Wolfgang Lieb
06.05.2005 | 00:00

Das Aprilmärchen von McKinsey und ZDF

Wie man Volkes Meinung ins Gegenteil verkehrt "Mehr sozialen Ausgleich" fordern die Deutschen in einer großen Umfrage - über ein klares Bekenntnis zu Reformen wird berichtet

Das neueste Werk aus dem Hause McKinsey heißt "perspektive deutschland 2005". Nicht ein renommiertes Meinungs- oder gar ein Sozialforschungsinstitut, sondern die einschlägig bekannte Beraterfirma bekam von ZDF und Stern den Auftrag, mehr als eine halbe Million Menschen online zu befragen - beispielsweise nach der "Bereitschaft zu persönlichen Beiträgen für den eigenen Arbeitsplatz", zu "unbezahlter Mehrarbeit" oder zum Verzicht auf Urlaubstage oder Gehalt. Die Einstellung zur "Lockerung des Kündigungsschutzes" wurde ebenso getestet wie die Zahlungsmoral bei der "privaten Vorsorge für Alter und Krankheit".

Keines der seit Jahren propagierten "Reformthemen" fehlte, und die fast ausnahmslos suggestiv formulierten Fragestellungen zeigen deutlich, welches Ergebnis die Umfrage ergeben sollte. Jürgen Kluge, der Deutschland-Chef von McKinsey Co, ist denn auch zufrieden: "Mehr als zwei Drittel der Bürger fordern dringend Verbesserungen in der Arbeitsmarktpolitik". Die Mehrheit der Bürger sei für einen "schlankeren Staat", "mehr Eigenverantwortung" und "mehr Marktwirtschaft". Der Schirmherr der Studie, Altbundespräsident Richard von Weizsäcker resümiert bei der öffentlichen Präsentation der Studie: "Die Bürger honorieren, dass die politisch Verantwortlichen die Probleme deutlicher als bisher beim Namen nennen, sie anpacken und ihnen dabei - wenn nötig - auch Opfer abverlangen."

Macht man sich nun die Mühe, diese Schlussfolgerungen an Hand der Umfrageergebnisse im Detail zu überprüfen, dann reibt man sich die Augen, denn aus den Antworten ergibt sich ein ganz anderes Bild. Nur 39 Prozent der Befragten sind bereit, vier Stunden in der Woche mehr zu arbeiten, um ihren eigenen Arbeitsplatz zu sichern, weniger als ein Drittel würden im Interesse des Jobs auf Urlaubstage verzichten. Nur ein knappes Viertel akzeptiert eine Gehaltskürzung um zehn Prozent, wenn damit ein gefährdeter Arbeitsplatz für die kommenden drei Jahre garantiert werden kann. Und "die Opferbereitschaft von Arbeitslosen ist dabei keineswegs ausgeprägter als bei Berufstätigen - teilweise sogar geringer", heißt es im Kleingedruckten der Studie.

Die Initiatoren sind erkennbar pikiert über das störrische Volk, ganz unverhohlen wird den Deutschen vorgeworfen, bei ihnen klafften "Denken und Handeln" auseinander. Statt der Kraft der "Reformen" zu vertrauen, schauen sie "mit Sorgen und Skepsis in die Zukunft". Sind heute noch 60 Prozent mit dem Leben in Deutschland zufrieden, so erwarten nur 28 Prozent, dass sie auch in fünf bis zehn Jahren noch zufrieden sein werden. Nur acht Prozent der Befragten glaubt an eine Verbesserung auf dem Arbeitsmarkt, und 55 Prozent rechnen sogar mit einer Verschlechterung. Zwei Drittel der Deutschen befürchten, dass sie künftig weniger Geld zur Verfügung haben. Kein Wunder also, dass die Stimmung absackt und die herrschende Politik kaum Vertrauen wecken kann.

Weil aber nicht sein kann, was nicht sein darf, folgert McKinsey-Chef Kluge: "In den vorangegangenen Umfragen hatte sich bereits eine Mehrheit der Bürger für einen schlankeren Staat und für mehr Eigenverantwortung ausgesprochen. Dieser Trend setzt sich fort. Mehr als zwei Drittel befürworten eine Veränderung unserer Gesellschaft in Richtung ›Mehr Marktwirtschaft‹." Wenn man die 177 Seiten starke Studie durchforstet, findet man dafür allerdings nur zweifelhafte Belege oder interpretationsoffene Aussagen wie etwa, dass die Menschen "für Veränderungen" eintreten. Die Forderung, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen, wird sogar von weniger Menschen für richtig gehalten als bei der letzten Umfrage vor zwei Jahren, und die nur von einer Minderheit (38 Prozent) gewünschte größere private Vorsorge ist keineswegs ein Renner.

Geradezu manipulativ ist die Fragemethodik, die eine Mehrheit für "mehr Markt" ergibt. Zunächst ist der Studie zu entnehmen, dass eine knappe Mehrheit von 52 Prozent eine "moderate Änderung" in Richtung mehr Markt befürwortet. Wenn man sich die Frage genauer ansieht, erkennt man, dass dem Staat so abschreckende Attribute wie "viel höhere Abgaben und Steuern" oder "Leistung wird viel weniger belohnt" an den Hals gehängt werden. Und damit die Frage noch etwas suggestiver wird, unterstellt man bei der Antwort für "mehr Markt", dass die Wirtschaft "viel schneller wächst als heute". Schon bei der letzten Umfrage hat man alle Tricks angewendet, um das erwünschte Ergebnis zu erhalten. Vier Antwortmöglichkeiten wurden vorgegeben: "mehr Staat", "mehr Markt", "viel mehr Markt" und "Markt pur". Bei soviel Markt muss der Staat wohl schlecht abschneiden. Die Frage nach mehr "Sozialstaat" wurde - sicherheitshalber - erst gar nicht gestellt. Und das, obwohl der "Grundgedanke des sozialen Ausgleichs das erklärte Ziel der Mehrheit der Bevölkerung" ist und die Bürger "die Bedeutung von sozialem Ausgleich betonen", wie in der Studie zugegeben, aber in der Berichterstattung nicht erwähnt wird. Betrachtet man die "perspektive deutschland 2005" einmal nicht mit den Scheuklappen von McKinsey, so ist das Fazit eindeutig: die Deutschen erwarten von dem eingeschlagenen "Reformkurs" nichts Gutes.