„Das betrifft nicht nur Muslime“

Antisemitismus Der Pädagoge Burak Yilmaz organisiert für muslimische Jugendliche Fahrten in das Vernichtungslager Auschwitz. Im Interview erklärt er, wieso das so wichtig ist

In Duisburg ist Burak Yilmaz aufgewachsen, dort hat er in einem Jugendzentrum gearbeitet – und Antisemitismus erlebt. In Reaktion darauf startete er Fahrten nach Auschwitz mit muslimischen Teenagern. In diesem Herbst ist sein Buch Ehrensache. Kämpfen gegen Judenhass erschienen.

der Freitag: Herr Yilmaz, ist Antisemitismus unter jungen Muslimen besonders stark verbreitet?

Burak Yilmaz: Antisemitismus gibt es natürlich auch unter Muslimen. Vor allem die sozialen Medien haben dabei in den vergangenen Jahren eine große Rolle gespielt. Wie weit er verbreitet ist, dazu gibt es keine genauen Daten, doch in der beruflichen Praxis begegnet er mir häufig. Auf der anderen Seite wächst innerhalb der muslimischen Community das Engagement gegen Antisemitismus. Viele haben begriffen: Der Kampf gegen Rassismus muss den Kampf gegen Judenhass einschließen.

Muslime sind anfällig für Antisemitismus – ist das ein Klischee der Mehrheitsgesellschaft?

Antisemitische Demonstrationen wie die im Ruhrgebiet im Mai haben gezeigt, dass das leider eine Realität ist, die jüdische Menschen bedroht. Auch in Zukunft rechne ich mit solchen gewaltbereiten Protesten. Judenhass ist aber kein rein muslimisches Problem, mit einem Generalverdacht kommen wir nicht weiter. Wir müssen auch diskutieren, welche Rolle die Politik beim Ausbau islamistischer Netzwerke gespielt hat. Es ist skandalös, dass die Sicherheitsbehörden wie in Duisburg bei der Extremismusprävention mit türkischen Nationalisten kooperieren.

Entlasten sich die Bio-Deutschen von ihren eigenen Ressentiments, etwa mit der Rede von „importiertem Antisemitismus“?

Diese Entlastung erlebe ich sehr oft. Wie man sich ausgerechnet in Deutschland vom Judenhass entlasten möchte, bleibt mir ein Rätsel. Dabei zeigen Studien, dass 15 bis 20 Prozent unserer Gesellschaft zu antisemitischen Einstellungen neigen. Es kann nicht sein, dass sich Menschen aufgrund ihrer Herkunft so bedroht fühlen, dass sie diese verheimlichen. Wir tragen alle eine Verantwortung, wenn es darum geht, mehr Sichtbarkeit und Teilhabe für Jüdinnen und Juden zu schaffen, jenseits klischeehafter Vorstellungen.

Sie haben türkische Wurzeln, auf Wunsch Ihrer Eltern besuchten Sie eine Koranschule, später ein katholisches Gymnasium. Ihr Buch ist stark autobiografisch geprägt. Was interessiert Sie so sehr am Antisemitismus?

Geschichte und Politik haben mich schon immer interessiert. Wenn man wie ich in Duisburg-Obermarxloh in einer türkisch-kurdischen Familie aufwächst und mitbekommt, wie viel leichter es deutsche Freunde haben, betrachtet man diese Gesellschaft mit anderen Augen. „Warum behandeln die uns so ungerecht?“ war vielleicht die häufigste Frage meiner Kindheit. Als ich dann in der 6. Klasse am Gymnasium vom Holocaust erfuhr, wurde mir richtig schlecht. Mich verängstigte, dass so etwas in Deutschland passieren konnte. Ich will nicht nur die Geschichte verstehen, sondern auch erkennen, welche Schatten der Vergangenheit bis ins Heute reichen.

Zur Person

Burak Yilmaz, 33, studierte Germanistik und Anglistik in Bochum, er lässt sich zum Theaterpädagogen ausbilden, arbeitet in Gefängnissen und Schulen. Für sein Engagement gegen Antisemitismus erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Ehrensache ist bei Suhrkamp erschienen (229 S., 16,95 €)

Sie berichten von Ihrer Arbeit im Jugendzentrum, zitieren Besucher mit dem Satz: „Wir sind Antisemiten, daran kannst du nichts ändern!“ Was antworteten Sie?

Ich habe sie gepackt und rausgeschmissen, weil sie den Hitlergruß gezeigt haben, danach gab es drei Monate Hausverbot. Aber ich wollte ran an die Denkmuster und ihr Verhalten. Ich habe gefragt, woher ihre Vorurteile und ihre Verachtung kommen, und habe betont, dass sie damit im Jugendzentrum keine Chance haben. So entwickelten sich wichtige biografische Gespräche über Erziehung und Kindheit. Es zeigte sich, dass viele aus islamistischen Familien kamen, in denen Judenhass Teil der Erziehung und Ideologisierung war.

Seit einem Jahrzehnt reisen Sie mit muslimischen Teenagern zur Gedenkstätte in Auschwitz. Was lernen die Gruppen dort?

Viele sind sprachlos über das Ausmaß der Gewalt, den Vernichtungswillen der Nazis und das dokumentierte Leben im Lager. Durch persönliche Geschichten wird der Ort greifbarer. Einmal trafen wir dort eine israelische Jugendgruppe, und einer unserer Teilnehmer sagte später: „Ich hatte Mitgefühl mit meinen Feinden.“ In seiner Herkunftsfamilie und im Freundeskreis hingegen wurde er wegen der Teilnahme an der Fahrt nach Auschwitz angegriffen.

Was haben die Kinder oder Enkel Zugewanderter mit der deutschen Geschichte bis 1945 zu tun?

Unsere Großeltern haben mitgeholfen, Deutschland wiederaufzubauen. Nicht wenige „Gastarbeiter“ waren damals sogar in denselben Industriebetrieben beschäftigt, die während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiter aus dem Osten einsetzten. Ich frage mich, ob meine Großeltern nach Deutschland gekommen wären, hätten sie all dies vorher gewusst. Aber sie hatten nur sehr geringe Kenntnisse über den Nationalsozialismus.

Die Nazis pflegten enge Kontakte zur arabischen Welt, etwa zum Mufti von Jerusalem ...

Rassismus und Antisemitismus sind ein globales Phänomen. Es existiert auf allen Ebenen der Gesellschaft. Auch Minderheiten, die Rassismus selbst erleben, können rassistisch oder antisemitisch sein. Sie haben aber nicht dieselben Ressourcen und Möglichkeiten wie die Mehrheitsgesellschaft, um einen Wandel einzuleiten. Das ist eine Aufgabe aller. Wenn wir die Verantwortung immer auf die anderen schieben, wird sich unsere Gesellschaft spalten. Der Kampf gegen Judenhass und Rassismus beginnt im eigenen Kopf. Egal, ob ich Stefan oder Fatma heiße.

Fördert der Nahost-Konflikt den Antisemitismus in der muslimischen Community?

Nein, er offenbart ihn eher. Viele behaupten, Israel sei schuld am Judenhass. Aber Judenhass ist der Grund dafür, dass es Israel gibt. Der israelbezogene Antisemitismus war gerade bei den letzten Demonstrationen erschreckend radikal. Tagelang wurde vorher in digitalen Netzwerken wie Tiktok und Instagram Stimmung gemacht. Unter dem Vorwand der Solidarität mit den Palästinensern wurde das Ganze instrumentalisiert, um den eigenen Hass auf Juden und Israel loszuwerden. Wenn islamistische Schlachtrufe mit antisemitischem Vernichtungswunsch gebrüllt werden, hat das nichts mehr mit Kritik oder Solidarität zu tun. Mit Jugendlichen differenziert über den Nahost-Konflikt zu sprechen und ihnen Widersprüche aufzuzeigen, ist ein Weg, diesen Hass zu bekämpfen.

Glauben Sie, dass sich antisemitische Vorurteile in den folgenden Generationen mit Migrationshintergrund abschwächen werden?

Ja! Ich erhalte dauernd Mails von zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich professionalisieren wollen, das Thema Judenhass auf ihre Agenda packen. Der Austausch mit der jüdischen Community wächst. Vor allem an Schulen spüre ich, dass sich junge Menschen einmischen wollen und Zivilcourage zeigen. Vor zehn Jahren war mein Projekt „Junge Muslime in Auschwitz“ einmalig, inzwischen gibt es immer mehr solche Initiativen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass im Kampf gegen den Judenhass die gesamte nichtjüdische Mehrheit in unserem Land in der Verantwortung steht.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare 3