Das beste Stück

Kastration und zugehörige Ängste Lange Zeit galten die Hoden als Sitz der Männlichkeit. Zur Geschichte eines Paradigmenwechsels

Hartz geht - die Kastraten bleiben", schrieb Berthold Paetz im Freitag einen Monat vor der Bundestagswahl. Die Polemik gegen die "hohen Stimmen der sozialdemokratischen und bündnisgrünen Eunuchen", die sich ob der Hartz-Vorschläge vor Begeisterung überschlügen, apostrophiert der Autor als "Kastratengesang". Die rot-grüne Regierung habe sich selbst kastriert, indem sie sich von Lobbyisten, Managern und Technokraten Reformen in die Feder diktieren lasse.

In den Zeiten emanzipatorischer Suchbewegungen ist das Zwischengeschlechtliche zwar in. Mit Hilfe moderner Gesangstechnik, welche die grausame Kastration der Jungen überflüssig macht, singen sich die Countertenöre mit ihren Kastratenstimmen in die Charts der Barockopern. Doch jenseits der kulturellen Freiräume bleibt die reale und symbolische Entmannung das Horrorgemälde auch des modernen Mannes. Geht es um Einschnitte in die Männlichkeit, fasst sich jeder Mann voller Angst an sein Gemächte.

Doch wohin greift er genau? "Aus den Analysen könnte man nicht erraten, dass noch etwas anderes als der Penis zum Genitale gehört", schreibt Sigmund Freud, dem der Penis seine herausragende Bedeutung im 20. Jahrhundert verdankt. Dennoch spielten die Hoden in der langen Geschichte der Männlichkeit eine weitaus tragendere Rolle als signifikantes Körperteil.

Untersucht man die Geschichte der körperlichen "Entmannung", kann man die Geschichte der Männlichkeiten besser verstehen. Was heißt es, ein Mann zu sein, wenn mann keine Hoden besitzt? Wie sind männliche Genitalien und Männlichkeit verknüpft?

In seiner Studie Castration - An Abbreviated History of Western Manhood, das man mit "Kurzer Abriss der westlichen Männlichkeit" übersetzen könnte, geht der Shakespeare-Experte Gary Taylor anhand der Jahrtausende währenden Geschichte der "Verschnittenen" der Männlichkeit auf den Grund.

Die "Erfindung" der Kastration

Männliche Genitalien bei Mensch und Tier sind sichtbar und leicht verwundbar. Für Bauern war es ein leichtes, die Hoden ihres Viehs abzuschneiden. Die Eierstöcke wurden hingegen erst Jahrtausende später entdeckt; ihre Entfernung setzt einen hohen medizinischen Kenntnisstand voraus. Aber für Bauern wäre es sinnlos gewesen, die Fruchtbarkeit ihrer weiblichen Tiere zu beschneiden.

Als unsere Vorfahren vor Jahrtausenden die ersten Nutztiere züchteten, erfanden sie die Kastration. Das Abschneiden der Stierhoden diente der Mast und der Zucht von Ochsen; sie waren nützlicher als Stiere, von denen sie nur ein paar benötigten. Zwischen 6200 und 4500 v. Chr. muss man wohl als die Zeit der ersten Kastrationen von Tieren ansetzen, vor der Erfindung der Bronze um 3500 v. Chr. noch mit Messern aus Feuerstein. Ohne Kenntnisse der Fortpflanzung, die durch die Domestizierung des Viehs entstanden, hätte es auch keine Eunuchen gegeben. Wahrscheinlich wurden im fruchtbaren Südwestasien die ersten Männer kastriert, indem besiegte Feinde gleichsam wie domestizierte Tiere behandelt wurden. Die "Erfindung" des Eunuchen fällt in die Zeit der Entstehung der zentralisierten Staatsmacht, der Schrift und der Städte. Ohne Agrarrevolution, Sesshaftigkeit, Eigentum, Kauf und Tausch - mithin die Basis unserer Kultur - wären Eunuchen nicht denkbar. "Der Eunuch wurde an der Wiege der Zivilisation geboren", so Taylor.

Kastration heißt Domestizierung der "wilden" Männlichkeit. Hoc genus inventum est. Dieses Geschlecht ist erfunden worden. Eunuchen sind künstlich erzeugt, mehr noch: Hoc genus inventum est ut serviat. Das Geschlecht des Eunuchen ist für die Sklaverei gemacht. Statt ihre Feinde und Gefangenen zu töten, erklärten die antiken Gesellschaften sie zu Sklaven und machten sie zu Eunuchen, um sie nutzbringend in ihre Wirtschaft zu integrieren. Die kastrierten Männer sollten sich nicht fortpflanzen, schon gar nicht mit freien Frauen. Solche strikten Verbote existierten nicht analog bei Sklavinnen.

In traditionellen Gesellschaften hat die Unfähigkeit, Kinder zu zeugen, zur Folge, kein Verwandtschaftssystem bilden zu können. Ohne Nachkommen liegt die persönliche Zukunft in den Händen anderer. Schon deshalb galt die Entmannung als eine der schwersten Strafen. Ohne eigene Kinder wurde der Eunuch abhängig von anderen und konnte von Machthabern für seine Zwecke eingesetzt werden.

Vielseitig verwendbar kommt der kastrierte Mann - quasi als Kunstprodukt - in den unterschiedlichsten sozialen Funktionen in vielen Teilen der Erde vor. Nie als oberster Herrscher, aber durchaus nicht immer als deklassierter Mann: Er trat auf als Priester der Göttin Kybele, als chinesischer Palasteunuche, als indischer Hijra im Dienste einer Göttin, als byzantinischer Offizier, als barocker Opernkastrat. Als Wächter im Harem beziehungsweise "Schützer des ehelichen Bettes" (euné = griech. Bett und echô = bewachen) hat der Eunuch seinen Namen gefunden.

Als Außenseiter der Gesellschaft wurden die homines tertii generis oft gehasst, da sie weder als richtig männlich noch als richtig weiblich galten, insbesondere jene, die vor der Pubertät kastriert wurden. Doch dieser Status außerhalb der Geschlechterordnung wurde mitunter auch als etwas Übermenschliches gedeutet. Es ist nicht sicher, ob der erste Kastrationskult im Zusammenhang mit der Verehrung der Göttin Inanna/Ischtar entstand, in deren Tempel Sklaven dienten, von denen man vermutet, dass sie Eunuchen waren. Inanna wurde die Macht zu geschlechtlicher Transformation zugeschrieben: "Sie verwandelt einen Mann in eine Frau, Sie verwandelt eine Frau in einen Mann." Nur Götter - können es auch Göttinnen sein? - dürfen ein neues Geschlecht schaffen.

Eunuchen für das Himmelreich

Auffällig oft ist in der Bibel von Eunuchen die Rede, und es ist zu vermuten, dass sie in der Antike alltäglich präsent waren. Im frühen Christentum ließen sich Männer kastrieren, um sich von sexuellen Anfechtungen zu befreien. So ließ sich Origines verschneiden, damit er nicht von Fleischeslust geplagt werde. Doch gegen diese Praxis wandte sich schon der Kirchenvater Hieronymus, und durch Kirchengesetz wurden auf dem 1. Konzil von Nicäa 325 und auf der Synode von Arles 452 jene, die sich selbst kastrierten, aus dem Klerus ausgeschlossen. Der Mensch habe nicht das Recht, einem sittlichen Kampf, den er mit Gottes Hilfe bestehen und durch den er reifen könne, mit dem Eingriff in seine körperliche Unversehrtheit auszuweichen.

"Denn es sind etliche verschnitten, die sind aus Mutterleibe also geboren; und sind etliche verschnitten, die von Menschen verschnitten sind; und sind etliche verschnitten, die sich selbst verschnitten haben um des Himmelreichs willen. Wer es fassen kann, der fasse es!" Augustinus interpretierte diese Bibelstelle bei Matthäus (19,12) als Allegorie für das Zölibat des Priesters. Taylor unterstellt Jesus eine "radikale Feindseligkeit gegen die heterosexuelle Ehe und gegen die Reproduktion". Leistete Jesus, als er ewiges Leben denjenigen versprach, die seinetwegen ihre Familien verlassen, indirekt der Selbstkastration Vorschub?

Genitalien haben eine dreifache Bedeutung. Sie symbolisieren zum einen die geschlechtliche Differenz in sozialer und biologischer Hinsicht und damit den Dualismus der Geschlechter. Sie sind Träger der Fortpflanzung und last but not least verkörpern sie - insbesondere für körperfeindliche Religionen - die Sexualität.

Das Christentum brandmarkte die Geschlechtsorgane als Sitz der Erbsünde. Adam und Eva verloren durch die Entdeckung ihrer Geschlechtlichkeit das Paradies - so die gängige Interpretation der Schöpfungsgeschichte - und so mussten Mann und Frau ihre Scham verhüllen. Innerhalb des Christentums kastrierten sich bis in unsere Zeit immer wieder religiöse Eiferer, um den Anfechtungen des Fleisches zu entgehen. Mitglieder der Sekte Heaven Gate ließen sich noch am Ende des 20. Jahrhunderts zum Eunuchen verschneiden, bevor sie durch gemeinsam zelebrierten Suizid ins erhoffte Himmelreich gingen.

Der wohl berühmteste Eunuch ist der mittelalterliche Theologe Peter Abaelard, der in tragischer Liebe zu Heloise entbrannte. Abaelard entführte seine Geliebte in die Bretagne, wo sie einen Sohn gebar. Nachdem Abaelard heimlich Heloise geheiratet hatte, ließ ihr Onkel, der Kanonikus Fulbert, Abaelard 1118 überfallen und kastrieren. Abaelard zog sich als Mönch nach St. Denis zurück und bewog Heloise, in Argenteuil als Nonne zu leben. Nach Abaelards gewaltsamer Kastration sprach ein Gegner ihm das Recht ab, den Vornamen Petrus zu tragen, da dieser ein männlicher Name sei, er aber als ein imperfectus Petrus, das heißt als früherer bzw. nicht vollständiger Petrus, kein richtiger Mann mehr sei. Abaelard fehle virtus, also Tugend, die etymologisch von vir (Mann) abgeleitet wird, so der Zeitgenosse.

Abaelard brillierte als kastrierter Mann mit theologischen Hauptwerken. Er ersetzte das körperliche Organ durch den männlich konnotierten Geist, den Mangel an geschlechtlichem Verlangen präsentierte er als Beweis seiner Tugendhaftigkeit. Doch diese Argumentation wurde angegriffen, da nicht die Abwesenheit von Bedürfnissen, sondern der heroische Kampf gegen die Sünde in der Askese als Tugendbeweis gewertet wurde.

Triumphierte im Fall Abaelard das soziale Geschlecht (gender) über das biologische Geschlecht (sex), der intellektuelle Kampf im theologischen Disput über die physische, sexuelle Seite der Männlichkeit? Die Zunge wurde zum Träger der Männlichkeit und ersetzte den Penis.

Folgt man jedoch Taylors Interpretation, so steckte die mittelalterliche Männlichkeit in den Hoden, nicht im Penis. Die Hoden, die Abaelard verloren hat, sind Träger des Namens Petrus. Da Frauen mit dem Mangel identifiziert werden, dem Mangel an männlichen Genitalien und männlicher Macht, effeminiert sich der Mann ohne Genitalien symbolisch und sozial, wird mithin zur Frau. "Alle Tiere gehen in den weiblichen Zustand über, wenn sie kastriert worden sind", so Aristoteles. Der Mangel an Genitalien kann sich - je nach Epoche - auf die Hoden oder den Penis beziehen, die Konsequenzen sind die gleichen. Eine Frau, der Ovarien oder Klitoris entfernt wurden, wird hingegen nicht in diesem Ausmaß maskulinisiert, da ihr die signifikanten Körperteile fehlen.

Neuzeitlicher Penisneid

Abhandlungen über Eunuchen, nicht zuletzt historischer Provenienz, haben unter dem Einfluss der Genderstudien Konjunktur. Taylors provokante zentrale These geht darüber hinaus. In seiner höchst originellen Analyse der Psychoanalyse demontiert er die vorgebliche Universalität des Penisneids. Der Kastrationskomplex als Grundpfeiler der Psychoanalyse macht den Besitz oder das Fehlen des Penis zum essenziellen Unterschied der Geschlechter.

Der Knabe fantasiert, dass alle Menschen, auch Frauen, einen Penis haben, so "wie ihn der Knabe vom eigenen Körper kennt". So jedenfalls sehen es Freuds infantile Sexualtheorien. Wenn der Knabe ein nacktes Mädchen sieht, bekommt er Angst, dass sein Vater ihm den Penis abschneiden könnte. Das Mädchen hingegen empfinde Penislosigkeit als Nachteil, den es zu verleugnen, zu kompensieren oder zu reparieren sucht, so Freud. Der Dreh- und Angelpunkt der Kastrationsangst und damit der Entwicklung des Über-Ichs im Ödipuskomplex sei also der Penis. Ob das Kind einen Penis besitzt oder penislos und damit "kastriert" ist, macht den Primat des Penis für die Psychoanalyse kenntlich.

Taylor erzählt jedoch die Geschichte der Männlichkeit als eine Jahrtausende alte Geschichte des Primats der Testikel, die erst vor wenigen Jahrhunderten vom Primat des Penis abgelöst wurde. Damit erhält die Geschlechtergeschichte ein anderes Fundament. "Freuds Theorien über die Kastrationsangst und den Penisneid kastrierter Frauen können kaum eine zutreffende Beschreibung des ›Patriarchats‹ sein, weil sie fast die gesamte Geschichte der Kastration und fast die gesamte Geschichte des Patriarchats falsch wiedergibt", so kanzelt Taylor Freuds Kastrationstheorie ab.

Die Psychoanalyse spiegelt den Aufstieg des Penis und den Niedergang der Hoden in der westlichen Kultur wider. Die Herrschaft des Penis verdrängt die "family jewels", wie die Hoden als wichtigster Besitz des Mannes in England bezeichnet wurden. Der Penis an Michelangelos David wirkt in Vergleich zu seinen Hoden für moderne Betrachter zu klein. Das Phallische wird erst im Laufe der Neuzeit vorherrschend - oder wie es Foucault formulierte: Es beginnt der Aufstieg des nicht-reproduktiven Sexualregimes.

Wann und weshalb setzte sich dieser Paradigmenwechsel von den Hoden (und damit der Fruchtbarkeit und der Zeugungskraft) hin zum Penis (also dem männlichen Lustprinzip) durch? Der Shakespeare-Kenner Taylor datiert den Beginn des Umschwungs ins späte 16. Jahrhundert. In den überbevölkerten Metropolen wuchs seitdem das Bewusstsein, dass nicht mangelnde Fruchtbarkeit, sondern übermäßige Fertilität und Überbevölkerung zu massiven Problemen führen. Die Überproduktion in vielen Bereichen rückte erstmals in den Blick. "Zu viel Reproduktion - von Texten, Geld, Waren, Leuten - können katastrophal sein. Und was ist das anatomische Zeichen der Reproduktion beim Mann? Die Hoden", so Taylor.

Im Ancien Régime des reproduktiven Primats bedrohten Männer das Skrotum feindlicher Männer; die Entfernung der Testikel war ein grausamer Akt von Männern gegen Männer. In den Mythen gelangte der Mann in den Besitz der Frau durch die blutige Entmannung des bisherigen Machthabers. Um die Zeugungskraft des Mannes entspannen sich die männlichen Rangkämpfe: Kronos entmannt seinen Vater Uranos, auch der Göttersohn Zeus entmannt seinen Vater Kronos. Die Machtübernahme im Generationenwechsel in der Form der gewalttätigen Entmannung ging einher mit der Besitzergreifung der Frau.

Die Angst, seinen Penis zu verlieren, und auch der Penisneid von Frauen konnte als kulturelles Phänomen erst in der Neuzeit entstehen, so Taylor. Erst die Moderne deutet die emanzipierte Frau als entmannend in Hinblick auf den Penis und die Frauenbewegung als antagonistisch zur Phallokratie.

"Was will das Weib?" fragte Freud. Frauen haben ein großes Interesse daran, nicht ungewollt geschwängert zu werden - dies meint Taylor auf dem Schwarzen Kontinent der Weiblichkeit erkundet zu haben. Die emanzipierte Form der Kastration in Form der Vasektomie (Sterilisation) entspreche den Bedürfnissen von Frauen, die keinen Kinderwunsch haben beziehungsweise bereits die gewünschte Anzahl von Kindern geboren haben. Die Vasektomie sei das "Update" der Kastration für das überbevölkerte 21. Jahrhundert. Der Literaturwissenschaftler outet sich selbst als vasektomiert und damit up to date.

Gerhard Hafner ist Diplompsychologe in Berlin und arbeitet bei der Organisation "Beratung für Männer gegen Gewalt".

Literatur zum Thema:


Gary Taylor: Castration. An Abbreviated History of Western Manhood. New York, London 2000.


Patrick Barbier: Über die Männlichkeit der Kastraten. In: Martin Dinges (Hg.): Hausväter, Priester, Kastraten. Zur Konstruktion von Männlichkeit in Spätmittelalter und früher Neuzeit. Göttingen 1998


Hubert Ortkämper: Engel wider Willen. Die Welt der Kastraten. Berlin 1993


Piotr O. Scholz: Der entmannte Eros. Eine Kulturgeschichte der Eunuchen und Kastraten. Düsseldorf 1997


Susan Tuchel: Kastration im Mittelalter. Düsseldorf 1998


Vom 7. - 9. 11. 2002 findet eine Tagung des Arbeitskreises für interdisziplinäre Männer- und Geschlechterforschung "Aim Gender" in Stuttgart-Hohenheim statt.

Vortragstexte unter www.ruendal.de/aim/tagung02/abstracts.php3

00:00 08.11.2002

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