internet, sauberes Wasser, alternative Energie, neue Schnellzüge und eine Aufwertung der Industrie in Richtung intelligenter Fertigung.

Ökonomen in Europa und Amerika erschrecken regelmäßig bei Pegelstandsmeldungen zu Chinas Schuldenstand. Auf 282 Prozent der Wirtschaftsleistung schätzt ihn derzeit die Unternehmensberatung McKinsey. Droht da etwa ein neues Griechenland, bloß viel größer? Eine Wiederholung der US-Hypothekenkrise? Nein. Griechenland ist im Ausland verschuldet und hat keine Kontrolle über seine Währung. China dagegen ist der größte Gläubiger der Welt und verfügt über geradezu unerschöpfliche Reserven an Dollar und Euro. Und es gibt kein Problem, das sich nicht durch Zentralbankgeld lösen ließe. Die Notenbank ist im kommunistischen System eine weisungsgebundene Behörde. Die Unternehmen aus alten Branchen wie Metall, Werften oder Bergbau mögen verschuldet sein, doch Peking hat reichlich Mittel, neue Sektoren zu päppeln und Jobs zu schaffen.

Und auch wenn die Schulden der Firmen 2007 um 14 Prozent, 2010 immer noch um über zehn Prozent gewachsen sind und das den Charakter einer Kreditblase hat: Es handelt sich dabei um vergleichsweise leicht durchschaubare Bankkredite, nicht um komplexe Mogelpapiere wie die Collateralized Debt Obligations in den USA.

Die Luft kann einer Blase auf zwei Arten ausgehen: So dramatisch wie in den USA 2007 oder so langsam wie im Japan der 90er Jahre. Dort schossen Regierung und Zentralbank genug Geld nach, um die Wirtschaft zumindest auf dem gleichen Niveau zu halten. Ein plötzlicher Absturz blieb aus, den Japanern ging es durchgehend gut.

China kann es ähnlich machen – und hat einen weiteren Vorteil. Das Land ist noch nicht gesättigt. Das Einkommen pro Kopf liegt bei einem Sechstel des deutschen Vergleichswertes. Millionen Menschen arbeiten in der Landwirtschaft und sollen nach Lis Plänen zu Städtern in höher bezahlten Jobs werden. In den vergangenen 30 Jahren hat genau das auch geklappt.

Und der Aktienmarkt? Der Versuch, ihn mit dirigistischen Mitteln zu lenken, endete mit eine Blamage für den Premier. Er hat gelernt, dass er nicht zugleich einen freien Markt im US-Stil und die Berechenbarkeit einer Staatswirtschaft haben kann. Doch die Folgen der Kursschwankungen lassen sich verschmerzen. Auch hier verstehen viele westliche Beobachter die Spielregeln in China nicht. Amerikaner legen Geld für ihre Altersabsicherung an der Börse an, Unternehmen beziehen dort ihr Kapital. In China dagegen handelt es sich um eine reine Zockerbude, und alle wissen das. Der Kursabsturz ist schmerzhaft für die, die Geld verloren haben. Aber das Kapital ist im System geblieben. Und es spricht sogar ein wenig für die verrückte Dynamik in China, dass Investoren 2014 so begeistert auf den Börsenzug aufgesprungen sind.

Genau wie der Kohleunternehmer Li Lin orientieren sich nun die Leute überall im Land neu. Sie wechseln in Branchen, die gerade boomen, Einzelhandel oder Tourismus etwa. Li Lin selbst lehnt sogar Subventionen für die Kohle ab. „Das bringt ja nichts, es handelt sich um einen veralteten Sektor“, sagt er. Ihm ist nur wichtig, dass laufend neue Chancen entstehen.

Finn Mayer-Kuckuk arbeitet als freier Wirtschaftskorrespondent in China

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