Das dankbare Land

Im Osten Venezuelas Auf der Halbinsel Paria hat die Anakonda den Hund gefressen und Wilfried Merle ein Lebenswerk geschaffen

Manche der Jungen rennen auf ihren Badelatschen, andere sind barfuss. "Hopp, hopp! Noch zwei Runden!", brüllt Pedro Luis, der Coach der Tomasitos, des Baseballteams der besonderen Art. "Hier soll einmal das Klubhaus gebaut werden, nur dürfte es noch eine Weile dauern, bevor es soweit ist. Mit Geld der Regierung brauchen wir nicht zu rechnen, und die Spenden aus Deutschland sind auch eingebrochen. Bis dahin werden sie es ohne Dusche aushalten müssen", erzählt er am Rande des Platzes. Ohne Dusche auszukommen, ist wohl das kleinste Übel für diese Jungen, die in den Bergdörfern der Halbinsel Paria aufwachsen und denen es sowieso an allem fehlt. Paria gehört zu den ärmsten Landstrichen Venezuelas.

Nicht dass die Aussicht dadurch weniger gut ist. Im Gegenteil, sie ist fabelhaft. Vom Baseballplatz, gelegen in 700 Meter Höhe, fällt der Blick in Richtung Osten auf einen endlos wirkenden Höhenzug, den ein tiefgrüner Regenwald bedeckt. In den Tälern, im Vorland des weitläufigen Orinoko-Deltas, vom Land zum offenen Meer hin, überfliegen gewaltige Vogelschwärme die üppig wuchernde Feuchtsavanne. Noch weiter im Osten, unsichtbar für das Auge des Betrachters, der aus der Höhe von Paria Ausschau hält, liegt die Siedlung Macuro, der einzige Ort, an dem Christoph Kolumbus jemals in Südamerika an Land ging. In der Brandung stehend, der Sand, Algen und Schlick auf die Dünen warf, nannte er die Landschaft, die vor ihm aufstieg, "Tierra de Gracias" - "Dankbares Land".

"Wir haben mit dem Baseballunterricht für die Jungs begonnen, um so an ihre Eltern heran zu kommen", erzählt Pedro Luis noch, während ein etwa Vierzehnjähriger den Baseball ins Gestrüpp haut. "Die Leute hier in den Bergdörfern haben einfach nichts. In manchen Gegend sind fast alle ohne irgendeine Beschäftigung, die ihnen wenigstens ein kleines Einkommen brächte. Deshalb leben die meisten von der Brandrodung - sie schlagen im Regenwald ein Stück Land frei, brennen das Gehölz ab und werden dabei beharrlich unvorsichtiger. Die Wälder sind teils derart zerstört, dass für Jahre nichts als verbrannte Erde bleibt."

Viele Frauen in dieser Gegend werden mit 14 oder 15 das erste Mal schwanger. Viele Kinder gehen nie zur Schule. "Wenn die Männer etwas Geld verdient haben, wird es meistens versoffen. Sie wissen nicht, was sie mit sich selber anfangen sollen. Deswegen trainiere ich dieses Team, damit überhaupt etwas geschieht. Wenn die Väter sehen, dass ihre Söhne aktiv werden - vielleicht motiviert sie das." Pedro Luis wird von der Fundación Thomas Merle bezahlt, der Stiftung des vor vier Jahrzehnten aus Deutschland eingewanderten Wilfried Merle, die er 1993 gründete und nach seinem Sohn benannte, der im gleichen Jahr bei einem Flugabsturz ums Leben kam. Thomas Merle - er war 25, als er starb - träumte von einem besseren Leben für die Kinder in den Bergdörfern und sorgte sich um den Schutz der vor 15 Jahren ökologisch noch einigermaßen intakten Bergregion. Was damals begann, setzt die Stiftung heute fort und bezahlt daher den Platz, die Trikots und die Ausrüstung des Baseball-Teams. Oder sie veranstaltet "Umwelt-Reinigungstage", um in verkohlten Waldgebieten den schnell wachsenden Neem-Baum zu pflanzen und die grassierende Erosion des Bodens und der Landschaft überhaupt zu stoppen.

Das Beefsteak des Katers

Am nächsten Tag warte ich in Carupano im "Casa del Cable" auf Wilfried Merle. Das durch die Stiftung völlig renovierte Kolonialhaus mit einer gefälligen Holzfassade liegt an der ruhigen, palmenbeschatteten Plaza Santa Rosa und erzählt an den Wänden seines Patios in Schwarz-Weiß-Bildern aus der Geschichte des Ortes - unter anderem darüber, dass genau hier vor 100 Jahren das erste Telefon, geliefert von einer Firma aus Marseille, eintraf und mit dem Landesnetz verkabelt wurde.

Plötzlich höre ich eine Fahrradklingel. Ein älterer Herr mit zersaustem Bart und einer Art Tiroler Filzhut auf dem Kopf kommt in den Innenhof gefahren. Unwillkürlich muss ich lachen über diesen Anblick. "Das haben Sie richtig verstanden, es ist meine Mission in Carupano, Menschen zum Lachen zu bringen", sind Merles erste Worte. Und dann schildert er mir, wie es ihn einst nach Venezuela verschlagen hat. "1965 kam ich als Entwicklungshelfer in dieses Land. Nachdem ich zwei Jahre an einem Projekt mitgearbeitet hatte, dachten meine Frau und ich, dass wir nach Deutschland zurückkehren sollten, um unsere Kinder dort in die Schule zu schicken. Wir haben es nur anderthalb Jahre ausgehalten. Es gab ein Restaurant, in dem ich kurzzeitig servierte und die Leute gern Beefsteak mit Kartoffelsalat für ihren Kater bestellten. ›Was ist das hier für ein Land?‹, fragte ich mich. Hier will ich nicht leben. So kehrten wir schließlich nach Venezuela zurück, und ich versuchte mein Glück in den Feuchtsavannen, weit im Osten. Ich wollte Reis anbauen und habe das vier lange Jahre lang rechtschaffen versucht, aber der Pflug und die Grabmaschine blieben ständig im Schlamm stecken. Irgendwann gab ich auf."

Merle verdingte sich für eine Weile im Straßenbau, bevor er damit begann, in ein Tourismusunternehmen zu investieren und mehrere Posadas (Pensionen) an einigen der schönsten Strände Venezuelas zu übernehmen. Nach seinem Abenteuer im Reisfeld gelang ihm in dieser Phase seines Lebens etwas wirklich Außergewöhnliches: er baute mitten in der Savanne eine Wasserbüffelfarm mit Bungalows für Touristen.

"Ja, schreib etwas über mich als Unternehmer! Ich bin kein Träumer, der in den Himmel will. Um die Stiftung zu erhalten, muss ich Geld verdienen und versuche das mit dieser Farm und einem Tourismus, den die Umwelt verträgt und der ein paar Arbeitsplätze bringt. Du solltest es dir ansehen...."

Die Ohrfeigen des Präsidenten

Eine Stunde später fahre ich mit Pedro Molina Richtung Farm. Molina ist Anfang 30, ein ruhiger Typ und bei der Thomas-Merle-Stiftung für die Umweltbildung zuständig, das heißt, für die Sisyphos-Arbeit, den Leuten in den Bergdörfern die Brandrodung auszureden. Bevor wir Carupano verlassen, hält er an einer Tankstelle. Während ich im Jeep sitzen bleibe, redet Molina aufgeregt mit dem Tankwart, wirft sich hinters Steuer und knallt die Tür zu. "Und dann behaupten alle, es soll in Venezuela eine Krise geben. Der hat mir eben erzählt, dass heute Nacht jemand im Casino nebenan fünf Millionen Bolivares (2.000 Euro - die Red.) verzockt hat. Das passiert hier regelmäßig! Es gibt Geld genug!"

Auf meine erstaunte Frage nach dem Grund seiner Gewissheit, bekomme ich etwas über Drogenhandel, Schmuggel und Geldwäsche zu hören. "Bis vor zwei Jahren gab es in den Bergen 200 bis 300 Paramilitärs, größtenteils aus Kolumbien eingesickert." Molina umfährt ein gewaltiges Schlagloch auf der Piste. "Die Kolumbianer haben für das Drogenkartell von Medellín gearbeitet und den Stoff in Venezuela abgesetzt. Aber seitdem die Regierung hier im Osten schärfer kontrolliert, sind sie weg, aber das Geld ist noch da, wie du siehst."

Die Regierung von Hugo Chávez ist eines der bevorzugten Themen von Pedro Molina. "Weißt du, als Chávez 1998 an die Macht kam, war es, als ob er jeden im Land eine heftige Ohrfeige versetzt hätte. Aufwachen! Jetzt geht´s los! Bevor Chávez Präsident war, hatten wir in Venezuela versucht, so zu leben wie Europäer und so zu arbeiten wie Lateinamerikaner. Wir fanden uns selbst ganz großartig. Aber wir lebten über unsere Verhältnisse. Manche sagen jetzt: die beste Zeit Venezuelas ist vorbei, die gab es in den Siebzigern, als alle glaubten, das Ölgeld wird ewig so weiter fließen. Nein, ich denke, unsere beste Zeit liegt noch vor uns. Und Chávez wird uns dahin führen. Der Mann hat eine Vision! Er ist der erste Präsident, der uns sagt, dass wir Bücher lesen sollen."

Nachdem wir ein paar Schülern am Straßenrand etwas Kleingeld geschenkt haben, die nicht betteln, aber einige Bolivares für den Karneval brauchen, fahren wir über einen Erddamm zur Büffelfarm. "Die Hacienda Rio de Agua ist verglichen mit anderen Latifundien riesig", brummt Molina, "über 600 Hektar, nach einen solchen Besitz kannst du lange suchen." Links und rechts des Dammes zieht unberührtes, tiefgrünes Land vorbei. Schweiß tropft von meiner Stirn. Nach ein paar hundert Metern passieren wie eine private Landebahn. Ein kleines Agrarflugzeug wartet auf Aufträge. "Mit einer solchen Maschine ist der Sohn von Merle abgestürzt", sagt Molina kurz.

Die Wurzeln des Mannes

Als sich der Motor unseres Jeeps vorerst verabschiedet hat, ist es auf einmal unwirklich still inmitten der Feuchtsavanne. Riesenpalmen ragen empor und umringen die Cabanas, die kreisrunden Touristenherbergen mit ihrem Reetdach. "Ein guter Ort zum Schreiben", sagt Molina zu meiner Überraschung. "Eine Übernachtung kostet etwa 33.000 Bolivares (13 Euro)". Er lacht, als ich ihn frage, ob man hier auch schwimmen kann. "Das wäre nicht empfehlenswert. Vor ein paar Monate saß da auf deinem Stein ein Hund. Dann war er weg. Von einer Riesenanakonda aufgefressen. Und Kaimane gibt es auch, ausreichend. Nimm lieber einen Einbaum, wenn du fischen willst."

Er bringt mich zum Aussichtsturm der Farm und weist auf die Biogasanlage hinter dem Küchenkomplex. "Nicht, dass wir uns schon so behelfen müssen in Venezuela. Ich glaube, wir haben vorläufig noch ausreichend Öl. Aber wir sollten doch rechtzeitig Erfahrungen machen." Auf der Plattform des Turms zeigt er auf eine Gruppe Wasserbüffel, die wie monströse Trophäen bewegungslos im Wasser der Feuchtsavanne ausharren.

Meine Gedanken schweifen ab, wandern zurück zu Wilfried Merle. Diese Farm, seine Posadas, das Umweltzentrum, eine Baumschule, über allem thront die Stiftung. Das muss ein Lebenswerk sein, geschaffen durch einen, der nicht nur nachdenkt und darüber palavert, sondern etwas getan hat. Was wird davon künftig bleiben? Merle ist mit seinen 64 Jahren nicht mehr der Jüngste. Denkt er daran, seinen Lebensabend in Venezuela zu verbringen?

Wilfried Merle schlägt die Hände vor sein Gesicht, als ich ihm die Frage ein paar Stunden später stelle. "Ich kann nicht mehr zurück! Ich habe hier meine Wurzeln! Ich habe hier meinen Sohn begraben!" Er schaut mich an. "Dieses Land ist noch nicht wirklich entdeckt. Ein Paradies für den Tourismus, wenn die Fehler anderer Länder vermieden werden. Anfangs glaubte ich, die Resultate meiner Arbeit würden vielleicht nach zehn Jahren zu sehen sein. Dann dachte ich, vielleicht werden meine Kinder sie sehen. Jetzt bin ich überzeugt, es wird noch eine Generation mehr dauern. Aber es geht bei alldem nicht um mich. Es geht um ›la Tierra de Gracias‹ - das dankbare Land."


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00:00 04.03.2005

Ausgabe 38/2020

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