Das Beste vom Westen

BEWÄHRTES SPIEL Regieren wir, opponiert ihr - regiert ihr, opponieren wir

Im bestoibten Bayern fragen sich viele, wozu brauchen wir überhaupt diesen Osten? Wir haben genug mit uns selbst zu tun: Aber nun ist es zu spät zum Jammern, sie haben uns gekriegt, damit müssen sie leben. Und wir auch.
Wenn ich dank freundlicher Bibliothekarinnen zuweilen in Süddeutschland auf Lesereise bin, begegnet mir blanke Ahnungslosigkeit in blühenden Landschaften. Nun gut, ich komme aus Berlin, das ist Preußen, das kennen sie. Da stand doch die Mauer, die ist weg, das wissen sie. Und dann gab es einen gewissen Erich, der immer so komische Hüte trug. Richtig, ohne Gamsbart. Was gab es noch? Bei jedem Jauch-Quiz würden sie ohne einen müden Euro dastehen, wenn man sie nach der DDR fragte - oder auch nur nach ostdeutschen Gegenden. Brandenburg, Mecklenburg, Uckermark - so was gibt´s? Jo mei.
Zum Glück fragt der pfiffige Millionenspender lieber nach Minnesota oder den Molukken. Sachsen kennen sie, das ist fast nebenan, da kommen viele Arbeitsuchende her. Im Osten gibt es mehr als doppelt so viele Arbeitslose wie im Westen, kaum Industrie, viel Brachliegendes, keine richtigen Häuser, nur Plattenbauten. Ach ja, man hat arm geheiratet, der alte Adenauer wusste schon, warum er gegen die Einheit war.
Jüngst reiste Stoiber nach Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern. Ich bin öfter dort, und ich weiß, dass sie - die in grauer Vorzeit eine blühende Landwirtschaft hatten - schon lange nicht mehr den eigenen Käse essen, sondern den aus dem Allgäu. Als Produzenten sind die Ostdeutschen uninteressant, Konkurrenz gibt´s zur Genüge. Als Verbraucher werden sie gebraucht. Und als Wahlvolk. Da können sie mal zeigen, was sie in zwölf Jahren kapiert haben von freien Wahlen, die sie 40 Jahre entbehren mussten. Und was tun sie, die Undankbaren? Sie wählen die Falschen.
Da fragt sich Peter Frey vom ZDF, "wofür wir eigentlich unseren Solidaritätsbeitrag zahlen". Den zahlen die Ossis auch, das weiß er vielleicht nicht.
Natürlich sind nicht alle Landsleute König Ludwigs bestoibt. Der erste linke Bayer, den ich kennen lernte, und zwar 1991 in Gera beim Kinderfilmfestival Der goldene Spatz, war ein liebenswerter Münchener Cineast. "Wir sind eine Minderheit", erklärte er lächelnd, "aber man fühlt sich soviel besser links." Das hat mich sehr ermutigt, alle Jahre wieder falsch zu wählen. Leider sind die Falschen neuerdings sehr bestrebt, alles richtig zu machen, was sich in der Geschichte als falsch erwiesen hat. Das werden ihnen viele linke Wähler nicht danken. Wovon dann wieder die Rechten profitieren dürften. Der Osten hat nur eine Chance, in den kommenden Bundestagswahlen eine entscheidende Rolle zu spielen: als Opposition. Dieses Recht gehört zum Besten, was vom Westen in unsere demokratisch unterentwickelte Region importiert wurde.
Es ist ein bewährtes Spiel: Regieren wir, opponiert ihr - regiert ihr, opponieren wir. Was die einen hinterlassen, kritisieren die anderen, und sie versprechen, es besser zu machen. Auf das Konto der Unionsparteien geht die Massenarbeitslosigkeit. Als Opposition kritisieren sie die Regierung, weil sie kein Konzept dafür hat, mit diesem Krebsschaden des Kapitalismus fertig zu werden. Werden die Abgewählten - Gott behüte - wieder rangewählt, ist mit scharfer Kritik von den Besiegten zu rechnen. So geht es hin und her, an den Zuständen ändert sich nichts. War es nicht dieser Alte mit dem Vollbart, der Wahlen als Gradmesser für die politische Reife eines Volkes betrachtete? An der Wand meines Arbeitszimmers hängt eine Karikatur von ihm: Rote Weste, gestreifte Hosen, die Hände in den Taschen, gesenkte Lider und der Satz: "Tut mir leid, Jungs, war halt nur so´ne Idee von mir". Er ist schon lange tot. Und die Idee? Ist totgesagt. Totgesagte leben länger, heißt es.

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00:00 15.03.2002

Ausgabe 39/2020

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