Das Begehren des Körpers

Französische Tradition Markus Orths´ Romanerstling »Corpus« zeigt sprachliches Können und erzählerisches Potenzial

Die erste Romanveröffentlichung des 1969 geborenen Autors Markus Orths geizt nicht mit schweren Zeichen. Schon der Titel, Corpus, umschreibt das Terrain, auf das sich der Leser begibt: Hier treffen sich Theologie und Anatomie. 23 Kapitel umfasst der Roman, und jedes trägt als Überschrift die lateinische Bezeichnung eines Teils der heiligen Messe nach katholischem Ritus. Mit dem Einzug, »Introitus«, hebt die Erzählung von den beiden Freunden Paul und Christof an, und mit der Entlassung »Ite, missa est«, gelangt sie an ein vorläufiges, offenes Ende. Der Leser aber hat genug erfahren, um das Buch fasziniert und nachdenklich aus den Händen zu legen.

Erst im vergangenen Jahr debütierte Markus Orths, nach zahlreichen Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, mit einem leider viel zu wenig beachteten Erzählband: Wer geht wo hinterm Sarg? In diesen ansonsten durchaus unterschiedlichen Geschichten geht es selten mir rechten Dingen zu. Das Unheimliche nistet in den Ritzen unseres Alltagslebens wie der Käfer im Parkettboden, deren plötzliches Auftauchen den Erzähler der Geschichte Sieben Arten, dem Tod zu begegnen auf sonderbare Gedanken bringt. Banale Verrichtungen nehmen groteske Dimensionen an, und das Phantastische steht gleichberechtigt neben dem Gewöhnlichen. Hier macht sich ein Autor daran, die Abgründe des menschlichen Bewusstseins sprachlich auszuloten, ohne dabei, wie die alten Recken der literarischen Moderne, eine möglichst genaue Abbildung mentaler Vorgänge anzustreben. In diesen Erzählstücken regiert, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die Sprache souverän ihren Gegenstand. Unheimlich ist das Dargestellte und nicht die Darstellungsweise.

Ein solches Erzählen hat nichts mit dem Raunen gängiger Schauergeschichten zu tun, sondern steht in einer langen, ehrenwerten Tradition, die mit der Geschichte von der Verwandlung des Handlungsreisenden Gregor Samsa einen ihrer Höhepunkte erreicht hat. Manchmal meint man sogar, in diesen Texten wie von Ferne die Stimme Kafkas zu vernehmen, ohne dass sie deshalb epigonal wirkten.

Wer geht wo hinterm Sarg? war das außergewöhnliche Debüt eines traditionsbewussten, aber durchaus eigenständigen Autors, das neugierig auf dessen nächstes Buch machte. Dass es sich dabei um ein atemberaubendes Stück Literatur wie Corpus handeln würde, war allerdings nicht abzusehen.

Als Christof eines Abends überraschend in Pauls Berliner Wohnung auftaucht, markiert dies das Ende einer Jahre währenden Sprachlosigkeit. Auch wenn sie einander in dieser Zeit begegnet sind, so haben sie doch kein ernsthaftes Wort mehr miteinander gesprochen, seit jenem Kuss, den der vierzehnjährige Paul seinem gleichaltrigen Freund in einem von Fieberrausch und Erschöpfung geprägten Augenblick auf die Lippen presste. Das geschah, als sie Pauls Vater bei der Weinlese zur Hand gingen; ein Moment jugendlicher Erotik, der ein Tabu berührte, das Paul später wiederholt lustvoll, aber auch wütend brechen wird. Denn seine Homosexualität ermöglicht ihm jenen befreienden Bruch mit seinem Elternhaus, den er zuvor vergeblich zu provozieren versucht hat. Zumindest glaubt er das, als er seinen Eltern Postkarten aus New York schickt, »Postkarten über all das, was ich in Amerika begonnen hatte, mit einem Mann zu tun, offene Postkarten, für den Briefträger nicht zu überlesende Postkarten, (...)«. Doch bald erscheint ihm der Sinn dieser Verletzungsstrategie zweifelhaft und sinnlos, warum sollte er »nachträglich noch Kämpfe austragen?«

Doch bevor ein falscher Eindruck entsteht: Von seinem schwulen »Coming Out« berichtet Paul, der in diesem Roman auch die Rolle des Erzählers einnimmt, nur nebenher. Im Mittelpunkt von Corpus steht Christofs Geschichte, die während jener Nacht in Berlin langsam Konturen annimmt. Nach dem, nicht unbemerkt gebliebenen, Vorfall bei der Weinlese drückt er nicht mehr gemeinsam mit Paul die Schulbank, sondern wechselt auf ein klösterliches Internat, das auf die Priesterschaft vorbereitet. Schon immer hat ihn der Ritus des Gottesdienstes fasziniert. Als Zwölfjähriger spielt er mit Paul eine heilige Messe nach, mit grotesk-tragischen Folgen. Und nun wird Christof tatsächlich Priester. Doch er steckt voller Zweifel, denn eine innere Berufung verspürt er nicht. Statt dessen grübelt er über einem Satz aus dem Lukasevangelium, an dem sich für ihn die ganze Problematik der göttlich-menschlichen Existenz Jesu offenbart. Aber die Predigt, die sich aus diesen Gedanken ergibt, bleibt ungehalten. Zu groß ist die Furcht, die Kirchgänger nachhaltig zu verstören. Zu diesem Zeitpunkt hat Christof bereits den verhinderten Schauspieler und Taxifahrer Kai und die Studentin Ina kennen gelernt, besser gesagt, hat ein bizarrer Unfall die drei zusammengebracht. Es entwickelt sich eine Dreiecksbeziehung, die die brüchigen Grundlagen von Christofs Existenz offen legt. Doch der Tod, der in diesem Roman häufig an entscheidenden Stellen zu Gast ist, setzt diesem Prozess ein jähes Ende. Davon will Christof Paul berichten, nicht zuletzt um selbst besser zu verstehen, was mit ihm geschehen ist.

Wovon also handelt Corpus? Um diese Frage zu beantworten, empfiehlt es sich, den oben skizzierten Aufbau des Romans heranzuziehen. In der Messfeier wird nämlich nicht nur des Opfertodes Jesu gedacht, sondern vor allem die Gemeinschaft der Gläubigen miteinander und mit Gott zelebriert. Und diese Gemeinschaft findet ihren Ausdruck im Empfang der heiligen Kommunion, also nicht nur geistig, sondern auch körperlich. Doch diese Körperlichkeit bleibt reduziert auf den Verzehr einer Oblate, wie sie Paul und Christof für ihr kindliches Nachspielen vom Weihnachtsgebäck gekratzt haben. Das »Geheimnis des Glaubens« bleibt Christof verschlossen. Als er, um seine Entscheidung für das Priesteramt zu prüfen, eine einsame Nacht in einer Kirche verbringt, regt sich nichts in ihm. Er verspürt nichts als Leere, nimmt aber gerade dieses Empfinden als positives Indiz. »Er wähnte sich frei von den Dingen und frei von sich selbst, da er nichts fand, in ihm selbst, von dem er sich hätte abscheiden müssen.« Und in diesem Zustand vermag er sich zu stabilisieren, bis sein Leben durch die Begegnung mit Kai und Ina eine Wende nimmt. Allerdings hilft ihm zunächst auch ein Körperdiskurs, wie ihn die mit modernen Gender-Theorien vertraute Anglistik-Studentin Ina anregt, nicht viel weiter, da dieser dem Begrifflichen verhaftet bleibt. Wirkliche Berührungen, tatsächliche Körpererfahrungen bleiben rar und zufällig. Ob es mit Paul letztendlich anders sein wird, bleibt offen.

Zunächst muss Gemeinschaft durch Erzählen entstehen, und eben die Möglichkeiten der Erzählung werden in diesem Roman beispielhaft vorgeführt. Markus Orths verfügt nicht nur souverän über seinen Stoff, er bringt ihn auch sprachlich zum Funkeln. Von schweren Zeichen war am Anfang die Rede, doch dargeboten werden sie mit virtuoser Selbstverständlichkeit. Manch ein Erzähltext mag unter einem Zuviel an Symbolik kollabieren, der von ihm behaupteten Bedeutung nicht genügen. Das ist hier anders, denn Markus Orths bleibt nicht abstrakt, sondern löst seine thematischen Vorgaben in vitaler Beschreibung ein. Von Sinnlichkeit ist nicht nur die Rede, sie wird erfahrbar, wenn beispielsweise Christof sich seines Körpers zu vergewissern sucht, indem er maßlose Portionen eines scharfen Chili-Gerichtes verschlingt. Oder im sprachlichen Glanzstück des Romans, der Schilderung jener Vorgänge bei der Weinlese, die zu dem schicksalsträchtigen Kuss vor der Kelter führen.

Kürzlich hat der Literaturkritiker Ulrich Greiner versucht zu erklären, warum französische Romane oft so viel dünner seien als amerikanische. Im Unterschied zum soziologischen Interesse der amerikanischen Romane gehe es den französischen um philosophische Fragen, sie glichen »Versuchsanordnungen, die eine bestimmte Idee erweisen oder ein Erfahrung vorführen«. In diesem Sinne wäre Corpus eher der französischen Tradition verpflichtet, so man denn von einer solchen sprechen kann. Wahr ist aber auch, dass in diesen wenig mehr als 200 Seiten mehr erzählerische Potenz steckt als in etlichen 800-Seiten-Schmökern. Markus Orths hat nämlich beides, die philosophische Idee und die narrative Kraft, die über deren Darstellung hinausreicht.

Markus Orths: Wer geht wo hinterm Sarg? Erzählungen. Schöffling Co. Frankfurt am Main 2001, 159 S., 15,50 E


Corpus. Roman. Schöffling Co, Frankfurt am Main 2002, 214 S., 18,50 E

00:00 31.01.2003

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