Darauf einen Pflümli!

Wertewandel Ausgerechnet die Schweizer gehen voran: Eine Volksabstimmung stoppt Exzesse bei Manager-Gehältern und könnte zum Vorbild für ein europäisches Umdenken werden
Hannes Koch | Ausgabe 10/2013 26
Darauf einen Pflümli!
Martin Winterkorn, Vorstandsvorsitzender CEO derVolkswagen AG

Foto: Sven Simon / Picture Alliance

So schnell kann die öffentliche Meinung umschlagen. Eben noch galt die Schweiz vielen Bundesbürgern als Rückzugsort schwerreicher Steuerhinterzieher, nun ist man beeindruckt von der Courage der Eidgenossen. Haben die Schweizer doch gerade bei einer Volksabstimmung mit Zwei-Drittel-Mehrheit beschlossen, die Gehälter von Konzernmanagern einzudämmen. Die Volksinitiative besagt, dass künftig in jedem Fall die Hauptversammlung von Aktiengesellschaften über die Gehälter des obersten Führungspersonals beschließen muss. Kungeleien in den Gremien sind damit erschwert. Im Übrigen werden bestimmte Bonuszahlungen und Abfindungen verboten. Ein goldener Handschlag von 58,5 Millionen Euro, wie ihn Novartis-Chef Daniel Vasella zum Abschied erhalten sollte, ist dann unmöglich.

Thomas Minder, Urheber der Initiative und Mitglied in der Kantonskammer des Schweizer Parlaments, kann sich seither vor Anfragen aus aller Welt kaum retten. Der US-Sender CNN interviewte ihn zu seiner „Fat-Cat-Initiative“. Britanniens Wirtschaftsministerium bestellte die englische Übersetzung des Initiativ-Textes. In Deutschland wollte selbst FDP-Mann Rainer Brüderle nicht abseits stehen. „Wir können in der Koalition noch vor der Bundestagswahl ein Zeichen setzen“, kündigte der Spitzenkandidat der Liberalen nebulös an.

Oft das Zweihundertfache

Vielleicht fällt manchen Politikern die Zustimmung so leicht, weil Regeln wie die Schweizer Initiative grundsätzliche Änderung suggerieren, in einem entscheidenden Punkt aber alles beim Alten lassen. Die absolute Höhe der Managergehälter wird nicht begrenzt. Novartis-Chef Vasella oder VW-Vorstand Martin Winterkorn könnten auf dieser Basis weiter zweistellige Millionenverdienste erhalten – nur eben nicht mehr als Einstiegs- oder Ausstiegsbonus.

Auch auf die Relation zwischen den Gehältern der Führungsschicht und den Löhnen der normalen Beschäftigten wirkt sich eine Eingrenzung à la Schweiz nicht unbedingt aus. Obwohl es gerade dieses eklatante Missverhältnis ist, das viele Bürger stört. In den USA verdienen Vorstandschefs von Aktiengesellschaften nicht selten das Zweihundertfache normaler Löhne. Mit seinem Gehalt von 16,6 Millionen Euro für 2011 lag auch VW-Chef Winterkorn in dieser Größenordnung.

Solche Zahlungen kommen zustande, obwohl die USA und Großbritannien bereits das „Say on Pay“ der Hauptversammlung, wie es nun auch in der Schweiz kommen soll, verbindlich vorgeschrieben haben. Die Logik derartiger Regeln: Im eigenen finanziellen Interesse werden die Eigentümer einer Aktiengesellschaft, die Aktionäre in der Hauptversammlung, ihren Angestellten in den Leitungsgremien Maßlosigkeit bei den Honoraren nicht genehmigen. Dieselbe Annahme drückt sich im deutschen Aktiengesetz aus, das als Reaktion auf die Finanzkrise seit 2009 ebenfalls Beschlüsse der Aktionäre über „angemessene“ Chefgehälter vorsieht – jedoch nicht verbindlich.

Was bringen solche Regeln dann? Trotz allem sind sie nicht nutzlos, sondern spiegeln einen Wertewandel, dem sich manche Unternehmen nicht entziehen können oder wollen. Wegen der seit fünf Jahren anhaltenden Debatte über Krise, Gier und Regulierung ist die Öffentlichkeit sensibilisiert. Das wissen die Politiker, die wiedergewählt werden möchten, aber auch die Unternehmer, deren Produkte die Bürger kaufen sollen. Das ökonomische Interesse der Firmen ist an Bewertungen der Konsumenten gekoppelt. Betrachten die Verbraucher ein Unternehmen mit Argwohn – warum auch immer – mag sich das in der Bilanz niederschlagen.

Unter anderem in Anerkenntnis dieses Mechanismus hat Martin Winterkorn sein Gehalt für 2012 freiwillig um 5,5 Millionen auf 14,5 Millionen Euro reduzieren lassen. Angesichts der Höhe mag mancher nun lachen, aber Verringerung ist Verringerung. Die zivilisierende Wirkung der Debatte sollte man zur Kenntnis nehmen, auch wenn das Ergebnis fragwürdig bleiben mag.

Hier stellt sich auch die Frage: Wäre mehr möglich? Die Linke fordert es. Sahra Wagenknecht möchte die Managergehälter auf das Zwanzigfache der Einkommen der untersten Lohngruppe eines Unternehmens begrenzen. Eine schwierige Forderung, weil beliebig: Warum das Zwanzig-, nicht aber das Dreißigfache? Breite Akzeptanz für das richtige Verhältnis zu finden, erscheint kaum realistisch. Außerdem hat man es sofort mit dem Problem zu tun, dass auch Fußballer, Musiker und Maler ganz erstaunliche Summen verdienen, die mitunter jedes Maß zu sprengen scheinen. Warum sollen Firmenchefs sich in Bescheidenheit üben, einflussreiche Unterhaltungs- und Kulturschaffende aber nicht?

Marktpreise in einer Marktwirtschaft reglementieren zu wollen, ist sehr kompliziert. Viele Bürger empfinden das als Eingriff in ihre Selbstbestimmung. Insofern müssten sich diejenigen sehr warm anziehen, die Wagenknechts Verlangen umsetzen wollen. Tausende Vorstandschefs, Aufsichtsräte, Manager der zweiten und dritten Führungsebene, Banker und Unternehmer würden auf den Barrikaden stehen, unterstützt von einem guten Teil des Bürgertums. Keine gute Aussicht auf Erfolg.

Mehr Rechtfertigungsdruck

Plausibler klingt da, was DGB-Vorstandsmitglied Dietmar Hexel unlängst vorgeschlagen hat. Jeder Aufsichtsrat solle für sein Unternehmen eine spezielle Relation festlegen, wie viel die Vorstände im Vergleich zur Belegschaft verdienen dürften. Das hieße, nicht alle Manager würden über einen Kamm geschoren, die Gehälter orientierten sich an den Gegebenheiten von Firmen und Branchen. Mehr Flexibilität – mehr Akzeptanz. Allerdings dürfte diese Position mit der derzeitigen Regierung nicht durchsetzbar sein. Mit einem SPD-Kanzler Peer Steinbrück vermutlich auch nicht.

Trotzdem treiben solche Vorschläge die Debatte voran. Möglicherweise kommen weitere Regulierungen zustande. Vorläufig lautet die positive Nachricht: Der Rechtfertigungsdruck auf Bezieher sehr hoher Einkommen steigt, und manche Exzesse unterbleiben – immerhin.

Auch die EU will Managergehälter begrenzen. Künftig sollen Bonuszahlungen an Banker gedeckelt werden: Mehr als das doppelte Gehalt soll dann nicht mehr möglich sein. Das klingt gut. Aber Schlupflöcher bleiben.
Weil die EU keine Verdienstobergrenze vereinbart hat, heben die Banken möglicherweise die Festgehälter an. Damit rechnen viele Fachleute. „Bis die EU darauf reagiert, gehen fünf Jahre ins Land“, sagt Heinz-Josef Bontrop von der gewerkschaftsnahen AG Alternative Wirtschaftspolitik. Möglich ist auch die alternative Auszahlung des variablen Gehalts. Reisen, Geschäftswagen oder Aktienpakete ließen sich als „leistungsabhängige Mehraufwandsvergütungen“ abrechnen.
Außerdem könnten die Banken Bonus-Geschäfte in Zweckgesellschaften auslagern. Das befürchtet etwa Gerhard Schick, Finanzexperte der Grünen. Der „Schattenbanksektor“ sorgt heute schon für ein Viertel der weltweiten Vermögenswerte, sein Geschäftsvolumen liegt bei knapp 70 Billionen Dollar im Jahr. Allerdings kann eine Bank nur einen Teil ihres Eigenhandelsgeschäfts ausgliedern. Das Kerngeschäft unterliegt aber nach wie vor den Regeln der EU.
Naheliegend wäre es außerdem, Manager offiziell bei einer Tochtergesellschaft außerhalb der EU anzustellen, wo die Boni-Bremse nicht gilt. Dort könnten Banken weiterhin hohe Prämien zahlen. (vio)

09:00 08.03.2013
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