"Darf ich bitte ausreden?"

Regieanweisung Sie sind Gast einer Talkshow, wissen aber nicht, wie man dort punktet? Hier unsere kleine Taktik-Anleitung, mit der Sie aus jeder Sendung als Match Winner herausgehen

„Sie sind doch das beste Beispiel dafür, dass die Diskussion völlig an der Sache vorbeiführt.“

Das wissen Sie schon: Es geht bei Talkshows selten um „die Sache“. Aber wahren Sie den Schein. Zicken Sie nicht rum, wenn Sie unterbrochen werden. Schieben Sie dem Moderator den Schwarzen Peter zu. Und schinden Sie Zeit, bevor Sie sich um Kopf und Kragen reden.

Zuletzt gesagt von Oskar Lafontaine bei Anne Will zum Thema „Wirtschaftsboom und Jobwunder – wer träumt da noch vom Kommunismus?“

„Personalthemen werden auch teilweise überschätzt.“

Sie sind der Gast, also Talkshow-Personal. Sie, als Person, sollen den sensationellen Satz des Abends sagen, also einen zum Personal Ihrer Partei. Wann kommt ER zurück? Der Ex-Chef? In welcher Rolle? Was würde das bedeuten? Bleiben Sie lässig, zucken Sie mit den Schultern, reden Sie einfach weiter von neuen Energien und fiesen Banken. Sie sind schließlich nicht da, um die Wetten, dass..?-Nachfolge zu verhandeln. Sondern Alternativen zum System.

Zuletzt gesagt von Sahra Wagenknecht bei Harald Schmidt über die Umfragewerte der FDP, die Situation der Linken und die Rolle von Oskar Lafontaine.

„Wir haben uns zusammengesetzt und sind in einem konstruktiven Prozess zu einem Ergebnis gekommen.“

Sie sind als Vertreter einer Gruppe geladen, etwa einer Partei oder einer Regierung. In dieser Gruppe gibt es Streit, heftigen Streit. Jeder weiß es. Am Ende gibt es einen Kompromiss, der keiner ist: Einer hat gewonnen, einer hat verloren. Wie verkaufen Sie das? Als normalen sachthemenbezogenen Streit, den man einvernehmlich gelöst habe. Soll heißen: Ohne Kompromisse geht es nicht. Und wir sind total kompromissbereit.

Zuletzt nicht gesagt von Dirk Niebel über seine FDP bei Günther Jauch zum Thema „Ist Christian Wulff noch der richtige Bundespräsident?“

„Wenn Sie glauben, Sie könnten Ihre Partei als Sprechautomat wiederbeleben, ist das ein Irrtum.“

Sie kommen gegen diese Politikersprache einfach nicht an, obwohl Sie so geübt haben und erste Automaten-Ansätze vorhanden sind. Drehen Sie den Spieß um und werfen Sie den Politikern vor, dass sie wie Politiker reden. Die Gunst des Publikums, dem Sie klar gezeigt haben, dass Sie auf Augenhöhe sind, ist Ihnen sofort sicher.

Zuletzt gesagt von Hans-Ulrich Jörges bei Anne Will zum Thema „Lindners Rücktritt, Wulffs Kredit – was ist los mit unseren Politikern?“

„Wenn ich vielleicht mal ausreden dürfte.“

Der Gesprächsgast, dessen Posi­tion oder Partei Sie kritisieren, ahnt, dass Sie etwas sagen, was ihm nicht passt. Also fällt er Ihnen ins Wort. Wie kommt man da raus? Indem man so tut, als wäre man selbst weniger streitsüchtig als der andere. Wenn jemand bittet, ausreden zu dürfen, meint das eigentlich: Ich habe ein Argument. Sie stänkern schon wieder nur.

Zuletzt gesagt von Jürgen Trittin bei Günther Jauch zum Thema „Ist Christian Wulff noch der richtige Bundespräsident?“. Wörtlich dort: „Wenn ich noch den einen Satz zu Ende sagen dürfte, bevor Sie mich unterbrechen.“

„Es gibt diese Unzahl von Atombomben, die auch irgendwo gelagert und abgebaut werden müssen.“

Sie haben schon seit einer Viertelstunde nichts mehr gesagt! Die Diskussion dreht sich nur um die Energiewende, von Überlandtrassen und Pumpspeicherkraftwerken haben Sie leider keine Ahnung. Das hat damals im Kalten Krieg keinen interessiert. Ziehen Sie die Retro-Karte und weisen Sie darauf hin, dass die Bomben auch ungezündet noch gefährlich sind. Außerdem gibt es ja noch diesen Verrückten im Iran. Mit den Atombomben reißen Sie die Diskussion wieder an sich. Ob es der Moderatorin passt oder nicht.

Zuletzt gesagt von Peter Scholl-Latour bei Menschen bei Maischberger zum Thema „Panikjahr 2011: Kommt 2012 der Kollaps?“

„Äh, was ist das denn für eine Frage! Ich bin doch nicht not­leidend oder krank!“

Sie finden die Vorstellung etwas übertrieben, demnächst in eine Talkshow zu geraten? Täuschen Sie sich mal nicht. Vor dem Betroffenen-Sofa der Anne Will ist weiterhin keine Rentnerin und anderes Normalo-Protagonistentum sicher. Genau da wird es aber perfide. Denn die goldene Fernsehregel lautet: Geben Sie sich bloß nicht normal! Das ist langweilig. Ihr Auftrag ist es, mal richtig auf die Tube zu drücken. Vor allem in den kleinen Einspielfilmchen, die Sie beim Toilettenreinigen oder anderen unfairen Tätigkeiten zeigen.

Zuletzt gesagt von Monika Bauch bei Anne Will zum Thema „Malochen bis 67 und dann arm – ist das noch sozial?“

„Auch wenn es stürmt, will ich stehenbleiben.“

Sie stehen zurzeit heftig in der Kritik. Die Presse, der politische Gegner, selbst einige Parteifreunde fordern Ihren Rücktritt. Aber so weit, dass Sie wegen der paar vorgeworfenen Kleinigkeiten auf einen Talkshow-Auftritt oder gar das Amt verzichten, kommt’s noch! Nicht mit Ihnen. Die Familientradition/Würde des Amtes/Verantwortung gegenüber der Partei zwingt Sie durchzuhalten. Mit diesem Satz liegen Sie daher goldrichtig.

Zuletzt gesagt von Karl-Theodor zu Guttenberg in Günther Jauchs Jahresrückblick 2009. Da ging es allerdings nur um ein paar Probleme in der Bundeswehr, nicht um Fußnoten.

„Man muss die Kirche mal im Dorf lassen.“

Sie haben alles an Argumenten beziehungsweise Gegenargumenten aufgefahren, es nützt aber nichts. Sie sitzen mit dem Rücken zur Wand. Das Publikum ist auf allen Seiten, nur nicht auf Ihrer. Last exit: Kirche.

Zuletzt gesagt von Peter Altmaier bei Günther Jauch zum Thema „Ist Christian Wulff noch der richtige Bundespräsident?“

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11:40 21.12.2011

Ausgabe 42/2021

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