Das Beste, was zu holen war

Porträt Frank Bsirske hat Verdi zu einer der Hauptkräfte der gesellschaftlichen Linken in Deutschland gemacht

Spektakulär“ nannte Frank Bsirske den Tarifabschluss im öffentlichen Dienst, der kürzlich erzielt wurde. Acht Prozent, zusätzliche Lohnsteigerungen in der Pflege und eine „soziale Komponente, wie wir sie lange nicht hatten“. Für Bsirske, 67, ist es der letzte Tarifabschluss im öffentlichen Dienst. Der Verdi-Kapitän tritt im Herbst als solcher nicht mehr an und gibt das Steuer aus der Hand – zuvor musste er, klar, ein brillantes Manöver fahren.

Ein großer Kommunikator war Bsirske schon immer, glänzte darin, gerade auch die eigenen Erfolge argumentativ unter die Leute zu bringen. Auf eine Weise, die sich gar nicht großsprecherisch anfühlt. Abgesehen vom bürgerlichen Lobbyverein Bund der Steuerzahler ist natürlich jedem Menschen, der die Grundrechenarten beherrscht, klar, dass acht Prozent mehr Lohn auf drei Jahre gerechnet nicht der große Sprung nach vorn sind, mit dem der Verdi-Chef in die Geschichte eingehen wollte. Aber vielleicht sind sie das Beste, was in der derzeitigen politischen Situation herauszuholen war. Und vielleicht gilt genau das auch für die Lebensleistung von Frank Bsirske als Vorsitzendem der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft.

Das mag arg bescheiden klingen. Schaut man genauer hin, ist Bsirskes Bilanz als Gewerkschaftsführer tatsächlich spektakulär. 2001 übernahm er den Vorsitz einer Großorganisation, deren Zukunftsaussichten eher pessimistisch beurteilt wurden. Die Verdi-Gründung war alles andere als eine Fusion der Starken, ganz im Gegenteil: ÖTV, HBV, DPG, IG Medien und DAG waren alle mehr schlecht als recht durch die 1990er Jahre gekommen. Nach Mauerfall und DDR-Beitritt triumphierten politischer Konservatismus und Neoliberalismus. Massenarbeitslosigkeit schwächte die Gewerkschaften. Frustration, dumpfer Rassismus und „Hauptsache Arbeit“ markierten die real existierende Tristesse der späten Kohl-Ära. All das war Teil eines größeren, weltgeschichtlichen Trends. Der Sozialismus, in welcher Form auch immer, galt als besiegt, ein konservativer Politologe rief das „Ende der Geschichte aus“ und jeder konnte spüren, dass den Gewerkschaften weltweit auf längere Sicht keine rosige Zukunft bevorstand.

Auch wenn es noch keine „Konkursmassen“ waren, die 2001 zusammengelegt wurden, letztlich ging es ums Überleben. Denn es handelte sich nicht um Beschäftigte der ungebremst boomenden Exportindustrie. Die Kernbereiche der Beschäftigtenorganisationen, die sich hier zusammenschlossen, schrumpften über Jahre weiter oder gerieten zumindest unter enormen wirtschaftlichen Druck. Das schwächte ihre Durchsetzungsmacht und Streikfähigkeit – die harte Währung der Gewerkschaften – empfindlich. Privatisierungen von ehemaligen großen Staatskonzernen und im Gesundheits-, Wohnungs- und Transportwesen, disruptiver Strukturwandel durch E-Commerce, Niedergang der großen Kaufhäuser, Niedriglohnjobs, Scheinselbstständigkeit und Subunternehmerstrukturen im privaten Dienstleistungssektor: All diese Trends nahmen um die Jahrtausendwende erst so richtig Fahrt auf.

Eigentlich keine Situation, in der man sich darum reißen würde, Vorsitzender einer Multibranchengroßgewerkschaft zu werden, die damals eher eine Art Dachverband für ein paar Branchenverbände ohne gemeinsame Identität war.

Bsirske hat es geschafft, diese Aufgabe anzupacken und im Großen und Ganzen erfolgreich zu lösen. Das mag irritieren, schließlich hat Verdi seit der Gründung fast ein knappes Drittel der Mitglieder verloren. Die Finanzierung ist auf lange Sicht kritisch, die Tariflandschaft erodiert weiterhin. Doch das hat mehr mit allgemeinem Gegenwind als politischen Führungsfehlern zu tun. Kluge Führung dagegen hat bewirkt, dass Verdi heute eine Kraft ist, die wieder offensiv für gesellschaftlichen Fortschritt kämpft. So im Gesundheitswesen, wo es vor allem streikende Krankenschwestern und Krankenpfleger waren, die die gesellschaftliche Debatte um die Wertschätzung von Care-Arbeit und Personalbemessung an Krankenhäusern beförderten. Sie haben die grundsätzliche Frage, ob Gesundheit eine Ware sein soll, zu einem Politikum gemacht, an dem niemand mehr vorbeikommt. So auch beim andauernden Arbeitskampf bei Amazon: Da gibt es zwar nach fünf Jahren immer noch keinen Tarifabschluss, aber als Stachel im Fleisch des Online-Riesen konnte Verdi die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten deutlich verbessern. Oder beim Sicherheitspersonal an den Flughäfen und bei Europas größter Billigfluglinie Ryanair.

Man mag zu Recht dagegenhalten, dass das weniger Bsirskes persönlicher Verdienst als die Summe der Kraftanstrengungen von Basisaktivisten und Gewerkschaftssekretärinnen ist. Aber: Bsirske hat Verdi gesellschaftspolitisch und in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich links von den meisten anderen DGB-Gewerkschaften positioniert. Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft – und nicht irgendeine Partei, Kirche, NGO oder sonstige Bewegung – ist heute eine der Hauptkräfte der gesellschaftlichen Linken in der Bundesrepublik. Angesichts der politischen Großwetterlage der vergangenen zwei Jahrzehnte ist das ein mutiger Kurs – genau der richtige. Angesteuert hat ihn der Sohn eines VW-Arbeiters und einer Krankenschwester. Vor der Gewerkschaftslaufbahn war er Bildungsreferent der Sozialistischen Jugend – Die Falken, wurde aus der SPD ausgeschlossen wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Sympathien für die Kommunisten, 1981 trat er den Grünen bei. Kein deutscher Gewerkschaftsführer seit Franz Steinkühler hat die politische Auseinandersetzung hierzulande so geprägt wie Bsirske. Der Tanker Verdi wird diesen Kurs wohl halten, schon weil niemand einen besseren weiß.

06:00 07.03.2019
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