Darstellung

Linksbündig Gerhard Schröder auf dem Weg zum postmodernen Kanzler

Die Konstruktion des Lebens liegt im Augenblick weit mehr in der Gewalt von Fakten als von Überzeugungen. Und zwar von solchen Fakten, wie sie zur Grundlage von Überzeugungen fast nie und noch nirgend geworden sind." Man mag als kulturkritischen Quark beiseite schieben, was Walter Benjamin eingangs der philosophischen Revue, betitelt Einbahnstraße, aufstellt. Aber wo er Recht hat, hat er Recht. Ich sage nur: Umfragen. Wahltaktisches Verhalten. Politik (statt Literatur). Dass beides so fern voneinander nicht ist, trotzdem diesmal die intellektuellen Vorzeigewähler beinah gänzlich außen vor geblieben sind, beweist bis zum heutigen Datum der Wahlkampf 2002. Er erinnert uns daran, dass Literatur künstlerisch gestaltete Übersetzung von Realität ist, Politik medial-handwerklich gestaltete, Übersetzung der Übersetzung gewissermaßen.

Viel ist von Politikverdrossenheit die Rede, die sich mehr und mehr verbreite; aber das stimmt nicht. Die Verdrossenheit (der Bürger) richtet sich weniger gegen die Politik als gegen deren Funktionäre. Es mangelt nicht an (guter oder schlechter) Politik, es mangelt an Überzeugungen. Falls sie vorhanden sind, sind sie nicht zu erkennen. Übertragungsprobleme oder wie der Politikmensch sagt: Es liegt an der Darstellung, "kommt nicht klar genug rüber". Dass der Wahlkampf in den Medien stattfindet, ist kein Geheimnis. Politik wird nicht gemacht, wie es in ihnen gern dargestellt wird, Politik ist größtenteils Darstellung. Nicht umsonst sind "Parteien zur Bundestagswahl" in den Werbeblock gegliedert. "Zusammenhalt und Erneuerung - Wir schaffen das!" (SPD) ist natürlich Pappmaché. Konkreter muss es ja nicht werden. Und natürlich machen Medien Politik. Die Werbestrecke des Nachrichtensenders N-24 verdeutlicht das unter Aussparung aller zu vermutenden Befangenheit: "Von mir erfahren Sie, was Politiker meinen. Auch wenn sie nichts sagen", ist der Sprechblase des Berlin-Intern-Moderators zu entnehmen. Moderation und Politik, erfährt man hier, sind eigentlich eins. Wo der eine schweigt, wird der andere sprechen und umgekehrt. Das auf dem Verkauf der Ware Politik basierende "Infotainment" muss sich eben auch nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage strecken, und letztere ist bekanntlich stark im Abnehmen begriffen. Angesichts der entmutigenden Konvergenz der Kanzlerkandidaten entwerfen die Medien nun die Profile - nachdem die anhaltende Deckungsgleichheit keine Geschichte mehr abwirft. Dabei haben sie, die Medien, nicht mit dem Kanzler gerechnet, der seine strukturalistische Strategie von allem (außer den Fakten der Umfragen selbstredend) unberührt fährt. Es ist nicht Stoiber zu Pflugscharen, womit Schröder jetzt triumphiert, nicht der gelangweilte Esprit eines Mannes, der in Schwierigkeiten steckt und dem eine Mehrheit gerne zusieht, wie er umgeht damit.

Nein: Kanzlerschröder ist der erste postmoderne Kanzler und der letzte Angestellte eines Staates, dessen Wesen überholt ist. Schließlich soll er, der Staat, "zurückgefahren" werden. Schröder ist der Mann in der Menge. Jedermann als Kanzler. Er ist Kumpelkanzler wie er Kanzlerkumpel ist, jedermanns Projektion. Der Staat ist ohnehin, mit Schröders Worten, "Subsystem eines übergeordneten Systems", das irgendwo da draußen im Globalisierungsnebel zu verorten ist. Niemand hat die Kohlsche Erkenntnis von der "Wirklichkeit, die eben anders ist als die Realität" verinnerlicht wie sein Erbe im Amt. Kohl hat Baudrillard gelesen, Schröder schreibt ihn fort. Die Wirklichkeit findet nicht mehr statt, die Realität übernimmt deren Darstellung gleich mit.

Das Verschwinden der Kontur des Kanzlers ist nur folgerichtig im Werdegang des Mediums Politik, das vollkommen Medienpolitik geworden ist. Die Medien machen, die Medien sind die Politik. "Das (die Flut) so hinzubekommen, dass das (die Flut) nicht instrumentalisiert worden ist, war mir wichtig." Trotz grammatikalischer Einwände: Deutlicher ist keine Aussage im Wahlkampf bislang getroffen worden; auch das Klima also eine Frage der Darstellung. Da "spielt es", wie der Volksmund sagt, "keine Rolle", ob der Moderator eines Senders oder der einer Regierung von Realitäten spricht. Der Kanzler ist der Moderator, als welchen er sich sieht, als der er konsequent erscheint, als der er nun den Kanzler als staatsmännisches Personal bald ausgelöscht haben wird. Wenn das nicht Moderne ist, was dann? Avantgarde?

Was meine Überzeugung ist? Es gibt gar keine Politik.

00:00 20.09.2002

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