Das Blasorchester spielt "Köhlerliesel"

Die Stadt Osterwieck im Harzvorland Es ist wieder Montag, aber keine Kastanienzeit

Im Bruch der Zeiten wandelte sich Leben in Davor und Danach. Träume wurden wahr oder zu Albträumen, manchmal entstand aus Enttäuschung auch Mut.
Wende-Zeit - Lebens-Wende: Eine Serie über Menschen und ihre Geschichten in der Geschichte.
Heute: 5.Teil

Im August tragen die Kastanien schon stachlige Kugeln. Kleine Igel mit grüner Haut. Darunter wächst die Frucht. Im Herbst sprengt sie die schützende Hülle. Sie wird glänzen. Sie liegt glatt und kühl in der Hand. Das fühlt sich gut an. Irgendwann trocknet sie aus und verschrumpelt. Der Glanz des Anfangs ist weg.

Gisela sieht die guten Sachen. Sie sagt nicht: Osterwieck ist eine tote Stadt

Der ganze Langenkamp steht voller Kastanien. Aus ihren Blättern haben wir filigrane Fächer geritzt und in ihren Schatten Hopse gespielt. Das Hüpfziel war Amerika. Osterwieck ist ein Kindheitsort. Doris, Dagmar und Gisela sind Namen aus dieser Zeit. Doris ist schon damals weggezogen, Dagmar ist gestorben, Gisela in der Stadt geblieben. Ihr Haus steht am Weg zum Bismarckturm. Früher waren hier Gärten.

Nein sowas, Püppe. Sie sagt den Kindernamen und wundert sich. Über Osterwieck willst du schreiben? Über die Wende bei uns und über mich? Nein, das möchte sie nicht. Ihr ging es gut. Ihr geht es gut. "Guck mal, ohne Wende wäre das Haus hier irgendwann zusammengefallen. Kein Material, keine Leute, kein Geld."

Sie meint das Hotel Brauner Hirsch, in dem wir Kaffee trinken. Das 1728 erbaute Fachwerkhaus steht unter Denkmalschutz. Die blau-weißen Schilder sieht man in Osterwieck auf Schritt und Tritt. Der Ort ist ein Juwel der Fachwerkbaukunst und gehört zu den schönsten Fachwerkstädten Deutschlands. Schon in der DDR war das gesamte Stadtzentrum in die Zentrale Denkmalliste eingetragen und wurde bereits in den siebziger Jahren saniert. Vieles blieb jedoch auf der Strecke. Inzwischen ist die ganze Stadt mit ihren insgesamt 400 Fachwerkhäusern geschützt. Über das Förderprogramm Städtebaulicher Denkmalschutz wird seit 1991 die Sanierung fortgeführt, was an allen Ecken und Enden zu bewundern und ein touristisches Markenzeichen ist.

Gisela sieht die guten Sachen. Sie sagt nicht: Osterwieck ist eine tote Stadt. Osterwieck liegt im nördlichen Harzvorland. Halberstadt, Wernigerode, Bad Harzburg oder Goslar sind nicht weit weg. Früher war hier die DDR zu Ende. Der Zug fuhr nur bis zur Lackfabrik. Die lag schon im Grenzgebiet. Die Schienen waren mit Unkraut bewachsen.

Osterwieck hat etwa 4.000 Einwohner und zu wenig Arbeit. 20 Prozent sind arbeitslos, die meisten pendeln nach Braunschweig oder Salzgitter oder Wolfenbüttel oder Hornburg, viele Jüngere sind der Arbeit nachgezogen und haben die Stadt für immer verlassen. Ende der achtziger Jahre lebten noch rund 5.000 Menschen in Osterwieck.

"Wir gehen ein. Osterwieck war früher so ein lebendiges Städtchen und jetzt? Tote Hose." Das sagt ein junger Mann, der gerade die Farbe von seiner Haustür abbrennt, das sagt die Rentnerin Marlene Fischer, das sagt Juliane, die einen Imbiss führt.

Ehemaligen Osterwieckern wie Erika Pruszak, Sigrid Scholz und Silvia Scholz fällt es besonders auf. Die drei sind für einen Tag in der Stadt: Verwandte besuchen, Blumen auf den Friedhof bringen, beim 100-jährigen Jubiläum des Bismarckturms alte Bekannte treffen. "So ein Quatsch! Bismarckturm - vor der Wende hieß der Friedensturm. Ist doch nicht schlecht gewesen. Oder?" Einhelliges Nicken. Erika Pruszak ist 84 Jahre, hier geboren und aufgewachsen. Ihr kann keiner was erzählen. Sie spricht von der Bücherverbrennung auf dem Langenkamp und dass der Herr Cohn auf einmal weg war, und keiner fragte nach. Sie erinnert sich, dass ihr Vater, der Erste-Weltkriegs-Invalide Arthur Scholz, seine Arbeit bei der Stadt aufgab, als Hitler an die Macht kam. Und von den Hamsterfahrten über die "grüne Grenze" nach Braunschweig und Goslar in der Nachkriegszeit erzählt sie, vom Streit um den Zusammenschluss von KPD und SPD und von der Kindertagesstätte für Tbc-gefährdete Kinder, in der sie gearbeitet hat. Dann ist sie studieren gegangen. Die resolute alte Dame freut sich noch heute, dass sie damals einer jungen Frau als Prämie für gute Arbeit ein Buch schenkte und eben keine Küchenschürze. "Da gab es wenigstens noch Arbeit! Auch für Frauen."

Nein wirklich, was nach der Wende alles verschwunden ist. Sogar Gresses haben ihren Laden aufgegeben. Erika Pruszak ist eine Geschichtenerzählerin. Sie setzt sich zu den Frauen an den Tisch. Da ist Frau Fröhlich, die Traktoristin war, Marlene Fischer aus dem Gleitlagerwerk, Christel Gresse, Geschäftsfrau, ihre Töchter Juliane und Elsa samt Schwiegersöhnen. Sie kennen sich alle. "Ist doch schön hier."

Bei Gresses im Laden - hieß es oft - gibt es Furz und Feuerstein

Kastanien und Kirschbäume schützen vor der Sonne, das Fallsteiner Blasorchester spielt Köhlerliesel und Heut ist ein wunderschöner Tag, der Bürgermeister Simons hat geredet, es gibt Erbsensuppe, der Brocken ist zu sehen, Kuchen stapelt sich zu Bergen - und der Turm steht fest wie eine deutsche Eiche. "Zum ersten Mai waren aber mehr Leute da." Frank Meuchel, der an solchen Tagen seiner Frau Juliane hilft, merkt den deutlichen Unterschied schlichtweg in der Kasse.

Auch die Stadt hat weniger. Die Steuereinnahmen sind rückläufig. Frank Meuchel, seit der Wende im Stadtrat, kennt die Lage. Das Gewerbe hat kaum Chancen. Heutige Neugründungen sind die Geschäftsschließungen von morgen. Es gibt keine stabile Wirtschaftsbasis, die Kaufkraft sinkt, die Stadt verdämmert. "Das war wie ein Naturgesetz: Grenze auf, Betriebe weg. Entweder wurden die nicht gelistet oder für ´n Appel und ´n Ei aufgekauft und dichtgemacht. Wie die Molkerei. Die Milchprodukte kommen nun aus Kassel. Insgesamt gingen bei uns fast 3.000 Arbeitsplätze verloren. Wer soll das aushalten? Das war furchtbar für alle."

Keiner hatte das gedacht, als es anfing im Herbst 1989. Die Kastanien platzten und die Geduld der Leute auch: Immer der Ärger mit der Versorgung, und es wurde nicht besser. Reisen war auch nicht. Da nahmen auch die gemütlichen Osterwiecker Kerzen in die Hand, zogen friedlich durch ihre Stadt und sagten "Wir sind das Volk" und "Stasi raus". Eine naheliegende Forderung angesichts der Westgrenze. "Stasi? Das will ich gar nicht wissen", sagt Frank Meuchel. Viel wird nicht bekannt. Einmal hängt eine Liste mit Namen von IM aus und ein Doktor verlässt ganz schnell die Stadt. Persönliche Katastrophen habe es nicht gegeben. Vielleicht auch deshalb, weil die inneren Beziehungen in einer kleinen Stadt am Ende stärker sind als die Verfehlungen.

Christel Gresse jedenfalls ist damals "für die Kinder" mitgegangen. "Ich hatte gedacht, nun wird alles besser." Die Töchter wollten Freiheit. Tochter Juliane überlegt länger. "Ob das Volk jetzt mehr Freiheit hat - ich weiß nicht... Wenn keine Arbeit ist, dann geht das Leben weg. Am Anfang lief es ja ganz gut und wir haben uns so gefreut. Aber dann..."

Nach drei Jahren bleiben bei Gresses auch die treuesten Kunden weg und gehen zu den Einkaufsmärkten am Stadtrand. "Was war hier in der Woche los, wenn die Betriebe Schluss hatten! Da schoben sich die Leute durch die Straßen. Das war so voller Leben." Fast träumerisch schildert Christel Gresse das Osterwiecker Vorwendeleben. Es war, man will es kaum glauben, die gute Zeit des über 100 Jahre alten Familienbetriebs. Bei Gresses im Laden - hieß es oft - gibt es Furz und Feuerstein, immer ein schönes Gespräch unter Nachbarn, hin und wieder eine Neuigkeit, eine kleine Bückware und oft einen guten Rat.

"In Osterwieck kennt ja jeder jeden. Man wusste Bescheid. Der Zusammenhalt war besser als jetzt, wenn jeder mehr für sich lebt." Apfelsinen und Bananen habe es zwar nie ausreichend gegeben, aber dafür Kirschen, das Kilo 2,40 und zwei Pfund Erdbeeren für 4,20. "Im Sozialismus konnten wir gut überleben. Und dann kommt diese Zeit... Wir hatten soviel Hoffnung - und dann ist Schluss." 1992 übergibt Christel Gresse den Laden an die Tochter und den Schwiegersohn Frank. Sie machen weiter. Ein Imbiss wird eingerichtet, Partyservice angeboten, ein Bestell-und Liefersystem. Sie tun, was nur möglich ist. Aber es rechnet sich nicht. 2002 geben sie den Laden auf. Julia führt Imbiss und Partyservice weiter, Frank ist arbeitslos und findet etwas als Müller. Irgendwie passt es. Er ist Agraringenieur. Nun ist er Pendler und froh darüber. Wenn nicht mehr viel möglich ist, wird man bescheiden.

Karsten ist nur ärgerlich darüber, dass ihm am Anfang "der Mond zu neu war..."

Am Langenkamp ist es wie eh und je. Fast. Die alten Kastanien, die rostigen Schienen im Schotterbett, die Ilse, das Stadtflüsschen, mit Stegen zu den Gärten, in denen Tische und Stühle stehen und Wäsche hängt. Der alte Weg zum Bäcker. Der hatte wirklich gute Schillerlocken. Die Ruhe hier ist einfach zu ruhig. Zum Langenkamp gehören Kinder. Aber die Kinderkrippe wurde geschlossen. Frank Meuchel sagt, auch in Osterwieck "überlegen sich junge Leute, ob sie Kinder wollen. Kinder sind ein Armutsrisiko". Den Knick sehe man schon im Schulhort: 50 Kinder bis 2010.

In einem der Gärten treffe ich Karsten S. mit seiner kleinen Tochter. Ja, er lässt sich auf ein Gespräch ein - aber nicht mit vollem Namen. Er ist 38. Und nein, er zieht nicht weg aus Osterwieck. Er wohnt hier. Er hat ein Haus. Sein Zuhause. Arbeitet als Maurermeister in der Ecke von Braunschweig. Das ist eben so. Seinen Beruf erlernte Karsten S. im Wohnungsbaukombinat Magdeburg. Dann war er 19 und ging zur Armee. Als das vorbei war, ist er wieder in die frühere Stelle zurück. "Das war immer so. Die haben auf einen gewartet." Später verdient er als Schafscherer in einer PGH gutes Geld. So gesehen konnte er zufrieden sein. War er aber nicht. Der damals 23-Jährige hatte die Nase voll vom Widerspruch zwischen Zeitung und Wirklichkeit. Wünsche und Träume nicht nur in diesem Alter vertragen keine Zäune, erst recht keine Mauer. So zwei- bis dreimal geht er zu den Demonstrationen im Herbst ´89. Am 11. November brettert Karsten über die A2 nach Marienborn. Dann Spanien - der erste Wendeurlaub.

Aber bald gibt es keine Schafe mehr, weil auch die LPG verschwindet. Karsten geht in seinen alten Beruf zurück. "Ich mache mir keine Sorgen", sagt er und ist nur etwas ärgerlich darüber, dass ihm am Anfang "der Mond zu neu war bei Immobilien und Krediten zum Beispiel. Wie es die Wessis so machen. Wir wussten doch nicht, was da so abging." Besitz als verlässliche Größe. Wenn er sich die sanierten Häuser ansieht, also "die Wende hat viel zum Guten verändert". Nur jetzt spiele sich nichts ab. Die Leute hielten ihr Geld zusammen. "Die Stadt ist ziemlich tot."

Osterwieck am Sonntagvormittag. Ich gehe durch eine Postkarte - so schön, so gepflegt, so menschenleer. Die Mittelstraße war der Boulevard. Nun ist die Mittelstraße einfach nur noch eine Straße. Hier war das Kino, vorn wurde Kugeleis verkauft. Jetzt ist es privat und geschlossen. Einmal hin und zurück: Verkaufsschilder, leere Läden, Wohnungsangebote. Eine Girlande hängt müde über einer Tür. Am Abend ist es nicht anders, nur noch dunkel dazu.

Am Montagnachmittag, 17.30 Uhr, auf der Kapellenstraße: Ein Auto hält vor Schäfers Hof, einem kulturellen Zentrum mit Galerie und Lesungen. Vor der Fahrschule sitzen zwei Jungen auf den Stufen. In Gresses Imbiss sind drei Leute. Ein Pärchen auf Fahrrädern fährt stadtauswärts. Es ist wieder Montag, aber keine Kastanienzeit.


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00:00 29.10.2004

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