Dann war der Krieg dazwischen

Was lange währt Über den feinen Unterschied zwischen Glück und Zufriedenheit. Eine Liebesgeschichte

Das ist eine Geschichte über die Liebe. Keine gewöhnliche Liebe, wie die meisten. Es ist eher eine Liebe, die als biografischer Refrain immer wiederkehrt. Im Leben der Lotte Faber und im Leben des Kurt Guse. Es ist die Geschichte vieler Begegnungen, eines sich immer Wiederfindens und eines sich immer Wiederverhinderns und eines späten Beieinanderbleibens. 40 Jahre vergingen zwischen ihrem ersten Kuss und dem Tag, an dem sie heirateten. Was war dazwischen? "Eine tiefe Zufriedenheit", sagt Lotte Guse. Von Glück spricht sie bewusst nicht. Dazwischen, da waren Pflichten, und da war der Krieg. Das Glück, was brauchte es letztlich, um die Zufriedenheit der Lotte Guse zu überwinden?

Lotte und Kurt wurden in dem kleinen Ort Limmritz groß. Vor dem Krieg gehörte Limmritz zu Brandenburg und lag östlich der Oder. Idyllisch war es dort mit vielen Seen, Wiesen und Wäldern - ideale Tummelplätze für Kinderherzen. Kurt wohnte von Lotte nur zwei Häuser entfernt. Seine Eltern besaßen eine Gaststätte, die am Wasser lag und viele Besucher aus Berlin in die Sommerfrische zum Angeln lockte. Acht Jahre alt ist Lotte, als Kurt eines Tages vor ihr steht und sie fragt: "Wollen wir Ball spielen?" Er hat Lotte entdeckt, als er sich auf ihrem elterlichen Grundstück herumtreibt. Handwerker sind damit beschäftigt, die Scheune zum Wohnhaus umzubauen. Kurt interessiert sich für die Zimmerarbeiten und darf sich immer ein Stück Holz mitnehmen, weil er zu Hause so gern schnitzt. Es soll nicht lange dauern, da spielt er viel lieber Ball. Mit Lotte. Querbalken und Dachfirste sind bald vergessen. Der zehnjährige blonde Junge mit den blauen Augen besucht nun jeden Tag seine Spielgefährtin auf dem Hof. Sie machen Radtouren durch die Landschaft des Warthebruchs oder rudern auf dem nahe gelegenen Radacher See. Aber so einfach war es nicht für Kurt, an Lottchen, denn so nannte er sie mittlerweile, heranzukommen. Über alle Unternehmungen wachte Anna, eine Tante, bei der Lotte aufwuchs. Auf seine Frage: "Kann ich mit Lottchen spazierengehen?", hörte er von ihr oftmals: "Jetzt nicht!" Im Dorf war jedem klar, dass Lotte Faber und Kurt Guse miteinander gehen; so wie Kinder miteinander gehen.

Vater Guse rief Lotte manchmal zu: "Na Lottchen, Du wirst mal meine Schwiegertochter." Aber die strenge Tante Anna legte Wert auf pädagogisch zeitgemäße Grundsätze und Regeln. Häusliche Pflichten gingen vor und hielten die zwei auf Distanz. Zudem war Lotte naturgemäß nicht gerade mutig. Als Kurt den Ort verlässt, um im entfernten Drossen sein Abitur zu machen, schreiben sich die beiden Briefe. Lotte muss sie an die Gärtnersfrau des Internats in Drossen schicken, weil es den Schülern dort verboten war, Briefe zu bekommen. Kurt beklagt sich oft über den strengen Stil, der in der Schule vorherrscht und er ist froh, dass seine Großmutter in Drossen wohnt, die mit ihrem Kuchen so manches wieder versüßt.

In den Sommerferien treffen sich Lotte und Kurt zu ausgedehnten Spaziergängen. 17-jährig nimmt Kurt Anlauf zum ersten Kuss und lädt Lotte zu einer sonntäglichen Kahnfahrt auf dem Badeteich ein. Schön gemacht hat sie sich; trägt ein rosa Kleid mit Blümchen und lässt sich von Kurt übers Wasser fahren. Der steuert gedankenverloren die Liebesinsel an. Bis er am Ufer die Tante Anna entdeckt, die sich, es ist ja Sonntag, zu einem Bade entschlossen hat. Mit Anna im Rücken kann Kurt unmöglich seinem Lottchen den ersten Kuss geben. Also wirft er seinen Plan über Bord und steuert den Kahn ans sichere Ufer.

Und in der Reichshauptstadt wird Geschichte gemacht; eine, die das Land ins Verderben steuern wird. Und viele Biografien. Wenn sie denn weitergehen dürfen.

Auf einer Fahrradtour hätte es fast geklappt. Da stehen sich die beiden schweigsam gegenüber und eigentlich hätte nur noch Küssen geholfen, aber... Aber? "Naja", sagt Lotte Faber heute, "die Fahrräder waren ja dazwischen."

Als auf dem Limmritzer Dorfplatz ein Karussell aufgefahren wird, lassen sich Lotte und Kurt wieder und wieder begeistert in den Karussellkutschen drehen. Sie genießen den lauen Sommerabend und machen sich schließlich auf den Nachhauseweg. Vorbei an der Kirche, den Kastanienweg hinunter zu Fabers Haus. Unterhalten wollte sich Kurt noch ein bisschen und gab hinter der Remise unter den Kastanienbäumen Lottchen den ersten Kuss. Dann rannte er schnell zu sich nach Hause, lief sofort auf sein Zimmer und verbrachte die Nacht schlaflos. Und Lotte? Lief auch gleich auf ihr Zimmer. Konnte aber schlafen.

Sie haben sich noch ein zweites Mal geküsst. Dann war der Krieg dazwischen.

1940 geht Lotte Guse zum sozialen Pflichtjahr in die evangelische Diakonieanstalt Lobetal bei Bernau. Ein einziges Mal wird sie dort von Kurt besucht. Aber der Krankenhausbetrieb, die Frömmigkeit und sein Lottchen in Schwesterntracht wirken auf ihn befremdlich. Das Kindsein war beiden von den Schultern gefallen. Als sie um den Mechelsee spazierten, waren sie sich fremd wie nie zuvor; vermochten es nicht mehr, sich an die Hände zu nehmen. Geschichte war dazwischen.

Ein Jahr später wird Lotte nach Stettin versetzt und arbeitet im Krankenhaus, was teilweise auch als Lazarett genutzt wird. Sie hat ihre Passion gefunden und kann sich nichts anderes vorstellen, als Krankenschwester zu sein. Sie hält viel aus und arbeitet bis zur Erschöpfung. Ihre größte Sorge: Nein, nicht Kurt. Lotte hat Angst, auf die Männerstation zu kommen. Sie kennt sich nicht aus mit Männern und ist schüchtern. Darüber halfen Kurts Küsse nicht hinweg.

Sie kommt auf die Männerstation, muss verarzten und Körper waschen. Und denkt sich beim Anblick all der anderen Physiognomie: "Was ist das für eine Gestalt, die ja hier auf Erden auch gebraucht wird." Vorerst dient sie als Kleiderständer für Uniformen... und Verbandsmaterial.

Und Kurt? Befindet sich vor Stalingrad im Grabenkrieg und wirft einem Russen Verbandszeug rüber, weil er am Arm verletzt wurde. Nur 15 Minuten später erwischt es ihn selbst am Fuß. Die Verletzung ist schwer und die Heilung wird Monate dauern.

Wann immer sie die Möglichkeit haben, ziehen sie Erkundigungen über den anderen ein. Meist von den Eltern. Aber Kurt glaubt schon seit geraumer Zeit, Lotte verloren zu haben. Lotte muss sich eingestehen, dass ihr der Beruf über alles geht. Sie denkt kaum noch an Kurt, interessiert sich aber auch nicht für andere Männer. Sie hat mit ihren 19 Jahren viel gesehen, hat sich Familiengeschichten und -tragödien angehört und muss in ihrer Unerfahrenheit Rat geben und wird dafür geliebt, dass sie manchmal nächtelang an Krankenbetten sitzt und zuhört. Lotte Faber wurde gebraucht. Und Kurt?

1944 kam er in Südfrankreich in amerikanische Gefangenschaft. Seine Eltern erhielten die Mitteilung, ihr Sohn werde vermisst. Mit dieser Nachricht ging Lotte nach Berlin, um als Krankenschwester im sozialen Dienst zu arbeiten. Zum Nachdenken blieb keine Zeit, wenn sie Hausbesuche machte. Hausbesuche? Sie lief durch die Trümmer von Berlin, um in Ruinen todkranke Menschen zu waschen und war froh, wenn sie dafür eine Thermoskanne Wasser zur Verfügung hatte. Sie fand im Bett erfrorene Ehepaare, eingehüllt in ihre Mäntel, erfroren in einer letzten Umarmung. Lotte wird selbstständig, weiß zu improvisieren und wird mutig.

Kurt wird 1946 entlassen und das erste, was er seine wiedergefundene Mutter fragt, ist: "Was weißt du von Fabers?"

Wenig Zeit hat sie, als es im Herbst 1946 an ihrer Tür klingelt. Sie ist erschrocken als der vermisst geglaubte Kurt vor ihr steht und sagt: "Endlich find ich dich." Er kann ihr noch sagen, dass er jetzt öfter nach Berlin kommen wird und dass sie sich treffen können. Zu mehr lässt ihm Lotte keine Zeit. Patienten warten. Und Kurt wird auch warten. Noch eine Weile.

Sie treffen sich einige Male im zerbombten Berlin. Wenn sie es schaffen, bis zur Sperrstunde abends um zehn. Sie tun sich schwer. Da stehen sie der Zeit in nichts nach. Die zaghaften Annäherungsversuche wollen nicht verstanden werden. Sie sind unsicher. Wie die meisten, aus welchen Gründen auch immer. Man könnte meinen, sie waren schon mal weiter. Aber das war in Limmritz, und das liegt jetzt in einem anderen Land.

Nach acht Monaten, der Winter war sehr kalt, besucht Kurt Lotte ein letztes Mal. Sie steht vor ihm in ihrer Schwesterntracht, im Gesicht Erfrierungen zweiten Grades, da macht Kurt ihr deutlich, dass er einen Hausstand gründen und aus der Wohnung seiner Mutter in Schwerin ausziehen will. Wenig später erfährt Lotte: Kurt Guse hat geheiratet. Es macht ihr nichts aus. Es gibt viele Varianten von Glück. Ihres ist der Beruf. Verliebt war sie nicht mehr in Kurt, und die Welt war ja schon zusammengebrochen.

Sie trafen sich später bei Heimattreffen der Vertriebenen und gratulierten sich noch viele Jahre telefonisch zum Geburtstag. Kurt hatte längst Familie, Lotte blieb ledig und dachte nicht ans Heiraten. Nicht, dass sie nicht gewollt hätte, aber sie war nicht der Typ, der Anlauf zu einer Beziehung nahm. Als sie 40 ist, fängt sie an, darüber nachzudenken. Ihre Freundin heiratet, und Lotte wird sanft darauf hingewiesen, ob sie nicht auch bald ...

Aber sie wollte nicht und schon gar nicht bald. Heiraten war für Lotte nicht die große Hausaufgabe im Leben. Ja, sie war allein, aber nicht einsam. Dass ihr Herz keine Kompromisse macht, fällt nicht schwer zu glauben. Ihre Seele sucht sich die Erfahrungen, die sie braucht. Männer gehören nicht dazu und Lotte tut das nicht weh. Das Wort Glück wollte sie aber nicht missbrauchen. Sie war zufrieden. Auch als sie ihre Wohnung mit der Tante Anna teilt und sich um sie kümmert.

Ja, gab es denn da niemanden? Doch, ein Arzt kreuzte ihren Weg, und Lotte fing tatsächlich an, sich für ihn zu interessieren. Sie verstanden sich und führten wunderbare Gespräche. Als Anna im Urlaub ist, lädt ihn Lotte zu sich nach Hause ein. Zur Reparatur wohlgemerkt, denn der Mann ist handwerklich nicht unbegabt. Beim Nudelauflauf philosophieren sie über Gott und die Welt. Nichts passiert. Er traut sich nicht. Sie näht für ihn Gardinen, und er schraubt ihr den Weihnachtsbaum an. Über das Sie kommen sie nicht hinaus. Er hat Angst vor Berührungen; tut sich schon schwer, ihr die Hand zu geben. Da war nichts zu machen. "Man kann die Angst auch in sich züchten", sagt Lotte Faber und meint sicher nicht nur seine. Und Kurt?

Der wohnte in Schwerin. Seit 1950. Seine politischen Auffassungen passten nicht zum Osten. Also verschwand er. Und nun wohnten sie beide im Westen Berlins. Aneinander vorbei und es scheint, als hätten sie ihre Jugendliebe an Konjunktive verraten.

Im Sommer 1991 fährt Lotte nach langer Zeit wieder zum Vertriebenentreffen, um dort eine Freundin zu sehen. Sie ist längst pensioniert. Anna ist gestorben und auch Kurts Frau; vor einem Jahr. Als sie den großen Saal in Berlin-Tegel betritt, kann sie niemanden erkennen, weil die Sonne sie so sehr blendet. Aber sie erkennt plötzlich eine Stimme neben ihr: "Lotte, Kindchen, dass ich dich wiederfinde." Das war Kurt. Auf einmal schien alles so einfach. Als wenn Dinge erst weggelebt werden müssen, damit sich andere erfüllen. Als wenn sich das Leben bis zu einem bestimmten Tag ausdehnen muss, um das Glück zu berühren. Erst nach einem halben Jahr rief Kurt an, weil er sich bei Lotte alte Fotos anschauen wollte. Den vereinbarten Termin musste er jedoch erst einmal absagen. Weil er zum Zahnarzt müsse! Aber die Zeit ist zu knapp geworden, um jetzt noch zu kneifen.

Am 16. März 1992 kam Kurt zu Besuch. Mit einem Pfund Konfekt und einem großen Blumenstrauß stand er in der Tür. Zwei Stunden wollte er bleiben, nach fünf Stunden "ging Kurt brav nach Hause". Und Lotte war verliebt. Ende Mai trafen sie sich wieder zum Erinnern. Als Kurt sich spät abends im Treppenhaus von Lotte verabschiedet, umarmt er sie und gibt ihr einen Kuss. Nichts ist mehr dazwischen. Also erwidert Lotte den Kuss und ist ein bisschen überrascht von sich. Und was macht Kurt? Er geht erst mal in die nächste Kneipe und trinkt einen Kognak. Dann verbringt er die Nacht schlaflos. Er wusste ja, wie das geht.

Sie haben 1993 geheiratet an Lottes 69. Geburtstag. Es gab einen geheimen Imperativ, der beide aufeinander zutreiben ließ. So lange, bis sich Ahnungen und vermeintlich aufgegebene Wünsche im späten Glück auflösten. Lotte und Kurt teilten ihr Leben noch sechs Jahre miteinander. Am 1. Mai 1999 starb er im Krankenhaus. Lotte hielt seine Hand. Was dazwischen war? Das geht uns jetzt nichts mehr an.

00:00 29.08.2003

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