Das 68er Faszinosum

Kulturverfall Philipp Jenninger 1988 - Götz Aly 2008

Wer darauf angewiesen ist, aus der Presse des Jahres 2008 zu erfahren, welche Geschehnisse und Personen vor 40 Jahren zur Epochenbezeichnung "die 68er" geführt haben, wird mit dem Parfüm des heutigen Zeitgeistes in die Irre geleitet. So werden Koordinaten bestimmt, in denen die Aufmüpfigen von 1968 verortet werden: Sie seien dem Terrorismus zugeneigt gewesen und wollten obendrein etwas abschaffen, was gar nicht abzuschaffen ist, den Kapitalismus nämlich. Den 68ern wird eine Rolle wie die des "Schmürz" in Boris Vians gleichnamigem Stück zugedacht: Er ist immer schon da, und die Chargen auf der Bühne, sie mögen Aly, Kraushaar oder Bohrer heißen, hauen dem Schmürz saftig eine in die Visage, immer wenn sie ihm begegnen.

Wäre man nicht gut im Nehmen trainiert, könnte man angesichts der Armseligkeit der Reflexion dessen, was und warum es vor 40 Jahren geschah, und welche Wirkungen bis heute davon ausgehen, in Trübsinn verfallen. Auch weil sich darin der Niedergang kritischer Medien zeigt. Diejenigen, deren Texte zu 1968 über die Jahre hinweg in der Frankfurter Rundschau dokumentiert worden sind, können nur in stiller Wut auf den publizistischen Fauxpas reagieren, wenn die 68er Bewegung mit den Nazi-Verbrechern gleichgesetzt wird, nur weil die sich ebenfalls als "Bewegung" bezeichneten. Welch eine ungeheuerliche Verharmlosung der Nazis 75 Jahre nach deren "Machtergreifung", dem Vorspiel der nachfolgenden Massenmorde, und welch eine durch nichts gerechtfertigte Diabolisierung der 68er. Vor noch gar nicht langer Zeit im Jahr 1988 musste ein Bundestagspräsident seinen Hut nehmen, weil er die Nazi-Bewegung als "Faszinosum" schöngeredet hatte. Nun kann der Politikwissenschaftler Götz Aly in einer einst liberalen Zeitung seiner Faszination der "33er" und des Altnazis Kurt Georg Kiesinger Ausdruck verleihen, mit der er zugleich seine Verachtung der 68er kundtut.

Doch dass Aly nicht die Empörung auslöst wie einst der unselige Philipp Jenninger, sondern im Gegenteil von den Eliten dieses Landes mit Ehren Bedacht wird, zeugt vom Verfall der politischen Kultur im vereinigten Deutschland.

Wie wenig die Parallelisierung taugt, ergibt sich schon aus dem internationalen Charakter von 1968. In Paris waren nicht nur Studenten, auch Arbeiter im "Mai 68" in Aufruhr. In Prag herrschte bis zur Niederschlagung durch die Truppen des Warschauer Paktes der "Prager Frühling" von Literaten, Wissenschaftlern und Politikern. Im kalifornischen Berkeley wurde der Militärgewalt der US-Army in Vietnam die "Flower Power" der Studenten entgegengesetzt. Und in Berlin, Frankfurt, München und Köln rebellierten die Studenten, auf sich gestellt, auch gegen die Polizeigewalt bei den Demonstrationen.

Dabei war diese Bewegung mit ihrer Opposition gegen den von den USA nach Indochina getragenen Krieg nicht nur moralisch im Recht, sondern auch historisch, und zwar ebenso, wie sich die damaligen deutschen Befürworter der Aggression ins moralische und historische Unrecht setzten. Auch die Verhältnisse in der westdeutschen Republik forderten zum Protest heraus. Seit 1966 regierte eine große Koalition unter dem Kanzler Kiesinger, der seit 1933 NSDAP-Mitglied war und eine Karriere im Außenministerium unter Ribbentrop gemacht hatte. Dieser Kiesinger ist für Aly ein mit Sympathien zitierter Gewährsmann bei seiner idiotischen "Bewegungsanalyse" von 33ern und 68ern.

Wenn heute das Bild des gewaltbereiten 68er-Umstürzlers die Medien dominiert, wird damit gerade verdeckt, dass 1968 regelrecht besessene Anstrengungen unternommen wurden, die Gegenwart als Geschichte zu begreifen. Dies führte dazu, dass die kritischen Studenten anfingen, das Kapital von Marx zu studieren, theoretisch anspruchsvoll, aber auch in praktischer Absicht. Die eine Bewegung verbrennt Das Kapital, die andere eignet es sich in mühsamer Lektüre an. Vielleicht sollte Aly über diese Differenz nächstens nachdenken, bevor er im Blick auf 1933 und 1968 die gleichen Gespenster halluziniert.

00:00 15.02.2008

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