Kretschmanns Welpe

Porträt Danyal Bayaz ist seit einem Jahr Finanzminister in Baden-Württemberg und wird als nächster Ministerpräsident gehandelt. Vielleicht steht der nächste Karriereschritt aber seiner Partnerin zu, einer anderen prominenten Grünen
Er greift die FDP an und erzürnt die „Bild“-Zeitung – den nächsten Karriereschritt könnte aber statt Bayaz dessen Partnerin gehen, die Chefin der Grünen-Fraktion in Bayern
Er greift die FDP an und erzürnt die „Bild“-Zeitung – den nächsten Karriereschritt könnte aber statt Bayaz dessen Partnerin gehen, die Chefin der Grünen-Fraktion in Bayern

Foto: Bernd Weissbrod/dpa

Er lebt zusammen mit einer Spitzenpolitikerin seiner Partei das Leben einer modernen Familie. In der Neuauflage der grün-schwarzen Landesregierung in Baden-Württemberg ist er der Einzige unter 40, der Einzige mit deutsch-türkischen Wurzeln – und der Einzige mit bundesweitem Glamour-Faktor. Danyal Bayaz, der sich selber als „Kind der Globalisierung“ beschreibt, brachte vom ersten Tag an frischen Wind ins Kabinett Kretschmann III. Sogar in heiklen Fragen: Nicht erst seit Russlands Krieg problematisiert der Grüne die Schuldenbremse und die damit verbundenen Investitionshemmnisse.

Seine Berufung vor einem Jahr war einigermaßen überraschend. Und wenn ein 73-jähriger Regierungschef einen landespolitischen Neuling an seine Seite holt, ist die Frage nach dem Warum erstens unausweichlich und zweitens ziemlich schnell beantwortet. Natürlich, so die Leseart zwischen Bodensee und Main, könnte der gebürtige Heidelberger Kretschmanns Erbe antreten, wenn sich der Ministerpräsident irgendwann in der zweiten Hälfte der Legislaturperiode aufs Altenteil zurückzieht. Dass es so weit noch lange nicht ist, liegt unter anderem daran, dass sich der Doppelstaatler von Geburt an seine Meriten überhaupt erst verdienen muss. Und an Katharina Schulze, seiner Lebensgefährtin. Beide sind seit zehn Monaten Eltern. Sie ist dazu Chefin der 38 Köpfe zählenden Grünen-Fraktion im Bayerischen Landtag und könnte nach den dortigen Wahlen im übernächsten Herbst womöglich Markus Söders Vize werden, falls der dann mit den Grünen koalieren sollte. Die herkömmliche Rollenverteilung in Polit-Ehen wäre erst einmal auf den Kopf gestellt und der gleichberechtigte Mann an der Reihe, einen größeren Teil der Care-Arbeit zu schultern und eigene Karriere-Ambitionen zu vertagen.

Zukunftsmusik in einer Gegenwart voller Herausforderungen. Zurzeit sitzt der Finanzwissenschaftler mit Doktortitel und Erfahrungen als Fulbright-Fellow in New York und Strategieberater bei der Boston Consulting Group am nächsten Doppelhaushalt des drittgrößten Bundeslandes. In den Beratungen des Etats 2022 genoss er noch „Welpenschutz“, wie Kretschmann einmal in einem eher unbedachten Moment formulierte. Inzwischen geht es um die Quadratur des Kreises: die Abfederung der Corona- und der Kriegsfolgen, um mehr Tempo hin zur Energiewende und zugleich um den Verzicht auf neue Schulden. Da kennt Bayaz keine Scheu vor bundesweiten Schlagzeilen, etwa mit der Prognose, der von der FDP erzwungene Verzicht auf Steuererhöhungen im Laufe der Legislaturperiode werde nicht zu halten sein: „Wer eine Debatte darüber, wie die Lasten verteilt werden sollen, kategorisch ablehnt, lebt verantwortungslos auf Kosten zukünftiger Generationen.“ Oder wenn er, wiederum die Liberalen fest im Blick, das gerade beschlossene Entlastungspaket der Bundesregierung medientauglich kritisiert mit dem Argument, dass sie „besser Lebensmittel subventioniert hätte statt Benzin“.

Danyal Bayaz machte er sich einen Namen im Wirecard-Untersuchungsausschuss

Unter Schwaben gilt der 38-Jährige, der über „‚Heuschrecken‘ zwischen Rendite, Reportage und Regulierung“ promovierte, als „Käpsele“ und unter Nicht-Schwaben als „besonders heller Kopf“, wie einer der grünen Altvorderen lobt. In die Partei eingetreten ist der Hip-Hop-Fan 2005. Der frühere Landtags- und Bundestagsfraktionschef Fritz Kuhn, später Stuttgarts Oberbürgermeister, hatte ihn „geflasht“ mit der Devise, dank grüner Ideen schwarze Zahlen zu schreiben. Als seine wichtigste Eigenschaft nennt der Realo übrigens Optimismus. Ein Kommilitone aus der Zeit an der Uni in Stuttgart-Hohenheim denkt da noch eher ans solide Selbstbewusstsein: „Er traut sich was zu. Sogar Fehler einzugestehen.“

Kein Fehler war es, den ohnehin vorhandenen Möglichkeiten, als Steuersünder verdächtigte Personen anonym anzuzeigen, eine digitale Variante hinzuzufügen. „Steuer-Stasi“, wütete die Bild, und im Netz hagelte es – wie schon nach der Geburt des ersten Sohns im vergangenen Sommer – rassistische Pöbeleien. Die übelsten würden zur Anzeige gebracht, teilt ein Ministeriumssprecher mit. Falsch liegt sowieso, wer aus dem Familiennamen auf eine Gastarbeiter-Familiengeschichte oder ein oft mit migrantischen Wurzeln einhergehendes Aufsteiger-Gen schließt. Vater Ahmet war Journalist beim Süddeutschen Rundfunk, der Großvater Diplomat. Es sei ihm klar, „wie schwer der Alltag sein kann, wenn man Mehmet heißt, zu meiner persönlichen Lebenserfahrung hat das aber nicht gehört“, erzählt Bayaz. Als er 2017 in den Bundestag kam, sollte er sogleich als Migrationspolitiker einsortiert werden. Bayaz legte sich erfolgreich quer. Dann machte er sich einen Namen im Wirecard-Untersuchungsausschuss.

Seine Mutter stammt aus einer CDU-Familie. „Ich kenne die Partei gut“, sagt er, „sie hat für Deutschland viel erreicht, aber sie steckt in einer Identitätskrise.“ Eben deshalb beäugt der Koalitionspartner CDU den Newcomer ganz genau. Denn auf Druck der Grünen musste die Union nach der Landtagswahl im vergangenen Frühjahr zusichern, dass sie bei einem vorzeitigen Abgang Kretschmanns dessen Nachfolgeaspiranten mitwählen und so die grün-schwarze Koalition fortsetzen würde bis zum nächsten Urnengang 2026.

Schon 2011 hatte Baden-Württemberg Geschichte geschrieben, als der erste Grüne neunter Regierungschef wurde, nach sieben Schwarzen in Folge. Auf diese erste Zeitenwende könnte demnächst eine zweite, ähnlich bedeutsame folgen, wenn Bayaz als neuer Hausherr in die Villa Reitzenstein hoch über Stuttgart einzöge. Oder doch ein anderer, der auch türkische Wurzeln, dasselbe Parteibuch und – jedenfalls noch – einen höheren Bekanntheitsgrad besitzt: Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir. Aber das ist eine andere Geschichte.

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