Das Bild des Vaters

Kinder der Intifada Der Arzt Eyad al-Saaraj, Direktor des "Gaza Community Health Programme" in Gaza-Stadt, über einen Zustand tribaler Rache - über Kinder der Intifada und Attentäter von morgen

Auf das Entsetzen über die jüngsten Selbstmordattentate in Israel folgt wie immer Ariel Sharons Befehl zur Rache. Fast scheint es, als seien die Kriegsparteien auf ewig aneinander gefesselt - unfähig, jemals wieder voneinander lassen zu können. Eyad al-Saaraj, Direktor des Gaza Community Health Programme (GCHP), beschreibt die Lage mit einem Vergleich: Die Kinder der heutigen Intifada werden die Attentäter von morgen - und schlimmer als die Attentäter von heute - sein.

FREITAG: Charakterisieren Sie das jetzige Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern.
EYAD EL-SARRAJ: Sie sind derart in einen permanenten Kleinkrieg geraten, dass man schon sagen kann: dieser Krieg hat beide Nationen in einen Zustand tribaler Rache versetzt - ohne Licht am Ende des Tunnels. Israel betreibt eine Politik systematischer Zerstörung, nicht nur der Infrastruktur der Autonomiebehörde, auch der Landwirtschaft in den Autonomiegebieten. Das trifft die gesamte Bevölkerung, die völlig ohne Perspektive ist - für mich die Hauptursache der palästinensischen Gewalt.

Sie haben viel über diese Gewalt geschrieben. Können Sie uns mehr über die Motive der Selbstmordattentäter sagen?
In seiner Essenz ist das ein Handeln aus Verzweifelung, eine Hilfeschrei von Menschen, die sich gedemütigt fühlen und keinerlei Hoffnung mehr haben.

Keine Hoffnung mehr, es könnte irgendwann doch eine politische Lösung geben?
Ja, weil kein Ende der Besatzung in Sicht und Israel eine Supermacht ist, die von den USA uneingeschränkt unterstützt wird. Der normale Palästinenser fragt sich: Was kann er tun? Er hat keine F 16-Jets, keine Panzer, keine Apache-Hubschrauber. Wir haben weder Öl noch Kernwaffen. Wie können wir gewinnen? Als Palästinenser und als Mensch muss man sich selbst verteidigen, um mit der permanenten Demütigung fertig zu werden. Was bleibt dem Einzelnen übrig, als sein Leben als Waffe einzusetzen?

Inwieweit bestärkt die Religion diesen Einzelnen?
Sie wirkt als Mittel zum Zweck. Die Religion sagt, auch wenn du stirbst, bist du nicht wirklich tot, sondern ein Märtyrer deines Volkes. Gott wird dich willkommen heißen. Das ist die Crux der ganzen Angelegenheit. Gebt den Menschen Hoffnung - und es wird keine Attentate mehr geben.

Sie sehen die Ursachen für Selbstmordattentate nur in den gegebenen politischen Umständen.
Ja, weil davon die individuelle Psyche der Palästinenser infiziert ist. Jeder Selbstmordattentäter von heute ist ein Kind der ersten Intifada Ende der achtziger Jahre. Diese Kinder wurden von den Demütigungen traumatisiert, die ihre Väter erfahren haben. Ihr Bild des Vaters, der für sie ein Symbol der Macht darstellte, verlagerten sie auf die Gruppe, der sie sich anschlossen. Die Gruppe ersetzte den Vater. Sie sagte, was zu tun war, um die Demütigung der Väter zu rächen.

Wenn die Täter von heute die Kinder der letzten Intifada sind, heißt das: die Täter von morgen werden die Kinder der jetzigen Intifada sein?
Und sie werden schlimmer sein als die Kinder der ersten. Fragt man heute ein Kind in Gaza, was es werden will, wird geantwortet: Märtyrer, bereit zu sterben. Keiner will Arzt, Rechtsanwalt oder Lehrer werden.

Was denken Sie persönlich über die Selbstmordattentate?
Als Palästinenser muss ich verstehen, dass ich neben Israelis lebe. Die beste Lösung wäre natürlich das Zusammenleben in einem Staat. Da dies nicht möglich ist, bleibt nur die Zwei-Staaten-Lösung. Wir sollten daher nicht noch mehr Hass in eine paranoide Gesellschaft streuen. Und Israel ist eine von Angst dominierte, paranoide Gesellschaft, und dies nicht nur dank ihrer Geschichte. Neben dieser psychologischen Komponente sind die Anschläge gegen Israelis auch politisch kontraproduktiv, weil nach dem 11. September die radikalen Palästinenser der Welt den Eindruck vermittelt haben, dass auch wir wie die Taleban sind. Die Botschaft lautete: Warum gehen die Amerikaner nach Afghanistan? Kommt zu uns, wir sind die Terroristen, bekämpft uns! Die zionistische Propaganda hat diese Botschaft überall verbreitet - und das Fazit lautete: Seht, so sind die Palästinenser!
Ich kann niemals die Tötung eines jüdischen Kindes akzeptieren, weil die palästinensische Sache gerecht ist. Mit der gleichen Begründung kann ich niemals den Tod eines palästinensischen Kindes rechtfertigen. Der Islam lehrt uns, keine Kinder zu töten und im Krieg Frauen zu beschützen, selbst Bäume sollen geschützt werden. Die Attentate sind für mich antiislamisch.

Sie haben von traumatischen Folgen für Kinder und Frauen in Palästina gesprochen. Lässt sich das näher erklären?
Fast jedes Kind in Gaza sieht jünger aus, als es ist, weil es an Unterernährung leidet. Wenn ein Kind in Gaza morgens zur Schule geht, hat es Angst, weil es nicht weiß, ob es noch ein Zuhause vorfindet, wenn die Schule vorbei ist. Oder der Vater oder die Mutter noch leben. In der Schule ist es unkonzentriert, da es von alldem ständig geplagt wird. Es ist streitsüchtig, manchmal gewalttätig.

Und die Frauen?
Sie sind "weiche Ziele" von Gewalttätigkeit. Sie werden Opfer häuslicher Gewalt und dadurch traumatisiert. Einige von ihnen werden von ihren Männern sexuell missbraucht, geschlagen, belästigt, aber das Gesetz steht auf der Seite der Männer. Die Tragödie gipfelt darin, dass den religiösen Gerichten dann auch noch beschränkte Scheichs vorstehen, die eine Frau als Ungläubige oder Hure beschimpfen, wenn sie an Scheidung denkt. Unser "Gaza Community Health Programme" versucht, die Frauen vor körperlicher und seelischer Gewalt zu schützen. Das wurde in den vergangenen 55 Jahren vernachlässigt, weil wir uns gegen den äußeren Feind wehren mussten.

Sehen Sie eine Chance, diese "innere Gewalt" als Konsequenz der äußeren Gewalt irgendwann oder sogar bald zu überwinden?
Wenn die Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern nachlässt, wird dies eher zu einem Anwachsen innerpalästinensischer wie auch innerisraelischer Gewalt führen. Dieser Prozess beginnt bereits. Wenn es den äußeren Feind nicht mehr gibt, wendet sich das Gewaltpotenzial nach innen, dies war zwischen dem Beginn des Oslo-Prozesses 1993 (*) und dem Ausbruch der zweiten Intifada Ende 2000 deutlich zu spüren. Die Gewalt in der palästinensischen Gesellschaft nahm in diesen Jahren enorm zu, allein die Zahl der Morde um 250 Prozent. Dass Arafat damals keine politischen Visionen entwickelte, war sein größter Fehler.

Gibt es aus der verzweifelten Lage dieser Tage noch irgendeinen Ausweg?
Es muss jemand von außen kommen, um beide Völker zu retten - Sharon und Arafat sind dazu nicht fähig. Die einzige Lösung ist eine Intervention von außen. Die USA können aber nicht den ehrlichen Makler spielen, weil sie viel zu einseitig sind. Europa müsste einspringen. Deutschland wäre am besten geeignet, gäbe es nicht diesen Schuldkomplex gegenüber den Juden. Es könnte aber auch eine gemeinsame europäische Staaten-Koalition sein, vielleicht mit einem UN-Mandat. Warum geschieht nicht das Gleiche wie in Jugoslawien? Warum jetzt nicht die Israelis vor sich selbst retten und vor palästinensischer Gewalt? Warum nicht die Palästinenser vor sich und vor israelischen Gewalt?

Das Gespräch führte Ludwig Watzal

(*) Mit "Oslo-Prozess" ist der Friedensprozess gemeint, der ab 1994 zur schrittweisen Herausbildung einer palästinensischen Autonomie führte.

00:00 06.12.2002

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