Darf’s ein bisschen mehr sein?

Idealgewicht Nur wer schlank ist, kann auch attraktiv sein. Die neue Fat-Empowerment-Bewegung kämpft gegen eine alte Norm
Katharina Kühn | Ausgabe 06/2015 11
Darf’s ein bisschen mehr sein?
International etabliert als Sexsymbol: Sängerin Beth Ditto beim Filmfest von Cannes
Foto: Valery Hache/AFP/Getty Images

Manchmal steht Magda Albrecht vor dem Spiegel und ist unglücklich mit ihrem Körper. Aber das kommt ziemlich selten vor. Meistens fühlt sie sich wohl in ihrem dicken oder, wie sie sagt, „fetten Körper“. Ein paar Kilo zugenommen? Wunderbar, dann schwabbeln die Beine noch ein bisschen mehr.

Magda Albrecht bezeichnet sich selbst als „politische Bildnerin“. Sie will das Schönheitsideal verändern, besser: es ausdehnen. Sie hat knallrote Haare, wache Augen, lacht viel und strahlt Aufmerksamkeit für ihr Gegenüber aus. Sich selbst attraktiv zu finden war für sie aber nicht immer leicht. „Als ich als kleines Mädchen bei einer Ärztin war, sagte sie zu mir, wenn ich so weitermache, passe ich bald nicht mehr in mein Kleid. Ich wusste nicht, was ‚so weitermachen‘ heißt, aber ich wusste, dass es nicht gut sein kann.“

Den eigenen Körper zu lieben ist nicht so einfach. Modefotos und Diätratgeber lassen nicht nur ein oft unrealistisches Bild von Schönheit entstehen. Sie bringen Menschen auch dazu, überschüssige Pfunde zu verachten. Wer dick ist, hat versagt. Die Körperfülle wird auf den Charakter übertragen: Dicke gelten als faul, unsportlich und wenig gebildet. Fat shaming heißt das in den USA, Fettfeindlichkeit.

Dort ist mittlerweile auch eine Gegenbewegung zum Schlankheitswahn entstanden. Sie trägt viele Namen, fat acceptance, fat empowerment oder health at every size zum Beispiel. Schon in den späten 70ern gründeten sich Klubs gegen Dickendiskriminierung. Mit dem Internet und einer Ausdifferenzierung der Debatte bekam die Bewegung einen weiteren Aufschwung. Die Aktivistin Virgie Tovar eröffnete mit dem Hashtag #LoseHateNotWeight eine bis heute andauernde Diskussion auf Twitter. Und Beth Ditto, Frontfrau der Band Gossip, schaffte es mit ihren selbstbewussten Auftritten, sich als dickes Sexsymbol international zu etablieren. Als ehemalige Muse von Karl Lagerfeld wird sie sogar in der Modeszene akzeptiert, eigentlich das Epizentrum der Magersucht.

Einigen Gruppen dieser Bewegung geht es dabei um das Bild in der Gesellschaft, anderen eher um medizinische Aspekte, wieder andere konzentrieren sich auf das Geschlecht oder den kulturellen Hintergrund der Dicken. Doch eines schreiben sich alle auf ihre Fahnen: „Mit uns wird es nicht leicht!“ Viele sagen explizit: „Wir wollen nicht abnehmen, denn wir sind“ – und das ist anscheinend das Skandalöseste – „ganz zufrieden in unserer Haut.“

In Deutschland gibt es nun auch ähnliche Versuche. Von einer Bewegung zu sprechen wäre aber zu viel, einzig die Modeblogger sind als profilierte Gruppe erkennbar. In ihren Blogs geht es etwa darum, wie man sich einen Rock in Übergröße nähen kann. Oder was die Plus-Size-Messe „Curvy is sexy“ auf der Berliner Fashion Week in diesem Jahr gebracht hat. Die Modebloggerinnen sind gut untereinander vernetzt. Dennoch ist die Community sehr klein, und Ausflüge in die Offline-Welt sind selten.

Raus aus dem Netz

Magda Albrecht will noch häufiger aus dem Internet herauskommen. Deswegen macht sie gerade eine kleine Tournee mit Vorträgen und Workshops, von Oldenburg über Leipzig bis nach Frankfurt am Main. Die 28-Jährige ist eine der Hauptaktivistinnen in Deutschland. Von Berlin aus schreibt sie für den feministischen Blog Mädchenmannschaft. In ihren Texten geht es häufig um das eigene Körpergefühl. Sie singt in mehreren Bands; Geld verdient sie mit Öffentlichkeits- und Veranstaltungsarbeit. Für sie ist fat empowerment eine feministische Aktion. „Die Erwartungen sind bei Frauen anders als bei Männern. Es gibt einige positive Bilder von dicken Männern, aber nur sehr wenige von dicken Frauen. Sie haben allerdings gemeinsam, dass sie oftmals auf Stereotypen beruhen.“

An diesem Mittwochabend ist Albrecht in Hamburg zu Gast. Auf ihrem hellblauen Kleid sind lachende Heißluftballons zu sehen. Albrecht erkennt ein paar Studenten von vergangenen Veranstaltungen unter den Zuhörerinnen wieder. „Das freut mich aber, dass ihr wieder da seid“, ruft sie. In einem Seminarraum richtet sie ihren Computer ein, fast 50 Menschen sind gekommen, die letzten müssen stehen, weil alle Plätze belegt sind.

Ihren Vortrag liest Albrecht ab. Mit der Powerpoint-Präsentation ist die Assoziation zu einem Uniseminar perfekt. Fragen, sagt Albrecht, will sie natürlich beantworten, aber bitte erst nach dem Vortrag. Die Zuhörerinnen und Zuhörer macht sie auf die Schwierigkeiten von Menschen ohne Standardkonfektionsgröße aufmerksam. Fast jeder hat sich schon einmal im Schwimmbad unwohl gefühlt. Aber wie verändert sich das alltägliche Gefühl, wenn man nicht bequem im Bus oder in der Bahn sitzen kann, weil die Sitzschalen zu eng sind? Wenn man im Flugzeug Extragebühren bezahlen muss?

Entspricht man nicht der Norm, fühlt sich eine Unterhaltung über das Kantinenessen schnell wie eine Anklage an. Die Frage „Hast du zugenommen?“ wirkt fast immer negativ. Dagegen fragt Albrecht: „Ist Schlanksein erstrebenswert? Für mich nicht.“ Sie will Mut machen, sich bewusst gegen die Norm zu entscheiden: „Begreift euren Körper als Ort des Widerstands!“

Für Albrecht ist die Definition von Körperfülle die Konstruktion einer Krankheit. Das zeigt sich für sie besonders deutlich am Body-Maß-Index BMI. Dieser Index ist die Zahl, die sich aus dem Gewicht geteilt durch die Körpergröße im Quadrat ergibt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO legte fest, mit welchem Wert für sie ein Mensch „normal“ sei – und mit welchem nicht. Die USA passten daraufhin 1998 ihre Grenzwerte für Übergewicht an und drückten Millionen Menschen, die bis dahin als normal galten, ins Übergewicht.

Heute gilt auch in Deutschland: Wer einen BMI von 18,5 bis 25 hat, gehört zur Norm. Wer darüber oder darunter liegt, soll sich bitte Sorgen machen. Meldungen von „alarmierenden Zahlen“ sorgen dafür, dass Dicke sich schlecht fühlen. Jeder zweite Deutsche gilt als zu dick, Trend steigend. Wenn aber die Hälfte der Menschen nicht normal ist, sollte man dann nicht lieber seine Wortwahl überdenken, als die Menschen zu ändern? Eine Norm, die allein auf Gewicht und Größe fußt, ohne Fett von Muskeln zu unterscheiden, ist zudem auch medizinisch fragwürdig. Die Fat-Empowerment-Aktivisten haben daher ein ambivalentes Verhältnis zu Statistiken: Einerseits zitieren sie sie, um Fettfeindlichkeit zu belegen. Andererseits zweifeln sie medizinische Studien häufig an. Magda Albrecht ärgert sich, wenn sie auf Diabetes, Bluthochdruck und Cholesterinwerte angesprochen wird. „Das wird nur auf das Übergewicht geschoben.“ Für sie kann der Stress, unter dem dicke Menschen stehen, genauso ein Grund sein. Gerade Ärzte aber bescheinigten dicken Patienten häufig voreilig, ihre Körpermasse sei für ihre Leiden verantwortlich. Eine Ärztin hat Albrecht einmal geraten: „FdH – Friss die Hälfte“, damit sollten sich ihre Probleme lösen. Die Konsequenz: Manche Dicke gehen nicht mehr zu Ärzten, ihre Diagnose kennen sie ja schon.

Studien über Studien

Ihre Studienungläubigkeit macht die Aktivisten aber angreifbar. Albrecht sagt: „Mir ist es egal, ob ein dicker Körper bestimmte Krankheiten erzeugt.“ Wissenschaftlich belegte Risikowahrscheinlichkeiten kontert sie mit Studien, die das Gegenteil behaupten; ein Ergebnis schlägt dann eine Vielzahl gegenteiliger Erkenntnisse. Außerdem, argumentieren die Aktivisten, würden Diäten meist keinen Erfolg haben, der Versuch, erzieherisch das Essverhalten anderer zu ändern, sowieso nicht. Aber eine ablehnende Haltung gegenüber allen Studien, die Gefahren des Übergewichts zeigen, relativiert die Leiden der Kranken. Selbst wenn Dicksein nicht die Ursache für bestimmte Probleme ist, muss doch geprüft werden, ob es Leiden verschlimmert oder begünstigt.

Im Seminarraum in Hamburg scheint das Publikum sich aber sowieso weniger für Zahlen und mehr für Verhaltenstipps zu interessieren. Eigentlich möchte Albrecht bei ihren Vorträgen keine konkreten Ratschläge erteilen. Als die zweite Zuschauerin nach Tipps fragt, zählt sie dann aber doch auf: Im Alltag gäbe es drei Möglichkeiten, auf den Schlankheitswahn zu reagieren. Man könne abnehmen. Man könne so tun, als wolle man abnehmen. Oder man könne gegen das gängige Schönheitsideal ankämpfen. Albrecht hat sich nachdrücklich für die dritte Option entschieden. Wenn sie gefragt wird, ob sie zugenommen hat, antwortet sie immer: „Ja! Cool, oder?“

06:00 10.02.2015

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