Ellen Spielmann
12.11.2009 | 11:50

Das ABC der Ethnografie

Tropen Der verstorbene Claude Lévi-Strauss ist weltberühmt. Seine Frau Dina, die seine Lehrerin war, ist leider fast vergessen

Es ist allgemein bekannt, dass Claude Lévi-Strauss 1935 als junger, kürzlich graduierter agrégé der Philosophie (Prüfung für angehende Gymnasiallehrer) nach Brasilien reiste, um an der Universität São Paulo eine Stelle anzutreten, nachdem ihm zugesichert worden war, es gebe in der Umgebung der Stadt „Wilde“ und er könne ethnografische Studien betreiben – das Hobby, dem er sich verschrieben hatte.

Dass an seiner Seite eine junge Ethnologin - mit einem Diplom „Agrégée de l´Université de Paris“ im Gepäck -reiste und in São Paulo 1935 als Ethnografie-Professorin vom Kulturdezernat der Stadt unter Vertrag genommen wird, davon ist bis vor kurzem so gut wie nichts bekannt.

Ich spreche von Dina Lévi-Strauss. Sie ist die junge Ehefrau Claude Lévi-Strauss´, diplomierte Ethnologin, Schülerin des franözsischen Ethnologen Marcel Mauss, vor allem aber Ziehtochter Paul Rivets, des großen Amerikanisten und späteren Direktors des Pariser Musée de l’ Homme.

Während Claude als Mitglied der französischen Mission, die bei der Gründung der Universität São Paulos Pate steht, Philosophie lehrt, gibt Dina von Mai bis Oktober 1935 den ersten modernen Ethnografie-Kurs in der Geschichte der Disziplin in Brasilien. Claude Lévi-Strauss läßt 1935 sein vierjähriges Dasein als Philosophielehrer in der französischen Provinz hinter sich, er wird als Soziologe und Durkheimschüler zweiter oder dritter Generation – so die Vorstellung der brasilianischen Seite – verpflichtet.

Gegen die Philosophie

Doch entpuppt er sich gegen die Erwartung der Brasilianer als jemand, der „gegen die Philosophie und gegen Durkheim” (Claude Lévi-Strauss) ist. Entscheidend aber ist: in Brasilien lernt er unter Anleitung seiner Frau das ABC der Ethnografie.

Dina Lévi-Strauss liefert einen crash-Kurs moderner Ethnografie, theoretisches und praktisches Know-how auf dem neuesten Stand. Ihr Programm: ethnographische Feldstudien in Brasilien durchzuführen. Ihr Handwerkszeug sind nicht länger Zeichnungen und Skizzen, sondern Fotografie und Film. Auf diesem Gebiet erweist sie sich als Profi.

1936 wird ihr Kurs als Handbuch mit Fotos in São Paulo veröffentlicht. Ebenfalls 1936 gründet sie zusammen mit Brasilianern in São Paulo die „Gesellschaft für Ethnographie und Folklore”. Weitere Projekte, die Gründung eines ethnografischen Museums und ein Ethnografie- und Folklore-Wörterbuch kommen letztlich nicht zustande.

1935-36 reisen Dina und Claude Lévi-Strauss zu den Bororó- und Kaduweu Indianern in das brasilianische Hinterland nach Mato Grosso zur Feldforschung. Bei den Kaduweu sehen sie Gesichts- und Körpermalerei. Nur die Frauen praktizieren diese Kunst an anderen Frauen. Dina fotografiert und filmt. Das Ehepaar sammelt Serien von Zeichnungen. Ausgehend von der einzigen großen Kunst der Kaduweu wird Claude Lévi-Strauss später auf die grundlegende Unterscheidung zwischen Kunst als Zeichensystem und Kunst als Mimesis kommen.

Bei der Reise entstehen fünf Filme über den Lebensalltag, Habitat und Zeremonien der Bororó und Kaduweu. Als Regisseure tauchen im Abspann in großen Lettern die Namen Dina und Claude Lévi-Strauss auf. Vor allem Dank ihrer Kenntnisse, dank ihrer guten Kontakte wurde die Expedition seitens des Kulturdezernats São Paulo und des Musée de l` Homme, durch die Fürsprache Rivets, finanziert.

Ein Jahr später finden die Ergebnisse der „Ethnologischen Brasilien-Mission“ in Paris Eingang in die Ausstellung „Indiens du Matto-Grosso”. Vierundachtzig Objekte, Keramik, Waffen, religiöse Kultgegenstände, Artefakte werden vom Musée du l` Homme gezeigt. Rivet schreibt das Vorwort des kleinen Ausstellungskatalogs: als Wissenschaftler der viermonatigen Feldstudie und Autoren des Katalogs beglückwünscht er: „Prof. Claude Lévi-Strauss der Universität São Paulo und Mme. Lévi-Strauss, Lehrstuhl für Ethnographie der Stadt São Paulo“.

Während ihres Parisaufenthalts plant das Ehepaar Lévi-Strauss ein großes Expeditionsprojekt zu den Nambikwara-Indianern in Mato Grosso, das mit Hilfe Rivets stattfinden soll. Die Genehmigung der Reise ist ein langes Hick-Hack, ein Zankapfel aus politischen Gründen: die brasilianische Regierung, seit 1937 eine Diktatur, will eine ausländische Expedition im Umfeld des Sozialisten Rivet, der jetzt eine exponierte Figur des französischen Widerstands, der „Fronte Populaire” ist, nicht genehmigen.

Ein Jahr später kommt die brasilianisch-französische Kommission aber doch zu Stande. Die Bedingung ist die Mitreise eines brasilianischen Aufpassers. Anfang Juni 1938 reisen Dina und Claude Lévi-Strauss in Begleitung dieses Aufpassers zu den Nambikwara. Ihre Reise folgt der Route einer brasilianischen Militärexpedition im Jahr 1913.

Verschwinden und Vergessen

Während dieser Reise führt Claude Lévi-Strauss die erste und einzige Feldstudie seines Lebens durch. Auf der Basis dieser Arbeit schreibt er 1948 die monographische Studie La vie familiale et sociale des indiens Nambikwara, erhält einen akademischen Titel und legitimiert sich somit als Ethnologe.

Fotografien der Expedition zeigen die Ethnologin Dina Lévi-Strauss bei Feldstudien. Doch wegen einer Augenerkrankung ist sie gezwungen vor Ende der Expedition nach São Paulo zurückzukehren. Im November 1938 reist sie zurück nach Paris. Mit ihrer Abwesenheit in Brasilien setzt der Prozess des Verschwindens und Vergessens der Dina Lévi-Strauss abrupt ein. Er hat im Wesentlichen damit zu tun, wie wissenschaftliche Stammbäume unter dem Druck des nationalistischen Imperativs gebildet werden.

Auf Angaben und Spuren ihres Brasilienaufenthalts, auf ihre Aktivitäten und entscheidenden wissenschaftlichen Beiträge, die eine Rekonstruktion ihrer und Claude Lévi-Strauss´ Geschichte ermöglichen, stieß ich in Archiven São Paulos, als ich über den großen französischen Ethnologen recherchierte.

Claude Levi Strauss’ Begegnung mit dem russischen Linguisten Roman Jacobson in New York während seines Exils im Zweiten Weltkrieg und seine Aneignung des Strukturalismus über die die strukturale Linguistik oder die genaue Phonologie werden immer als das ausschlaggebende Moment seines Werks betrachtet. Doch diese Methode gewinnt nur Bedeutung in Folge der Ethnologie, die er mit Dina Lévi-Strauss bei Feldstudien in Brasilien lernte.