„Das Buch“ gibt es nicht

Wissen Einst vermutete man, die Berliner Staatsbibliothek könnte einmal sechs Millionen Bände umfassen. Heute sind es doppelt so viele. Ein Kommentar zur Wiedereröffnung
„Das Buch“ gibt es nicht
Innenansicht der generalsanierten Berliner Staatsbibliothek „Unter den Linden“ aus dem Jahr 2019

Foto: Reiner Zensen/Imago Images

Die Bibliothek ist, wie der Bibliothekar Joris Vorstius einmal feststellte, kein statischer, sondern ein dynamischer Begriff. Für die Staatsbibliothek zu Berlin, an der Vorstius tätig war, gilt das in besonderem Maß. Und das nicht nur, weil deren Geschichte von ständigen Bauarbeiten, kriegsbedingten Verlagerungen und Umzügen geprägt war. Bereits bei der Einweihung des Gebäudes Unter den Linden 8 im Jahr 1914 stellte das Berliner Tageblatt fest, dass der „Bücherdom“ es wohl bald schon mit Skalierungsproblemen zu tun bekommen werde: Die „Zahl der Bände wird, wie der Raum es gestattet, bis zu sechs Millionen anwachsen“. Heute beläuft sich der Hauptbestand der Bibliothek, der sich auf das Haus am Potsdamer Platz und das nach 15-jährigen Sanierungsarbeiten soeben wiedereröffnete Haus Unter den Linden verteilt, auf zwölf Millionen Bände. Jedes Jahr kommen etwa 100.000 neue hinzu. Auch die Benutzerzahlen verzeichnen – entgegen pessimistischen Prognosen vom Ende der Bibliotheken – einen ständigen Zuwachs. Das Architekturbüro HG Merz, das die Sanierung übernommen hatte, sollte die Räumlichkeiten daher nicht nur restaurieren, sondern auch mit neuer Infrastruktur ausstatten.

Die Festreden, die anlässlich der Wiedereröffnung gehalten wurden, legten viel Wert darauf, diese Verbindung von Bewahrung und Modernisierung zu unterstreichen. Wie es das Format der Festrede erwarten lässt, wurde dabei nicht mit Allgemeinplätzen gespart: Von einem „Weltgedächtnis“, das jede Google-Suche alt aussehen lasse, sprach Monika Grütters. Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, lobte die Bibliothek als Ort, der ein „haptisches Erlebnis“ mit Büchern ermögliche. Auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble betonte die Vorteile des analogen Lesens. Man muss allerdings gar nicht erst die Stereotype der Leseforschung bemühen, um den Wert von Bibliotheken zu erkennen. Zum einen lässt sich der Gegensatz analog/digital auf die Staatsbibliothek, die längst eine Vorreiterin in Sachen Digitalisierung ist, überhaupt nicht anwenden. Zum anderen aber erfüllt die Bibliothek als Ort für die vielen Nutzerinnen und Nutzer, die derzeit wegen des Lockdowns zu Hause arbeiten müssen, Funktionen, die der heimische Schreibtisch nicht ersetzen kann – und zwar unabhängig davon, ob man dort mit dem Tablet oder in einem gedruckten Buch liest.

Anders, als die Metapher vom Weltgedächtnis nahelegt, besteht die Leistung von Bibliotheken nämlich nicht bloß darin, Wissen zu sammeln und zu speichern, sondern auch darin, ihre Benutzer auf produktive Weise zu überfordern. Die Verräumlichung des Wissens, die Bibliotheken erzeugen, erinnert daran, dass es „das Buch“ im Singular gar nicht gibt, sondern dass Texte stets mit anderen Texten verbunden sind. Dieser Verweisungszusammenhang wächst und verändert sich ständig. Dies ermöglicht nicht nur glückliche Zufallsfunde, sondern prägt vor allem die Praktiken des Bibliotheksgebrauchs: Bibliografien und Kataloge, die darauf zielen, die Bibliothek „lesbar zu machen“ (Nikolaus Wegmann), sind keine Entitäten, sondern fortlaufend betriebene Tätigkeiten. Die Bibliothek ist konstitutiv unabgeschlossen.

Erika Thomalla, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität zu Berlin, publizierte zuletzt: Anwälte des Autors. Zur Geschichte der Herausgeberschaft im 18. und 19. Jahrhundert (Wallstein 2020)

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