Das aufgegebene Publikum

Journalismus Zwar zeigen Umfragen, dass das Vertrauen in die Medien in der Krise gestiegen ist. Gleichwohl hagelte es Kritik nicht nur aus obskuren Quellen
Das aufgegebene Publikum
Die Medien schirmten die Politik der Bundesregierung gegen Angriffe Dritter ab, sie stellten die ausgegebenen Marschrouten in Form von Leitartikeln an ihre Leser durch und lenkten ihre kritische Energie auf die „unvernünftigen“ Bürger um

Foto: Chip Somodevilla/Getty Images

Noch nie zuvor, auch in der Flüchtlingskrise nicht, hat sich die deutsche Medienlandschaft so dicht ums Bundeskanzleramt geschart wie in der Coronakrise. Und das nicht etwa, um die Mächtigen zu belagern wie die legendäre „Meute“ der Hauptstadtjournalisten in Herlinde Koelbls Dokumentarfilm von 2002. Sondern, im Gegenteil, als schützende Wagenburg.

Die Medien schirmten die Politik der Bundesregierung gegen Angriffe Dritter ab, sie stellten die ausgegebenen Marschrouten in Form von Leitartikeln an ihre Leser durch und lenkten ihre kritische Energie auf die „unvernünftigen“ Bürger um, die regelmäßig dafür gegeißelt wurden, sich nicht so zu verhalten, wie sich das die Corona-Strategen wünschten.

Dort unten, an den Subjekten des Regierungshandelns, konnte sich der „kritische“ Journalismus austoben, da wurde von den Medien ein „Skandal“ nach dem anderen aufgedeckt – feiernde Jugendliche im Park, Urlaubsreisende, Weihnachtseinkäufer oder Familien, die sich einen Hang zum Schlittenfahren suchen.

Fundamentale Fragen, die sich gerade dann aufdrängen, wenn man die Gefahr durch Corona ernst nimmt, wurden nicht oder spät abgehandelt: Texte, die Nutzen und Notwendigkeit der Lockdown-Strategie in Frage stellen, waren lange eine Rarität, und der Gedanke, dass der Schutz der Risikogruppen eine Ergänzung, ja sogar eine Alternative zum Wegsperren der ganzen Gesellschaft sein könnte, kam im Mainstream erst an, als der zweite Lockdown längst beschlossen war und das Sterben in den Altersheimen weiterging.

Natürlich gab es in allen großen deutschen Zeitungen auch abweichende Positionen. Doch die fragenden Stimmen verhallten in jener Kathedrale der Angst, die von Politik und Medien gemeinsam errichtet wurde – und die der Kritik den Status der Häresie zuwies, indem die Kritiker der „Maßnahmen“ in einer grotesken Täter-Opfer-Umkehr immer wieder für das Übel der Pandemie verantwortlich gemacht wurden. Sogar die Wörter „Kritik“, „Kritiker“ und „Skeptiker“ wurden negativ aufgeladen – eine Umwertung der aufklärerischen Werte, mit welcher der Journalismus seinen Wesenskern beschädigt. Der Effekt: Immer mehr Leser wandern ins Dunkelfeld der „alternativen“ Medien ab, um sich jene Perspektiven, die ihnen der Mainstream verweigert, in angeschärfter Form bei Tichys Einblick oder Epoch Times oder KenFM abzuholen.

Dieses aufgegebene Publikum, das oft ein liberales, nicht selten sogar linkes Weltbild mitbringt, wird nicht einfach zurückkommen, wenn die Impfung durch ist. Es bleibt für unser politisches und mediales „System“, das in seiner Einzigartigkeit unbedingt bewahrenswert ist, auf Dauer verloren. Wie konnte es dazu kommen? Die Entwicklung ist älter als die Pandemie: Der Journalismus hat auf den Boom des Populismus, der auch ein Frontalangriff auf die „Lügenpresse“ war, falsch reagiert. Im Bemühen, die aggressive Pauschalkritik zu widerlegen, glichen sich die Medien jenem Zerrbild an, das die Demagogen von ihnen zeichneten. Statt sich jenen blinden Flecken staatlichen Handelns zuzuwenden, deren Vernachlässigung die „Frustrierten“ und „Abgehängten“ in die Fundamentalopposition treibt, glaubten die Journalisten, sie könnten den Populismus besiegen, indem sie seine Anhänger beschimpften.

Das hat in der Flüchtlingskrise nicht funktioniert, und man darf skeptisch sein, ob es in der Coronakrise hilft. Unser System – das ist die von den Populisten verkannte Wahrheit – basiert nämlich seit der Aufklärung auf dem kritischen Verhältnis von Politik und Öffentlichkeit. Eine Symbiose zerstört es. Aber es ist noch nicht zu spät: Seit dem offensichtlichen Versagen der Bundesregierung in der Impfstrategie scheinen die deutschen Medien aufzuwachen, die Lust an der Kritik kehrt ein wenig zurück.

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Eine Erwiderung auf diesen Kommentar von Michael Angele finden Sie hier

Andreas Rosenfelder ist Feuilletonchef von Welt und Welt am Sonntag

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06:00 02.02.2021

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