Dantes Hölle

Foltern im Irak Die Neue Weltordnung modernisiert die Schrecken der alten

Ein Bild sagt manchmal mehr als tausend Worte: Das nackte vietnamesische Mädchen, das mit Napalmverbrennungen auf den Betrachter zuläuft. Der gefangene Viet Cong, dem der Polizeichef von Saigon 1968 die Pistole an die Schläfe setzt und abdrückt. Der Putschist in Chile 1973, der auf den filmenden Kameramann schießt. Alles, was die Linke vorher schwerfällig mit Worten wie Imperialismus zu erklären versucht hatte, wurde durch diese Aufnahmen evident.

Über 30 Jahre später gibt es neue Bilder, die trotz stärkerer Kontrolle der staatlichen und einer Reiz-Inflationierung durch die privaten Medien die westliche Welt erschüttern. Einige wenige, wenn auch typische waren selbst im US-Fernsehsender CBS zu sehen: Eine grinsende Soldatin mit einer Zigarette im Mundwinkel reckt übermütig die Daumen nach oben und deutet auf das Genital eines vor ihr knieenden Iraki, der außer einem Sack über seinem Kopf nackt ist. Ein Gruppe Gefangener, jeweils das Hinterteil dem Fotografen entgegengereckt, aufgeschichtet zu einer Pyramide aus Fleisch. Ein Häftling kniet vor einem anderen und ist gezwungen, diesen oral zu stimulieren.

Andere Fotos - sie wurden von dem in London erscheinenden Massenblatt Daily Mirror veröffentlicht - zeigen auch physische Quälereien und Mord: Ein irakischer Gefangener kauert auf der Ladefläche eines Lastkraftwagens und bittet um Gnade, bevor ihm mit Gewehrkolben das Gesicht zertrümmert wird. Ein Soldat uriniert über ein wehrloses und blutendes Opfer, das man dann vom fahrenden Militärlaster kippt.

Zwar wurde die Authentizität der Aufnahmen britischer Soldaten eilfertig von regierungsloyalen Sachverständigen angezweifelt, doch selbst nach offiziellen Angaben sind mittlerweile sieben irakische Gefangene der Royal Army zu Tode gekommen. Die Echtheit der Fotos amerikanischer GI´s ist unbestritten. Weiterhin liegt dem US-Verteidigungsministerium schon seit Februar ein 53seitiger Untersuchungsbericht über die Folterungen im irakischen Gefängnis Abu Ghraib vor. Die Leiterin der Anstalt, Brigade-General Janis Karpinski, wurde mittlerweile aus der Armee entlassen. Noch im Dezember hatte sie geschwärmt, die Lebensbedingungen für die Häftlinge seien "besser als zu Hause". Und weiter: "Manchmal machen wir uns Sorgen, dass sie gar nicht mehr weg wollen." Mit solchen postmodernen Wracks wie Karpinski und ihren zügellosen Folterern kann man offenkundig keinen Imperialismus betreiben, sondern nur eine Dantesche Hölle.

Der zunächst unter Verschluss gehaltene Untersuchungsbericht zu Abu Ghraib wurde mittlerweile durch einen Artikel im Magazin The New Yorker bekannt. In das noch vom gestürzten Regime übernommene Gefängnis waren Tausende Iraker gepfercht, die meisten davon Zivilisten, die zufällig bei Razzien der Amerikaner festgenommen wurden. Der Report vermerkt einen "systematischen und illegalen Missbrauch" der Häftlinge, die dazu angeführten Zeugenaussagen über inhumane Exzesse sind zahlreich. Das Pentagon redete sich auf Einzelfälle heraus. Außerdem hätten nicht Angehörige der Armee, sondern Mitarbeiter privater Sicherheitsfirmen die Grausamkeiten begangen. Dem steht die Äußerung der abgelösten Gefängnisdirektorin Karpinski entgegen, wonach im Foltertrakt von Abu Ghraib ausschließlich der US-Militärgeheimdienst MI das Sagen hatte.

Nach den Zeugnissen aus Abu Ghraib möchte man nicht mehr wissen, wie es in Guantanamo zugeht oder in den vielen namenlosen Lagern in Afghanistan, in die noch nie ein Reporter einen Blick werfen konnte. Nun erweist sich, dass der von den Propagandisten des Empire geprägte Begriff des "Islamo-Faschismus" nichts anderes als eine Projektion ist. Nicht "die anderen", sondern "die eigenen" überziehen den Globus mit einer neuen Form des Totalitarismus. Die failing states - die schwarzen Löcher der Gesetzlosigkeit, in denen der Terrorismus seine Basis hat - werden durch die sogenannten humanitären Kriege und Interventionen nicht beseitigt, wie Richard Perle und Herfried Münkler behaupten, sondern überhaupt erst geschaffen.

Der Irak Saddam Husseins war ohne Zweifel eine Diktatur, aber er war wenigstens ein Staat. Von den Schergen des Regimes waren Kritiker und Dissidenten bedroht, alle anderen aber hatten nicht nur ihre Ruhe, sondern auch noch Strom, Wasser, Nahrung, ja sogar Kultur und Bildung. Fast nichts mehr ist davon übrig, seit über Bagdad das Sternenbanner weht. Eines der entwickeltsten Länder der Südhalbkugel ist zu einem dreckigen Slum verkommen. Dass dieser faulige Pfuhl einen islamischen Terrorismus ausbrütet, sollte einen nicht wundern. Auch diesen gab es übrigens nicht, solange der Schurke Saddam herrschte.


00:00 07.05.2004

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