Das Böse sieht auch böse aus

Historytainment Ein Doku-Drama des ZDF zum 17. Juni 1953 sorgt für einen weiteren Mosaikstein im Werk des Zeitgeschichtlers Guido Knopp

Der Westerwelle des Fernsehens ist, wenn man so will, ein Guido namens Knopp. Das telegene Joggen des FDP-Chefs unter Nudisten am Ostseestrand ist des ZDF-Chefhistorikers allerdings nicht. Guido Knopps Populismus ist distinguierter und subtiler, sein Guidomobil die schnelle Bildfolge, dramatisch untermalt und plakativ kommentiert. Sein Spaßfaktor ist die Inszenierung lückenhafter Archivausbeute. Am 3. Juni nun ist es wieder so weit: Zum 50. Jubiläum der Arbeiteraufstandes Ost zeigt das ZDF sein Doku-Drama Der Aufstand. Zur besten Sendezeit, wie gewohnt.

Seit der promovierte Historiker 1984 die ZDF-Redaktion Zeitgeschichte übernahm, hat er das Genre nach eigener Aussage "aus dem Ghetto des Spätabendprogramms ins Hauptabendprogramm" gehievt. Kein Zweifel - in einem Land mit mehr Spielkonsolen als Enzyklopädien verdient die Etablierung des sperrigen Sujets in der Prime time Respekt. Eine Frage des Timings: Kaum wiedervereinigt, bedachte Knopp das neue nationale Selbstbewussten mit dem Tabuthema Nationalsozialismus. Mit Erfolg, denn seit das Diktatorenduell Hitler-Stalin im Mehrteiler Der verdammte Krieg 1991 Topquoten verbuchte, liegt ein Sender mit Historytainment nie daneben.

Knopp betreibt seit langem, was der Philosoph Hermann Lübbe mit "deutscher Sündenstolz" umschrieb: Konfrontatives Verarbeiten. Dieses Muster war für die Kernthese des Mittfünfzigers über das von den Nazis verführte deutsche Volk unerlässlich. Zum Jubiläum des Ex-Einheitstags indes sind befriedende Attitüden überflüssig - als Revolutionäre bedürfen die Menschen am Brandenburger Tor anno 1953 nicht jener Exkulpierungsoffensive wie als Mitläufer 1933.

Wohl aber einer griffigen Dramaturgie. Es mag Schwarz-Weiß-Denken geschuldet sein, der Sündenbocksuche oder dem Spannungsbogen - das Böse sieht bei Knopp auch böse aus. Wenn ein FDJler die aufmüpfige Genossin zur Denunziation ermuntert, gleicht er einem Sturmbannführer; wenn Arbeiter die Freilassung Gefangener fordern, tun sie das vor Kerkerwärtern im Stile Schwarzer Garden. Rot gewandete Faschisten, könnte Franz Josef Strauß zustimmen. Der Parteiapparat hat ein Gesicht, es ist hässlich, und es gehört Funktionsträgern.

Deren Uniformen, beteuert Knopp, seien "ganz authentisch" - wie auch Gestik, Mimik und Habitus in jeder Szene. Es gehe allerdings darum, was "als typisch ausgewählt wird". Von den Erlebnisberichten fänden sich daher im Drama nur die eindringlichsten wieder. Diese Melange aus Mensch, Moral und Material - vom Historiker Ulrich Herbert einst als "Nazi-Kitsch" geschmäht - wird hier zum Revoltenkitsch: Die gesparte Zeit für Reaktionen der Westberliner füllt der Ost-Arbeiter Heinz Pahl durch Erinnerungen an seine von Angst provozierte Appetitlosigkeit. Zeitzeugen wie der von Jürgen Vogel verkörperte Pahl sind Knopps Authentizitätsbeleg. Rund 150 wurden interviewt, jeder dritte bei der Aussage gefilmt. Im Bild aber, Monologen vor grauem Hintergrund, taucht nur eine Handvoll auf - Aufständische und Prominente wie der ehemalige Sowjetdiplomat Valentin Falin oder RIAS-Reporter Egon Bahr. Man müsse "eine Schneise durch den Dschungel schlagen", erklärt Knopp die Selektion. Verteilungskämpfe auf 105 Minuten - für kritische Töne zu wenig. Zum Beispiel, dass die "Randale am Potsdamer Platz" - wie Knopp im Gespräch gesteht - vor allem von Halbstarken ausging. Oder dass rings um Ostberlin alle Strophen des Deutschlandliedes erklangen.

Zwei Millionen Euro, zwei Jahre Zeit, 1.000 Komparsen und ein Reihe teurer Schauspieler standen dem Produzenten Ulrich Lenze zur Verfügung. Das Prinzip der Knopp-Industrie folgt seit dem Wendedrama Deutschlandspiel einer simplen Gleichung: "Dokus" kosten nur ein Drittel eines Spielfilms gleicher Länge, auch wenn eine Minute Archivmaterial bis zu 9.000 Euro teuer sein kann. So gönnt man sich den Luxus schnell gedrehter Inszenierungen in Starbesetzung genau in dem Maße, wie es der Anspruch wissenschaftlicher Recherche zulässt. Zudem stehen habilitierte Experten wie Ian Kershaw, Jehuda Bauer oder Eberhard Jäckel beratend zur Seite. Für Knopp macht erst diese Mischung aus Wissenschaft und Unterhaltung, aus objektiver Erkenntnis und subjektivem Erleben "Geschichte erfahrbar und spannend". Die Süddeutsche Zeitung nennt das schlicht "Spaßkompatibilität". Ihr wie auch der "Begeisterung für das Böse" (FAZ) verdankt Knopp quasi die Massentauglichkeit seiner Produktionen. Das Vehikel beider Aspekte ist der Zwang zur Kürze. Nur so, beteuert der Autor, könne Geschichte breiten Schichten vermittelt werden. Das sei das Gesetz der Medien - eine prestigeträchtige Eigenverortung.

Wie ein Filmstar wurde Knopp bei der Voraufführung von Der Aufstand in Hamburg gefeiert. Die anwesenden Schauspieler erhielten weniger Applaus.

00:00 30.05.2003

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