Dann kommt der Alltag

Clown im Alleingang Der Berliner Liedermacher, Dichter, Clown Hans-Eckart Wenzel fühlt sich als Wendegewinnler, beklagt aber die Ent-Erotisierung des Daseins

Der Mann verdient sein Geld als Clown, und da gehört die Träne im Knopfloch zwar zur Berufsbekleidung, sein Beruf jedoch besteht darin, möglichst viel Lachen zu erzeugen. Was das betrifft, war Meister Wenzel bisher immer Bestarbeiter. Vor zwei Jahren hat er sich aus seiner seit 1978 bestehenden Komödiantenehe mit Steffen Mensching verabschiedet. "Man muß aufhören, solange es noch funktioniert", resümiert Wenzel im Gespräch diese Zeit. "Wir sind uns nicht zu wenig geworden. Aber das Zweigespann begann zur Zwangsjacke zu werden. Die Form degenerierte zur Fessel." Er sagt es ein wenig bedauernd, aber kein bisschen deprimiert. Auch wer Wenzels erfolgreiche Einzelprojekte nicht kennt, seine Gedichte über den August, seine Lieder vom wilden Mohn, seine Schallplatten und Schattenspiele, Bühnenmusiken und Regiearbeiten, kann sehen, dass dieser Künstler Substanz genug für einen Alleingang hat. Dabei macht er Widersprüche und Widerstände unserer Zeit sichtbar, die das Leben der Menschen prägen, ihre freie Entfaltung hemmen, sie verformen, aushöhlen, martern, brutalisieren, abstumpfen, zum Possenspiel treiben. Ein Realist, der mehr darstellt als die Realität des Augenscheinlichen. Viele erkennen sich wieder in Wenzels Kunst.

In seinen neuesten Liedern, die auf der im vergangenen Jahr veröffentlichten CD Schöner Lügen zu hören sind, singt Wenzel über Leute, die sich hinter Fassaden verstecken. Mal ist es eine militante Verfechterin biologisch abbaubarer Produkte, mal sind es alte Klassenkameraden, die sich in soziale Schichten einbetoniert haben. Der "Nazi im Regen", der sich an das braune Bettzeug klammert, gehört ebenso zum Wenzelschen Panoptikum wie die zum Untätigsein verdammten Soldaten, die sich "wie Schaffner im Nahverkehr" fühlen müssen. Wortgewaltig wettert Wenzel gegen alle, die sich hinter Zahlenkolonnen oder Oberflächlichkeit verbarrikadieren. Spielerisch wird bisweilen mit dem Schrecken umgegangen. Die Aufforderung zur individuellen Aktivität besinnt sich bei Wenzel auf das Machbare, auf den möglichen Beitrag des einzelnen: Lach einmal, denn wer nicht genießt, ist ungenießbar. Das sind Lieder, die den Spießern sanft ironisch einen Spiegel vorhalten.

Wie fühlt sich Wenzel in der gesamtdeutschen Narrenfreiheit? Er fühlt sich von seiner "ideologischen Funktion" befreit. Aber er bedauert "eine gewisse Ent-Erotisierung des Daseins. In der DDR hatte man ein hohes Maß an Wünschen, psychologisch gesprochen war man immer präkoital. Die jetzige Gesellschaft ist postkoital, weil sie sämtliche Bedürfnisse befriedigen will. Sie lebt in dem Wahn, jede Sehnsucht sei stillbar. Ein trauriger Zustand."

Anders als einige Künstlerkollegen weint Wenzel aber nicht um den Verlust einer Utopie. Die Institution DDR sei keine Utopie gewesen, bestenfalls ein Gegengewicht, damit der Westen sich nicht völlig unkontrolliert verhalten könne. Einen utopischen Moment dagegen habe es im Herbst 1989 gegeben. "Da blühte in den Wünschen der Leute eine Welt auf." Aber schon auf der Alexanderplatz-Demo vom 4. November wäre klar gewesen, dass das nicht von Dauer sei. "Wie wenn man sich verliebt, und dann kommt der Alltag."

Worin liegt für Wenzel das Apokalyptische der Gegenwart? In deren deprimierender Kontinuität. "Die Katastrophe besteht darin, dass es so weiter geht", sage Walter Benjamin. Über dessen Passagen-Werk will Wenzel unbedingt mal einen Abend machen. Und traurig ist er immer noch, dass "Aufenthalt in der Hölle" - ein Rimbaud-Programm, "unser kühnstes" - so wenig gespielt wurde. Überhaupt, die literarischen Collagen! Als Wenzel und Kollegen mit komischer Impertinenz diverse Geistesgrößen zur Strecke brachten: Marx und Becher und Mühsam. "Das war immer eine Befreiung von uns selbst. Denn nimmt man sich aus der inhaltlichen Verantwortung, hat man den Kopf frei fürs formale Experimentieren." Jenem Stillstand, der ihn an deutschen Bühnen momentan so stört, möchte Wenzel nicht noch nachhelfen. Denn Wenzel geht kaum noch ins Theater, weil er den letzten Rest Lust an diesem Genre nicht verlieren will. "Mich beleidigt der Dilettantismus, dieser müde fünfzigste Aufguss einer avantgardistischen Grundhaltung. Es gibt gar nichts mehr zu zertrümmern, aber sie zertrümmern immer noch." Da werde aus falschem Mut öder Zeitgeist. Und außerdem nerven ihn "die dauernden Krampfadern". Wenn ein Zirkusclown oben auf dem Drahtseil seinen Dreifachen mache, dann zeige er ja nicht, wie schwer, sondern wie leicht das sei. Aktuelles Theater aber verwechsele Spiel und Ernst. "Bei Lessing gibt es die schöne These, mit dem Spiel könnten wir uns über den Tod hinwegsetzen. Wenn wir Karten spielen oder Theater, dann sind wir mal eine Stunde lang ganz anders, haben keine Angst vorm Sterben. Wir haben das Gefühl die Zeit besiegt zu haben." Diese Leichtigkeit sei verlorengegangen. Und das mache das Theater tot, zu einer Anstalt eitler Subjekte, die zeigen wollen, wie besonders sie sind.

Wenzel war in der DDR eine Institution. Fühlt er sich nach ´89 als Verlierer? "Ich bin eher Wendegewinnler, weil sich mein Publikum vervielfacht hat." Der soziale Typus des Verlierers sei jedoch die interessanteste Figur des 20. Jahrhunderts. Valentin, Chaplin - die besäßen Charme und Erkenntnismöglichkeit. Gewinner dagegen, "diese Elenden in ihren Anzügen, sind arme Schweine. Sitzen in klimatisierten Limousinen und haben gar nichts von der Welt." Ständig wie ein König auf dem hohen Ross zu hocken, mache jeden Menschen lächerlich. Und außerdem gehen ja die kitschigen Liebesgeschichten immer so, dass die Frau des Reichen mit dem Vagabunden durchbrenne, weil er charmanter sei. Da hat der Vagabund Wenzel leicht reden, weil er, wenn er Lust hat, jederzeit König spielen kann. Schließlich ist er Clown. Und wenn er das Clownsein satt hat, geht er immer noch als siegessicherer Verlierer durch. Narrendialektik.

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00:00 26.10.2001

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