Darf's ein bisschen mehr sein?

Eventkritik Bei der Berliner Fashion Week setzten die Etablierten vor allem auf Minimalismus. Der Nachwuchsdesigner Leandro Cano begeisterte aber mit überschäumender Opulenz
Darf's ein bisschen mehr sein?
Nachwuchsstar Leandro Cano bei seiner Dankesrede
Foto: Samir Hussein/Getty

Peinlich zu sein – in keiner Branche trifft dieses Urteil einen härter als in der Modewelt, wo doch alle permanent drauf bedacht sind, stilsicher dem nächsten Trend vorwegzueilen. Vergessen wird dabei allzu oft, wie sehr die Angst vorm Peinlichsein jede Kreativität lähmt, die eben auch riskieren muss, hin und wieder mal voll daneben zu liegen.

Für einige in der Branche gilt die Berliner Fashion Week ja als das Epizentrum der Peinlichkeiten, für alle anderen – nämlich jene, die die lähmende Angst vorm Peinlichsein hinter sich gelassen haben – ist sie ein Ort Neugeschaffenes zu zeigen und zu entdecken.

Das Bestaunen des Geschaffenen fand an unzähligen, quer über die Stadt verteilten Schauplätzen statt – bei den einzelnen Messen wie der Bread & Butter, der weltweit größten Veranstaltung für Jeans und Streetwear, bei der Premium oder der Bright; bei den Schauen an der Siegessäule oder in den Off-Locations wie einem Eisstadion. Und natürlich abends während alkoholgetränkter Veranstaltungen, auf denen sich hypergestylte Blogger und narzisstische Kampfhipster um kleinste Distinktionsgewinne rangelten.

Unsinnige Verengung

Den Auftakt machte die Escada Sport Show. Sie war im Vorfeld als Highlight angekündigt, weil das marode Unternehmen zu den wenigen internationalen Labels zählte, die in Berlin ihre Kollektionen zeigten. Escada präsentierte dann auch eine von Lateinamerika inspirierte Show, in knalligen Farben und mit eckigen geschnittenen Kurztuniken, deren Vorbilder aus Mexiko und Guatemala stammten. Noch immer wird der Bedeutungsgrad der Fashion Week allerdings vor allem an der Internationalität der Präsentierenden gemessen. Eine unsinnige Verengung, denn dabei wird übersehen, dass etliche junge nationale Labels mit Talent und Durchhaltevermögen die Fashion Week genau zu dem machen, was sie ja abseits der alljährlichen Provinzialitätsdebatten sein sollte: eine Plattform für die Präsentation junger Kreativität.

Dazu gehört zum Beispiel das deutsch-französische Duo "Augustin Teboul", das am ersten Tag der Fashion Week unweit vom Kurfürstendamm im Salon Dahlmann seine Arbeit präsentierte. Die Altberliner Wohnung mit ihren hohen, stuckverzierten Decken und dem quietschenden Fischgrätenparkett war der passende Ort, um eine ätherische Kollektion wie diese zu zeigen. Wer schon immer einmal durch eine Vogue-Fotostrecke mäandern wollte, konnte dies bei Augustin Teboul endlich tun. Die Installation aus Möbeln, Models und Blumenarrangements wurde von einem Pianisten begleitet. Preiselbeerrote Wodka-Cocktails, die um ein Uhr mittags selbst für die Modebranche etwas früh gereicht wurden, passten aber einfach zu gut in dieses Ambiente, um auf sie zu verzichten.

Mit dem Verdacht, die womöglich beste Kollektion der Fashion Week bereits gesehen zu haben, bewegte man sich per Taxi dann im Schneckentempo durch die völlig überfüllte Stadt. Wege, für die man sonst zehn Minuten benötigt, verlangten während der Fashion Week das Dreifache der Zeit. Dass das große Mode-Zelt diesmal statt am Brandenburger Tor an der Siegessäule stand, machte die Sache nicht besser. Die EM-Fanmeile hatte bis kurz vor dem Beginn der Modemesse die Zufahrt noch verstopft und die Vorbereitungen unnötig kompliziert. Die etlichen Baustellen forderten zudem ihren Tribut.

Wer schließlich an der Siegessäule ankam, konnte dort die Schau "Designers for Tomorrow" sehen, auf der jährlich Nachwuchstalente ausgezeichnet werden. Als der Spanier Leandro Cano seine Modelle hier auf den Laufsteg schickte, setzte ein großes Geflüster und Getuschel ein, einige  Modegrößen schüttelten fassungslos den Kopf. Eine solche Kollektion hatte man als Letztes vom jungen Alexander McQueen gesehen, der bis zu seinem Tod 2010 etwa die ausgeflippten Kostüme von Lady Gaga entwarf.

Leandro Cano zeigte in der Nachwuchsschau, wie man Schneiderkunst mit fantastischen Formen und edlen Stoffen verbinden kann. Ob der gehäkelte Ganzkörperanzug oder ein aufwendig gerafftes Lederkleid – Cano siegte völlig zurecht und mit deutlichen Abstand vor seinen Mitbewerbern. Seine Entwürfe wurden vom Publikum ohne Worte verstanden. Eine Übersetzerin brauchte Cano nur nach der Auszeichnung, für die tränenreiche Dankesrede an die weiblichen Mitglieder seiner Familie. Er spricht kein Wort Englisch.

Opulenz oder Minimalismus?

Nach der Opulenz von Leandro Cano und der entrückten Grazie von Augustin Teboul wandelte sich das Bild in den folgenden Tagen der Fashion Week hin zum Minimalistischen. In alter Jil-Sander-Manier zeigten Labels wie Michael Sonntag, der mit Verspätung begann, weil man erst noch auf Vogue-Chefin Christiane Arp warten musste, eine fließende, klare und geradlinige Kollektion. Sonntag verzichtete vollends auf wilde Stoffmuster oder komplizierte Schnitte. Auch die Farben waren lediglich durch den Grundmalfarbkasten inspiriert. Schwarz, Weiß, Blau, Grün, Gelb, Rot – viel mehr war nicht zu sehen.

Wenn man sich an den Minimalisten der Fashion Week, etwa auch Irina Schrotter oder Perret Schaad, orientieren will, dann tragen Frauen nächsten Sommer lange Röcke, weite Marlene-Hosen, flatterige Hemdblusen. Dabei wird auf natürliche Stoffe wie Seide, Leinen und Baumwolle zurückgegriffen. Die großen Labels wie Laurèl, Hugo Boss oder Rena Lange blieben mit ihren Schauen nicht in Erinnerung, trendweisende Entwürfe waren dort nicht zu sehen.

Die Höhepunkte konnten in Berlin die Nachwuchsdesigner für sich verbuchen. Vielleicht schafft es die Fashion Week irgendwann, ihre überkommenen Vorstellungen von Relevanz und Größe abzuschütteln und verliert die Angst, im internationalen Vergleich der Modestädte nicht gut genug zu sein. Dann würde man statt eines ausgedienten Luxus-Labels wie Escada mal einen Leandro Cano zum Auftakt in den Kampf um Anerkennung schicken. Es wäre ein Sieg der Kreativität.

15:52 09.07.2012

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