Das 80/20 Prinzip

Die Ratgeberin Der Effizienzwahnsinn macht auch vor dem Pareto-Prinzip des gleichnamigen italienischen Ökonomen nicht Halt. Das trifft dann etwa Menschen mit sehr trockener Haut
Susanne Berkenheger | Ausgabe 46/2016 1

Mich juckt es gar fürchterlich. Zu verdanken habe ich das dem italienischen Ökonom Vilfredo Pareto, der Ende des 19. Jahrhunderts ein dubioses Gesetz entdeckte, laut dem bereits 20 Prozent des Aufwands zu 80 Prozent des Ergebnisses führen. Als „ungreifbar, mystisch, unheimlich, ja geradezu magisch“ beschreibt Richard Koch dieses Zahlenverhältnis in seinem Buch Das 80/20 Prinzip. Mehr Erfolg mit weniger Aufwand. Von Koch geschulte 80/20-Denker sehen gar nichts anderes mehr: 20 Prozent der Kriminellen verursachen 80 Prozent des Gesamtschadens, 20 Prozent der Teppichfläche leiden unter 80 Prozent des Verschleißes, 20 Prozent aller Pfützen tragen die Schuld an 80 Prozent aller nassen Füße. Und so weiter.

Man sollte denken, dass die Pareto-Jünger dieses von ihnen als heilig erkannte Universumsgesetz fanatisch bis aufs Blut verteidigen. Merkwürdigerweise ist genau das Gegenteil der Fall. Das Verhältnis 80/20 soll so schnell wie möglich in ein effizienteres von 90 zu 10 oder gar 99 zu 1 umgewandelt werden, lautet die Empfehlung. Im Internet gelingt dies bereits prächtig. Dort spielt schon mal ein einziger Bestseller-Klorollenhalter 99 Prozent des gesamten Klorollenhalter-Umsatzes ein, man nennt das dann „The-winner-takes-it-all-Ökonomie“.

Diese Entwicklung macht nun mir und meiner „sehr trockenen Haut“, deren Pflegeprodukte selten Bestseller-Allüren haben, zu schaffen. Koch zufolge sollen sich Firmen nämlich Folgendes fragen: „Wieso sollen wir die 80 Prozent der Produkte, mit denen wir nur 20 Prozent der Gewinne erzielen, überhaupt noch herstellen?“ Tja, wieso eigentlich? Immerhin muss ich es meinem langjährigen Kosmetikdealer hoch anrechnen, dass er mich vor einigen Jahren, als bei ihm wohl die Pareto-Effizienzberater durch die Hallen schwebten, wenigstens nicht gleich aufgeben wollte. Er fusionierte mich mit der Gruppe „trockene Haut“. Unser neuer Hauttyp hieß „trockene und sehr trockene Haut“. Gut, die Fusion begeisterte mich nicht rückhaltlos, es handelte sich um einen Kompromiss, aber dennoch: Danke! Leider löste man uns drei Jahre später komplett auf. Übrig blieb nur die Abteilung „alle Hauttypen“, einzelne von der Gruppe „trockene Haut“ fanden hier Unterschlupf. Aber für uns Leute mit „sehr trockener Haut“ hatte man wirklich keine Verwendung mehr. Kein Wunder: Wir haben die Kraft, Unternehmen in den Abgrund zu reißen, wenn sie sich nicht rechtzeitig von uns trennen. Im Internet kaufte ich noch alle Restbestände aus Fernost auf.

Damit überstand ich die Suche nach einem neuen, ineffizient geführten Unternehmen, das seine Gewinne schmälert, indem es partout Produkte für „sehr trockene Haut“ vertreibt. Ja, glücklicherweise gibt es sie immer mal wieder, diese dummen Firmen! Ein Jahr hielt die Beziehung zwischen mir und der dummen Firma, bis auch dort einer einen Pareto-Ratgeber las und reagierte. Produktion eingestellt. Erst vor zwei Wochen gelang es mir, einen Nachfolger zu finden. Und nun: Schon wieder aus dem Sortiment genommen!

Diese Dynamik des Verschwindens macht mir Sorge. Was passiert mit meiner Gruppe „komische Hauttypen“? Werden wir aussterben? Aus dem Sortiment genommen? Wegparetot? Leute, bevor es zu spät ist, kämpfen wir für die strikte Einhaltung des 80/20-Prinzips. Es verbindet uns schließlich alle – sagt Richard Koch – mit dem Universum. Daran sollte man nun wirklich nicht rütteln. Ein fürchterliches Jucken wird sonst über die Menschheit kommen.

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06:00 19.11.2016

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