Das böse Ende

Linguistik Ob Sternchen helfen? Eine geschlechtergerechte Sprache wird weiterhin eifrig gesucht
Das böse Ende

Illustration: der Freitag

Stellen wir uns vor, unsere Sprache würde durch einen politischen Beschluss, von einer gesamtgesellschaftlichen Abstimmung angeschoben, von heute auf morgen verändert. Etwas Vergleichbares gab es schon einmal – im Jahr 1996, mit dem Ziel der Vereinfachung der Rechtschreibung – na gut, gesamtgesellschaftlich wurde nicht unterstützt, dass das „muß“ zu „muss“ wurde und „du“ in Briefen groß und klein geschrieben sein durfte. Bei der Sprachänderung, die wir uns jetzt vorstellen, geht es weniger um Rechtschreibregeln als um das Recht auf eine bequeme und gerechte Sprache. Hier stehen wir nicht gut da, leider, das Deutsche ist bequem, aber Frauen gegenüber ungerecht, gar eine „Männersprache“, schrieb die Linguistin Luise F. Pusch schon 1984, und daran hat sich bis heute nicht viel geändert.

Die von Pusch und ihrer Kollegin Senta Trömel-Plötz entwickelte „Feministische Linguistik“ hat ihren Ursprung in der Black-Power-Bewegung der USA: Als dort klar wurde, dass Begriffe wie „nigger“ oder „boy“ diskriminierend sind, fühlten sich auch viele Frauen durch Bezeichnungen wie „girl“ herabgewürdigt. Heute ist die Feministische Linguistik eine untergeordnete Teildisziplin irgendwo zwischen Gender Studies und Germanistik.

Frauen werden versteckt

Luise F. Pusch, vor ihrem Aufzeigen der Ungerechtigkeit in der deutschen Sprache eine renommierte Sprachwissenschaftlerin an der Reformuniversität Konstanz, erfuhr durch ihre Arbeit heftigen Gegenwind aus den eigenen Reihen. Einladungen zu Fachveranstaltungen, die zuvor zahlreich waren, blieben plötzlich aus, schließlich verliefen auch Bewerbungen im Sande. Pusch musste ihren Beruf als Hochschulprofessorin 1985 an den Nagel hängen und forscht seitdem privat. Ihr Buch Das Deutsche als Männersprache gilt nach wie vor als Grundlage der Feministischen Linguistik.

„Männersprache“ bedeutet nicht, dass nur Männer sie sprechen und Frauen sie nicht verstehen können. Vielmehr geht es um die Frage der Sichtbarkeit von Frauen in der Sprache: Dass bei den Münchner Philharmonikern im Gegensatz zu den Tölzer Sängerknaben heute auch Frauen musizieren, verschweigt der Name. „Philharmoniker“ ist ein „generisches Maskulinum“, also ein Nomen in der Pluralform, das vom Ursprung her maskulin ist („der Philharmoniker“) und alle weiblichen Philharmonikerinnen nicht explizit nennt. Egal wie viele – die Anzahl von Frauen in Spitzenorchestern ist bis heute deutlich geringer als die von Männern. Bei Schlagzeilen wie „Wegen Lehrermangel geschlossen“ oder „Fachärztestreik in Polen“ ist das rein zahlenmäßig schon anders, trotzdem wird die männliche Pluralform verwendet. Mit dem generischen Maskulinum sind alle gemeint, doch sichtbar, oder hörbar, bleibt nur das Maskuline, also die Männer. Sprachen, die kein grammatisches Geschlecht haben, wie etwa das Englische, sind da gerechter: „Laura Marling is a singer as well as Bob Dylan.“ Das Deutsche aber eben nicht: „Laura Marling ist ein Sänger so wie Bob Dylan“ – grammatisch wie inhaltlich falsch.

Seit langem gibt es Versuche von Sprachforschenden wie auch aus der queeren Szene, das Deutsche gerechter zu machen. Die meisten Ideen wurden von der Mehrheit zunächst als unbequem empfunden. Da ist das Splitting, an das wir uns heute gewöhnt haben: Am Wahlsonntag haben alle Spitzenkandidaten und -kandidatinnen ihren Helferinnen und Helfern und ihren Wählerinnen und Wählern gedankt. Mit Ausnahme von Alexander Gauland – dass seine Partei eine geschlechtergerechte Sprache favorisiert, hätte auch sehr verwundert.

Daneben gibt es das Binnen-I, das von den meisten LeserInnen erkannt wird; beim Sprechen verwenden die meisten eine kleine Pause vor dem „-Innen“, um auf seine Verwendung hinzuweisen. Um kenntlich zu machen, dass das Geschlecht derjenigen, von denen die Rede ist, nicht bekannt oder nicht binär ist, gibt es den Unterstrich, die Lücke oder das Sternchen. Das zu verstehen kann für manche der Leser_innen, Hörer innen und Aktivist*innen schon eine Herausforderung sein.

Die Medien verfahren unterschiedlich mit diesem Thema. So liest man in der taz durchaus von „Aktivist*innen“, im Spiegel aber nur von „jungen Wählern“, bei denen „die Volksparteien durchgefallen sind“. Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine Zeitung vertreiben ein „Studenten-Abo“, das auch von Studentinnen genutzt werden darf. Hier, im Freitag, gibt es kein Binnen-I, keinen Unterstrich und kein Sternchen. Bevorzugt wird der sogenannte „genderoffene Ausdruck“ – „Studierende“ statt „Studenten“ statt „StudentInnen“ usw. Diese Entscheidungen dienen der besseren Lesbarkeit. Auch Vera Schröder, ehemals Redaktionsleiterin von Neon und Nido, heute Chefin des Eltern-Kind-Magazins der Süddeutschen, bringt dieses Argument: „Ich bin kein Binnen-I-Freund, ich find es einfach unleserlich. Und es macht immer ein Gender-Thema im Kopf auf, was ich gar nicht möchte bei ganz vielen Geschichten, weil es ja nicht immer darum geht.“

Wie ungerecht der Einsatz des generischen Maskulinums ist, zeigt die Linguistin Kristin Kopf in ihrem 2014 erschienenen Buch Das kleine Etymologicum mit einem kurzen Text, in dem sie das grammatische Geschlecht mixt: Weibliche oder männliche Formen werden per Zufall über eine randomisierte Liste verwendet. Was sehr unterhaltsam ist: „Zur Zeit der Völkerwanderung … siedelten germanische Völker im Römischen Reich. Im späteren Italien waren das die Langobardinnen … in Südengland die Angeln und die Sächsinnen … Die Vandalinnen zogen weiter, die Fränkinnen blieben und drückten dem Land … seinen späteren Namen auf: Frankreich.“ Wer hätte gedacht, dass es Frauen waren, die Frankreich aus der Taufe hoben! Gleichzeitig wird klar, wie problematisch Geschichtsschreibung wäre, wenn wir das grammatische Geschlecht nicht mehr den tatsächlichen Protagonistinnen und Protagonisten zuordnen könnten.

Lann ist Lesecs

Auch ein konsequentes „generische Femininum“, also die Umkehrung der überall praktizierten Pluralbildung, würde uns beim Lesen ins Chaos stürzen. Vertraute Sätze wie „CDU und SPD haben die jungen Wähler aus den Augen verloren. Studenten fordern neue Kandidaten“ würden plötzlich ganz viele Fragen aufwerfen: „CDU und SPD haben die jungen Wählerinnen aus den Augen verloren. Studentinnen fordern neue Kandidatinnen.“ Sind den Volksparteien nur die jungen Frauen abhandengekommen? Sollen mehr Frauen ins politische Rampenlicht? Und was sagen die Studenten dazu?

Nicht nur Frauen fühlen sich in der deutschen Sprache übersehen und nicht gemeint, Ähnliches empfinden auch Transgender oder Intersexuelle. So prallen Interessenkonflikte von Frauenbewegung und Queer Community bei den Sprachveränderungsplänen aufeinander: Die einen fühlen sich verdrängt, wenn das seit Jahrzehnten mühsam erkämpfte Binnen-I von einem neuen Zeichen ersetzt wird, die anderen fühlen sich mit der alten Erweiterung einfach nicht sichtbar. Ein neues, gemeinsames Zeichen könnte das „gemeinsame Bemühen um Geschlechtergerechtigkeit unterstreichen“, so die Linguistin Luise F. Pusch. Sie empfiehlt die „P!nk solution“: So wie die US-amerikanische Musikerin P!nk das „i“ in ihrem Namen durch ein Ausrufungszeichen ersetzt hat, könnte das Binnen-I von einem Ausrufungszeichen ersetzt werden – das die Queer Community an ihr geliebtes Sternchen erinnert: Wer mit der Hand schreibt, könnte den Punkt des Ausrufungszeichens als Stern kennzeichnen.

Dass diese Variationen mehr sind als bloße Fingerübungen von überambitionierten Linguistinnen, zeigt Lann Hornscheidt. Vormals Antje Hornscheidt, möchte Hornscheidt nicht mehr ins binäre System eingeordnet werden. „Ich verstehe mich als entzweigendernd. Das heißt: ich verstehe mich weder als Mann noch als Frau und lebe auch nicht als Frau oder Mann. Dies lebe ich auch darüber, dass ich neue Sprachformen für mich wähle“, ist auf Hornscheidts Website zu lesen. Die erwünschte Anrede „Professx“ (gesprochen: „Professix“) für Gender Studies und Sprachhandeln statt „Professor“ oder „Professorin“ sorgte vor drei Jahren für Aufruhr in der Öffentlichkeit wie auch unter den Studierenden: Viele waren überfordert.

Um einen Ausweg aus der Diskriminierung zu schaffen, bietet Hornscheidt noch etwas an: „Ecs steht für Exit Gender, das Verlassen von Zweigeschlechtlichkeit.“ Dieses geschlechterüberwindende „ecs“ funktioniert sowohl als Pronomen als auch als Suffix für Nomen: „Lann liebt es, mit anderen zu diskutieren. Ecs lädt häufig dazu ein, einen Roman zu besprechen. Lann ist Lesecs von vielen Romanen.“

06:00 26.11.2017

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