Dann geh und stirb in Gaza!

Schwerkranke Palästinenser werden bei einer Gaza-Ausreise zu Aussagen gegenüber israelischen Geheimdiensten gezwungen, beklagt Hadas Ziv vom Menschenrechtsverband PHR

Hadas Ziv: Wir unterstützen Patienten, die medizinische Versorgung in Israel brauchen und daher eine Ausreiseerlaubnis aus Gaza beantragen. Früher war das nur ein bürokratischer Aufwand und dann hatte man eine klare Aussage: “Ausreise abgelehnt” oder “Ausreise bewilligt”. Doch ab einem bestimmten Zeitpunkt hieß es: “Ausreise je nach Ausgang der Befragung.”

… die wenig mit dem Gesundheitszustand des Patienten zu haben. Viele, mit denen wir in Kontakt waren, kamen von ihrer Befragung zurück und haben uns mitgeteilt, dass sie die Genehmigung nicht bekommen. Wenn wir dann nachfragen, gibt es stets ähnliche Antworten: “Sie wollten mich dazu bringen, für sie zu arbeiten. Ich hab mich geweigert und dann haben sie mich zurück nach Gaza geschickt.”

Sie kommen von sehr unterschiedlichen Menschen. Manche sind jung, andere alt, sie haben erkennbar unterschiedliche politische Ansichten. Es ist an den Haaren herbeigezogen, anzunehmen, dass die Kranken erfundene Geschichten so koordinieren können. Vor allem: Die Menschen brauchen viel Mut, um mit uns über dieses Thema zu sprechen. Sie haben viel zu verlieren.

Gleich nachdem Hamas in Gaza die Macht übernommen hat. Seitdem ist es für die Israelis schwieriger geworden, von dort an Informationen zu erhalten. Es gibt nur noch wenige direkte Kontakte. Hinzu kommt die Blockade – allein Kranke dürfen ausreisen. Und für Sicherheitsdienste sind Patienten eine leichte Beute. Wenn es um Leben und Tod geht, sind viele erpressbar.

Oft wird der Patient von seiner Familie getrennt, muss ein paar Stunden in einem extra Raum warten und wird dann zur Befragung gebracht. Manchmal stellen sie dann nur ein paar Fragen, um herauszufinden, ob jemand Hamas-Mitglieder kennt. Manchmal bieten sie einen Deal an: “Hilfst du uns, dann helfen wir dir. Du brauchst einen Arzt, wir brauchen Informationen. Wir geben dir eine Nummer, Du rufst uns einmal die Woche an und berichtest.” Wenn sich einer weigert, werden sie direkter: ”Okay, dann geh und stirb in Gaza”.

Die Patienten sind in einem Dilemma: Wenn sie sich weigern zu kooperieren, steht ihr Leben auf dem Spiel, weil sie nicht an die benötigte medizinische Hilfe herankommen. Wenn Sie aber die Ausreiseerlaubnis erhalten haben, wird ihnen in Gaza unterstellt, zum Kollaborateur geworden zu sein – ob das nun stimmt oder nicht. Wenn Leute in Gaza denken: Du bist ein Kollaborateur, steht dein Leben ebenfalls auf dem Spiel. Genau darum geht es auch: Um Erniedrigung und Zerstörung des Zusammenhalts.

Das ist bloß die Oberfläche. Ich habe den Eindruck, die Verhöre funktionieren in mancher Hinsicht ähnlich wie Folter. Dabei geht es auch nicht vorrangig um die Informationen, die man herauspressen kann. Die sind oft überhaupt nicht brauchbar. Unter Druck sagen Leuten schließlich, was immer man hören will. Ich denke, das eigentliche Ziel ist es, die Solidarität unter den Palästinensern zu zerstören. Wenn sie sich gegenseitig verdächtigen und untereinander zersplittert sind, dann können sie auch nicht mehr gemeinsam für eine Sache kämpfen. Was zwischen Fatah und Hamas schon längst der Fall ist, das passiert auch zwischen Nachbarn und innerhalb der Familie.

Nein, wir haben eine kollektive Psychose entwickelt und werden von Angst regiert. Sicherheit ist für uns alles. Aber was man uns als Sicherheit verkauft, ist eine ganz enge Definition von Sicherheit. Keiner hat den Mut zu sagen, dass langfristige Sicherheit Sicherheit für alle sein muss – auch für die Palästinenser.

Das stimmt. Wenn ich mit Leuten diskutiere, sagen sie mir, ich solle doch dankbar sein, dass jemand meine Sicherheit garantiert, und die Sicherheitsdienste mit diesen Verhören vielleicht mein Leben retten. Sie sagen, ich sei naiv, unpatriotisch und hätte ein Problem mit meinem Jüdischsein. Für mich ist es aber unerträglich, mir vorstellen zu müssen, ich sei die Mutter einer krebskranken 17-Jährigen, die dringend eine Chemotherapie braucht und die vor ihrer Ausreise von den israelischen Sicherheitsdiensten verhört wird. Und ich, als Mutter, bin im Nebenraum und weiß nicht, was mit meiner Tochter passiert – diese Vorstellung macht mich fassungslos.

Das Gespräch führte Stephanie Dötzer


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13:45 16.08.2009

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