Das Auge des Neptun

Bozener Abend Kolumne

Der Blick in Bronze gegossen, starr. Nur wenige Marktstände und ein kleines Stück Wand des gegenüber liegenden Hauses liegen in meinem Gesichtsfeld. Eine Schande ist, dass mir die verhasste Taube ein Auge zugeschissen hat. Sie flattert an meiner Nase vorbei, setzt sich auf meinen Kopf, gurrt und plustert sich auf, dreht und wendet tänzelnd den fetten Körper. In seliger Entspannung presst sie ihr Hinterteil zwischen zwei Zacken meiner Krone, auf dass das königliche Attribut ihr genüsslich den Arsch auseinander spreize.

Sie irren sich. Ich bin nicht tot. Mein Gehör ist ihnen schutzlos ausgeliefert, doch mein Geruchsinn überwindet spielend die Mauern der Altstadt. Aber davon wissen sie nichts. Die Tauben ebenso wenig wie die Händler und Flanierer dort auf dem Platz. Ein einziger Marktschreier kennt mich, er spricht mit mir.

Es ist wegen des Bronzekorsetts, ich weiß. Könnte ich aufbrausen und die Waffe schwingen, mit dem Dreizack Erdbeben und Stürme erregen, oder zumindest herabsteigen von diesem lächerlichen Podest und aus den mageren Brünnchen, die sie mir zur Seite gestellt haben, trinken, stünde es mit meiner Laune ein wenig besser. Ich, Herrscher über Gewässer und Meere, bin eingeklemmt, kalt in mir. Wo ist mein Gefolge, wo sind die treuen Thunfischschwärme, wo die reißenden Haie, die wunderbar schillernden Meeresmörder mit ihrem Gift? Was mache ich hier in dieser nicht mehr nördlichen, keineswegs südlichen Mittelmäßigkeit? Bozen liegt nicht am Meer. Früher hatten sie wenigstens noch die Fischbänke in der Gasse nebenan, der vertraute Duft umwehte tröstlich mein beschissenes Antlitz. Sie haben die Meeresbewohner eingefangen und in drei blöde dreinblickende Riesenfische gegossen, sie zu meinen Füßen platziert. Ich bin zum Gabelwirt herabgesunken. Mit der Zähmung der Götter haben sie die Erde beleidigt, aber einmal werden die zum Monument Herabgewürdigten ihr Korsett sprengen, und sie - werden nicht wissen, wie ihnen geschieht.

Nachts atme ich etwas auf. Das Volk ist fortgegangen, das Promenieren zu Ende. Die wenigen Stände in meinem Gesichtsfeld, Naseer, Mercuri und wie sie alle heißen, sind geschlossen. Aus dem A an der Ecke dringt kein Neonlicht mehr. Die penetranten Gerüche weichen zurück. Letzte Säufer grölen vorbei, hinterlassen Spuren von Urin und ausgekotztem Wein an meinem Sockel. Nun liegt die Dunkelheit tiefer Gewässer über dem Markt. Ich lasse mich davon besänftigen.

Er kommt jeden Morgen um vier Uhr, um sein Marktfest zu feiern. Der dunkle Mantel, den er sommers wie winters trägt, hängt nur noch in Fetzen um seinen Körper. Er hat einen Plastiksack bei sich und sammelt Dinge auf, die andere vergessen haben. Schmatzend trinkt er aus dem Brunnen und setzt sich mir zu Füßen.

buone ferie, buone ferie, mit diesen immergleichen Worten setzt seine Litanei ein. traubelen, beerelen, feigelen, nusselen, kiwi, lutscherlen, zuckerlen, breatln, an kas, a wurscht, a herrliche wurscht, a gonz würzige, kräftige wurscht! - jo, wo seids es denn, es guatn traubelen, breatln? buone ferie? in urlaub seids es? und i? koane oranschelen, koane dottelen, koane kirschn und koane marilln fir mi? jo wos! - jo werds es woll außerkemmen es bohnen, es finocchi, es pomodori, es gurken! do her mit enk schwammelen! und die spargln a glei dazua! - mei, de guatn spargln, des guate goggele zu di spargln und der saftige schinkn! ma, isch des wos schians! - sigsch des, sagt er nach einer Weile zu mir, der Duft seiner Sehnsucht ist schon bei meiner Nase angekommen, sigsch du des? a so was köschtliches! koane ferie, koan urlaub heit!

Bis fünf Uhr steigen unter seinem immer wieder anschwellenden Nachtgesang die Aromen der Früchte, des Grünzeugs, der formaggi und salsicce in Säulen zu mir herauf. Herrliche Gewürze, herbeigebetet, ausgebreitet, verschlungen. Ein phantastischer Marktschrei, in der Kehle gurgelnd, den Obstsaft zwischen den Lippen hervortreibend. Zu den Düften gesellen sich Bilder, die selbst ein Taubenschiss nicht zu trüben vermag. Die Händler werden zu Gauklern, die auf ihren Ständen balancieren und den Charme ihrer werbenden Rede über die Gasse versprühen. Die Flanierer werden zu klatschenden Poeten, die in gewandter Wechselrede mit den Gauklern parlieren, dabei ihre Münzen in die Luft werfen, sie glitzern und klirren lassen. Die Fremden werden zu taktvollen Augenzeugen der schillernden Szenen, und selbst die Burschen in der Zwölfmalgreier Tracht, die tags zuvor noch als touristische Ausstellungsobjekte über den Markt schlenderten und mit ihren erhobenen Häuptern und ernsten Gesichtern so lächerlich wirken, verwandeln sich in sympathische Gesellen. Der Mantelmann ist fort. Gesättigt hat er den Markt verlassen, nicht ohne noch rasch eine kleine grüne Birne aufzuheben und einzustecken.


00:00 30.07.2004

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