Das Blut der schwarzen Schafe fließt in Strömen

Krise und Katharsis Der Kapitalismus tritt zur großen Selbstreinigung an, um zu bleiben, was er ist

New York hat eine neue Touristenattraktion: Man kann einen Rundgang "Wall Street panics and crashes" buchen - sie führt vorbei an den Stätten der jüngsten Megapleiten - und haarsträubende Insider-Geschichten über abenteuerlichste Finanzmanöver hören. Organisiert wird das Ganze von einer cleveren jungen Dame, die vor kurzem ihren hoch bezahlten Job bei Morgan Stanley verloren hat. Wie man mit Krisen Geschäfte macht, das haben die Wall Street Boys und Girls nicht verlernt.

Den Größen der Finanzwelt hingegen, die keine Jobsorgen kennen, hat es teilweise die Sprache verschlagen. Alan Greenspan bekundet vor dem US-Kongress "Schock und Unglauben" über das Ausmaß des Desasters, das er und seinesgleichen (mit) angerichtet haben. Kleinlaut tönt es aus den inneren Zirkeln renommierter Think Tanks, sie hätten leider auch keine Ahnung, was noch kommt, und wie es weiter gehen soll. Selbst der Riesenstaatsmann Joschka Fischer, eine Galionsfigur der Ex-Linken, die vor der vermeintlichen Allmacht der Finanzmärkte auf dem Bauch gegangen sind, hat eine Schwafelpause eingelegt. "Was Karl Marx right?", fragt die Times ihre Leser. Aber ja doch, meinten gut 48 Prozent.

Das Schlimmste kommt noch

Das Desaster ist längst nicht überstanden, das Schlimmste kommt noch. Wir erleben immerhin die erste wirkliche Weltfinanzkrise, die so gut wie alle Länder und Finanzmärkte der Welt zugleich erfasst, in der die Börsen- und Bankenkräche in einer Region fast sofort Börsen- und Bankenkräche in anderen Regionen nach sich ziehen.

Die innere Dynamik dieses Crash ist ungemein rabiat und lässt sich wie folgt beschreiben: Die Spekulationsblasen sind zerplatzt, der fiktive Reichtum löst sich dank fallender Immobilienpreise und Aktienkurse in Luft auf, nur die Schulden bleiben. In den USA, in Großbritannien wie in vielen anderen Ländern sind die Privathaushalte hoffnungslos überschuldet - nicht zuletzt dank stagnierender oder sinkender Reallöhne. Wenn ihre Schuldner reihenweise zahlungsunfähig werden, wanken die Banken. Folglich wackeln auch die Multis, die wie General Motors oder Ford oder Enron de facto seit langem Banken beziehungsweise Wertpapierhändler sind, die unter anderem auch Autos oder Strom verkaufen.

Allein in der amerikanischen "Finanzindustrie" sind in einem Jahr mindestens 150.000 Jobs verloren gegangen, zehntausende werden folgen. Diese Verluste erlauben einen Vorgeschmack, was uns blüht, wenn die Krise die gesamte "reale" Ökonomie erfasst - wenn die High-Tech-Weltmarktindustrien die Abstürze im Baugewerbe und der Automobilindustrie ablösen.

Natürlich wird gegengesteuert, gut sieben Billionen Dollar sind weltweit von Zentralbanken und Regierungen für Rettungsaktionen ausgegeben worden, auch das ist erst der Anfang. Bisher wurde noch kaum die Hälfte der tatsächlichen Verluste abgeschrieben, ein Großteil der Krise bleibt in den Büchern von Banken, Versicherungen und Fonds versteckt. Schon pumpen sich die nächsten Finanzblasen gewaltig auf. Die Kreditkartenkrise, die Krise der Autofinanzierer und Kreditversicherer lassen sich kaum länger zurückdrängen und sorgen besonders für einen Effekt: Die Konzentration des Finanzkapitals schreitet in gewaltigen Sprüngen voran. Von den heute noch über 8.500 offiziell registrierten Banken in den USA und den gut 8.000 in Europa werden viele das Jahr 2009 nicht überstehen. Die Nationalisierung, die Fusion, die Übernahme mit Staatshilfe - das bleibt als letzter Rettungsanker. Ein Teil der Schattenökonomie und des Schattenbanksystems - um ein Vielfaches größer und gefährlicher als die informelle Ökonomie der Schwarz- und Eigenarbeit - wird der Krise gleichfalls zum Opfer fallen. Die Weltbörsen mutieren mit blitzartiger Geschwindigkeit zu transnationalen Konzernen.

Lobby-Verbände trommeln wie wild

Alle Welt schreit nun nach Regulierung und dem Staat als Retter aus großer Not. In Windeseile werden Hunderte von Milliarden Dollar mobilisiert, um die krachende Wall Street und das europäische Bankensystem vor dem Untergang zu retten. Staatsschulden und Zentralbankkredit sind die einzigen Rettungsanker der kapitalistischen Weltökonomie. Länder wie Island oder Ungarn, Banken wie Bear Stearns oder Northern Rock, Versicherungen wie die AIG lassen sich so über Wasser halten - die kapitalistische Weltökonomie aber nicht. Weder die G 20 noch der IWF können eine Weltwirtschaftskrise aufhalten. Auch dann nicht, wenn in der Not einige der bislang bestgeglaubten Dogmen über Bord geworfen werden. So geschehen bei den Fondsgewaltigen des IWF, der zum ersten Mal Kredite vergibt, ohne die Kunden mit den üblichen neoliberalen Patentrezepten zu behelligen. Oder bei der Europäischen Zentralbank, die zum ersten Mal über den langen Schatten ihres monetaristischen Dogmas springt und die Zinsen senkt.

Aber wir haben nicht eine, sondern mehrere Krisen zugleich am Hals: Eine Weltfinanzkrise, eine Krise der Realwirtschaft, das heißt, eine klassische Überproduktions- und Überakkumulationskrise, eine Welthandelskrise, eine Weltagrar- und Hungerkrise und eine ökologische Krise, die Spielräume für jede mögliche Krisenpolitik entscheidend verengt. Eine Systemkrise des Kapitalismus, wie wir ihn kannten, und eine Legitimationskrise der besten aller Welten zugleich. Unter diesen Umständen klingen die zentralen Heilsbotschaften der neoliberalen Alltagsreligion nicht mehr so schmissig wie gewohnt. Neoliberalismus, das war´s - meint Joseph Stiglitz, enfant terrible des Establishments.

Also laufen die Propagandaapparate auf Hochtouren, als stünde die sozialistische Weltrevolution vor der Tür. Die Lobbyverbände der Finanzwirtschaft trommeln für den Erhalt "freier" Finanzmärkte, preisen Spekulation und Derivate, predigen die organisierte, aber freiwillige "Selbstregulierung", orakeln das Schwarze vom Himmel herunter über die drohende Gefahr einer "Überregulierung" - genau dieselben Vereine, die noch vor wenigen Jahren mit Milliarden Dollar schweren PR-Kampagnen dafür gesorgt haben, dass der Handel mit Kreditderivaten in den USA von jeder Kontrolle und Regulierung befreit wurde.

Zu glauben, die neoliberale Hegemonie sei vorbei, sang- und klanglos werde der Kapitalismus für besonders dumme Kerls von der Bühne verschwinden, ist zumindest voreilig. Während und nach der dot.com-Krise waren es die Accountants und die Manager, heute sind es die Rating-Agenturen und die Manager, die als Sündenböcke herhalten müssen. Notfalls lässt man das Blut der schwarzen Schafe in Strömen fließen, um das blöde Volk zu besänftigen. Boni werden gekappt, Gehälter begrenzt, Manager gefeuert - Opfer müssen her, damit ein aberwitziges Wirtschaftssystem überlebt und noch mehr Verlierer hervorbringt.

Der öffentliche Sektor wird wachsen

Die Sozialdemokratie, beruhigt sich einstweilen bei dem Gedanken, zu wenig "Regulierung" und die "Entfesselung" der Märkte seien schuld am großen Schlamassel. Für Leute mit schwachem Kopf und schwachen Nerven ist das ein Trost, weil der Ausweg aus der Krise dann klar vorgezeichnet erscheint: Mit einer neuen Regulierung und neuen Kontrollinstanzen zur erneuten "Einbettung" der Märkte kommen wir aus dem Jammertal. Schlimmstenfalls müssen wir ein Jahrzehnt der Stagnation oder noch länger durchstehen - also die "japanische" Lösung der Immobilien- und Bankenkrise, nur diesmal im Weltmaßstab. Das wird nicht funktionieren, da wir keine zehn Jahre warten können, bis sich die Banken von ihren Verlusten erholt haben und bis die wahnwitzig überhöhten Ansprüche der Kapital- und Vermögensbesitzer, die heute ein Vielfaches des Weltsozialprodukts betragen, auf ein - ohnehin irreales - "Normalmaß" zurückgestutzt sind. Eine Neuauflage des New Deal, ein neues Bretton Woods, eine neue Weltwirtschafts- und -finanzordnung sind notwendig. Aber sie sind nicht billig zu haben, weil nicht ohne und nicht gegen die USA durchsetzbar. Die Wall Street ist zwar schwer angeschlagen, aber ihre politische Macht ebenso wenig gebrochen wie die der City of London.

Wie wird das kapitalistische Weltsystem nach dieser Großen Krise aussehen? Als Finanzsupermacht werden die USA - heute die größte Schuldnernation der Erde - nicht überleben. Mit dem Dollar-Regime, das vollständig vom US-Staatskredit abhängt, wird es vorbei sein, der Euro wird den Dollar als Weltgeld auf vielen Weltmärkten beerben - so wie die City of London die Wall Street. Der US-Typ des Finanzmarktkapitalismus wird von einer anderen Variante ersetzt - sei sie europäisch oder asiatisch geprägt. Die Schwellenländer lösen sich endgültig aus ihrer Abhängigkeit von den USA. Internationale Finanzmärkte und Spekulation wird es nach wie vor geben, nur mit der unbestrittenen Dominanz der Finanzmärkte dürfte es vorbei sein.

Ob der Kapitalismus noch rechtzeitig grün werden kann, das ist eine in jeder Hinsicht offene Frage.

Das alles Entscheiende aber wird sein, ob es gelingt, das vorläufige Ende des Neoliberalismus politisch zu nutzen. Da Millionen Menschen das ganz alltägliche Überleben im Kapitalismus noch schwerer gemacht wird als bisher, könnte der Sektor der alternativen, solidarischen, selbstverwalteten Ökonomie wachsen. Da der Staat sich jetzt so exponiert, um Banken zu retten, kann die Preisgabe öffentlicher Güter an private Erwerber nicht in dem Maße fortgesetzt werden wie bisher. Der öffentliche Sektor wird wieder wachsen, und das weist über den Kapitalismus hinaus.

Michael R. Krätke ist Professor für Politikwissenschaft und Ökonomie an der Universität von Amsterdam und Mitherausgeber von spw - der Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft.

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00:00 13.11.2008

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