Hatice Akyün
Ausgabe 1216 | 26.03.2016 | 06:00 8

Das Design bestimmt das Bewusstsein

Die Doytçe Sozialdemokratische Politik ist in diesen Tagen ein Schaumbad, hält ein paar Minuten, dann wird es kalt. Die SPD ist reif für eine Übernahme

Das Design bestimmt das Bewusstsein

Hatice Akyün weinte vor Freude über den Wahlsieg Schröders. Die Freude hielt nicht lange

Foto: John MacDougall/AFP/Getty Images

Als Helmut Kohl Bundeskanzler wurde, war ich 13 Jahre alt. Als er es nicht mehr war, 29. Irgendwann zwischen 1982 und 1998 ist meine Generation politisiert worden. Der eine Teil wurde wegen der Kohl-Politik sozialer, der andere egoistischer. Meine Generation war in zwei Lager geteilt. Links die Schmarotzer, die es sich in der sozialen Hängematte bequem machten. Rechts die Leistungsbeschwörer, die an den selbstregulierenden Markt glaubten. Diese beiden Lager waren eigentlich ganz gut. So war es möglich, sich politisch sicher zu positionieren.

Als Kohl 1998 abgewählt wurde, stand ich in der SPD-Parteizentrale meiner Heimatstadt Duisburg und habe geweint. Nicht weil ich Gerhard Schröder so toll fand. Nicht weil mich seine Politik der „Neuen Mitte“ so überzeugte. Nein, weil ich tatsächlich daran geglaubt habe, dass meine Überzeugung von der Solidargemeinschaft wahr werden würde. Das Ergebnis meiner Träumerei ist bekannt. Schröder wurde zum Genossen der Bosse. Über Nacht konnte einer vom Arbeitnehmer zum Sozialhilfeempfänger werden.

Arme stiegen weiter ab, die Mittelschicht wurde ärmer, nur die Wirtschaft hatte es gut. Arbeiter verloren Rechte, für die die SPD ein Jahrhundert gekämpft hatte. Mein Bild von der Sozialdemokratie wurde arg verwässert. Heute ist es nicht nur verwässert, es hat sich in Populismus aufgelöst. Sozialdemokratische Politik ist in diesen Tagen ein Schaumbad, hält ein paar Minuten, dann wird es kalt. Wir erleben den Offenbarungseid einer entpolitisierten Generation, die kurzfristig und aus dem Bauch heraus denkt, in der Hoffnung, dass es sie persönlich nicht trifft.

Vor einigen Tagen saß ich mit Freunden zusammen. Im Großen und Ganzen alle Sozialdemokraten. Wir kamen darauf zu sprechen, ob man die SPD überhaupt noch wählen könne mit Gabriel als Genossen der Scheiche. Ich sagte, dass ich gezwungen werde, CDU zu wählen. Wie konnte mir das bloß passieren? Mir, die ich in der Herzkammer der Sozialdemokratie aufgewachsen bin? Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich, gerade 18 Jahre alt, mit Freunden zur „Brücke der Solidarität“ nach Rheinhausen lief, um die Stahlarbeiter, die für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze demonstrierten, mit Kaffee und Schnittchen zu versorgen.

Das machte man so bei uns. Dazu war man verpflichtet. Das war unsere Tradition, denn natürlich hieß auch rechts Tradition. Aber eine der sozialen Ungleichheiten und eine der Ordnung, in die man sich einzugliedern hatte. Links bedeutete Emanzipation, Chancengleichheit und Umverteilung. Heute gibt es Mandatsträger, für die Diäten ein Taschengeld sind und die das große Geld bei Interessenvertretern bekommen. Gewerkschaftler, die nicht mehr aufschreien, weil sie nicht schuld sein wollen. Jede politische Gruppierung trommelt nur für die eigenen Bedürfnisse und die eigene Ungerechtigkeit, übersieht aber die Ungerechtigkeit, die andere erleiden müssen. Das Design bestimmt das Bewusstsein.

Seit einer Weile geht es mit der SPD bergab. Und seit einer Weile sagt manchmal einer im Freundeskreis, der gegen den Strom schwimmen will: „Jetzt sollte man eintreten.“ Man tut es dann natürlich nicht. Warum eigentlich nicht? Die SPD ist reif für eine Übernahme. Eintreten, Anträge schreiben, Beschlüsse herbeiführen, Wahlen gewinnen, sozial regieren. Nichts wünsche ich mir sehnlicher zurück, als wieder zu einem politischen Lager zu gehören und mich klar positionieren zu können. Nur die Partei fehlt noch.

Hatice Akyün ist deutsche Schriftstellerin mit türkischen Wurzeln. Als Die Doytçe schreibt sie für den Freitag regelmäßig über ihr Leben mit zwei Kulturen

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 12/16.

Kommentare (8)

Moorleiche 26.03.2016 | 12:15

Seit einer Weile geht es mit der SPD bergab. Und seit einer Weile sagt manchmal einer im Freundeskreis, der gegen den Strom schwimmen will: „Jetzt sollte man eintreten.“ Man tut es dann natürlich nicht. Warum eigentlich nicht?“

Weil es irgendwie so klingt wie: Jetzt VW Aktien kaufen.

Nichts wünsche ich mir sehnlicher zurück, als wieder zu einem politischen Lager zu gehören und mich klar positionieren zu können.“

Echt?

Ansonsten konnte ich vieles nachvollziehen.

Nil 26.03.2016 | 19:52

Ja, es ist ein Trauerspiel. Vielleicht eine neue Partei Gründen, nach dem Vorbild einer umfassenderen integraleren Weltsicht. In der Schweiz hat sich die erste integrale Partei unseres Planeten konstituiert. Wir brauchen einen Quantensprung im Bewusstsein. http://www.integrale-politik.ch/wp-content/uploads/2014/03/bewusstsein.pdf

Nehmen Sie sich kurz Zeit für integrale Problemlösungsstrategien.

http://www.integrale-politik.ch/wp-content/uploads/2014/03/fuehrung.pdf

Positionen

Integrale Erziehung und Bildung – kurze FassungVollversion

Stellungnahme der IP zum Lehrplan 21Integrale Gesundheit – kurze FassungVollversion

Integrale Wirtschaft – kurze FassungVollversion

Integrale Migrationspolitik – kurze FassungVollversion

Integrale Friedensarbeit – Vollversion

Integrale Gesellschaft – Vollversion

Integrale Klima- und Energiepolitik – Vollversion

karamasoff 26.03.2016 | 20:23

Die Mitte ist großes Illusionentheater, und eine Trennlinie. Diese Linie wird seit Kohl stetig nach oben verschoben. Es ist die Vermögens- und Einkommenslinie. Politische Lager im alten Sinn gibt es nicht mehr, wenn man so will. Es gibt ein ökonomisches Oben und Unten und einen ideologischen instrumentalisierten Seiltanz auf der Linie.

Die politische Landschaft Deutschlands gleicht der Show DSDS mit einer von Corporations rekrutierten Jury, die die Seiltänzer bewertet. Da gibt es die Menderez-Typen, die es immer und immerwieder versuchen und scheitern, die durchaus Begabten, die dann als Winner eine Zeit lang absahnen dürfen, bevor sie medial entsorgt werden und irgendwann Eingeweide fressen und die Masse an Verlierern, Begabte Unbegabte Verwirrte. Der Rest glotzt politisch und ökonomisch depriviert der Show zu, während europaweit, mindestens, sich die Rechten zusammenrotten DÜRFEN zwischen all den Herrschafts- und Treibjagddiskursen.

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Ehemaliger Nutzer 26.03.2016 | 23:08

Die sozialdemokratische Hülle namens SPD taugt imao garnicht zu einer Übernahme: diese Firma wirkt dermassen in sich verstrickt, dass es einen das Erbarmen überkommen könnte, würden sie nicht stets davon schwefeln sie begriffen sich als Sozialdemokraten.

Man sollte heutzutage Sozialdemokraten wählen, wenn einem das eigene Aktienportfolio näher zugereicht wirken möchte als Verantwortungsbewußtsein für die eigenen Arbeitnehmer.

Die SPD hat aber andere längst andere Sorgen als Arbeiter -

sie hilft den Arbeitern, die es ja nicht mehr gibt weil sie alle selbständig sind, sich damit zurechtzufinden noch etwas konziser über den Tisch des Hauses gezogen zu werden.

Sollte man so etwas übernehmen wollen?

Warum?

Nordlicht 27.03.2016 | 18:16

Was sagt der Satz "Das Design bestimmt das Bewusstsein" wirklich? Der Klang des Satzes assoziiert philosophischer Denken, aber ich finde in dem Text keine Argumentationskette, welche diese Behauptung stützen würde. Was meinen Sie in Zusammenhang mit der SPD und Ihren Erinnerungen mit "Design"?

Dennoch: Ihre Schmerzen kann ich nachvollziehen. Wer die SPD des Willi Brandt als Student begeisternd fand, musste bereits in der Chaosphase mit Engholm, Scharping und Schröder an der Kontinuität der Führung verzweifeln - unabhängig von den Inhalten. Die Umarmung mit der Kohle-, Stahl-, Chemie und Autoindustrie war bereits während der 80er so intensiv, dass z. B. die ersten effektiven Umweltvorschriften, die von Seiten der CSU und CDU kamen, von den SPD-Landesfürsten erbittert bekämpft wurden.

Ob man nun die soziale Lage als - von SPD verursacht - schlecht bewertet oder der Globalisierung die Schuld gibt: Mir scheint, dass in den anderen Industriestaaten die Verhältnisse nicht besser sind. Und im Schulterschluss mit Grosskapital, Medien und Kirchen vermittelt die GroKo bislang noch den Wählern, dass die die beste aller Welten (samt Herdprämie) führen.

Zur SPD: Ob nun generell alles an der "Agenda 2010" falsch war, kann ich nicht bewerten. Das Endergebnis war jedoch fatal, das Ende der SPD als politische Heimat der "kleinen Leute". Wenn man im Bereich der Wirtschaftspolitik weiter stochert, findet man die Lockerung der Bankenkontrolle, die Senkung des Spitzensteuersatzes und einige weitere für die höhere Einkommen hilfreiche Entscheidungen.

Ob SPD und LINKE irgendwann zusammen kommen und zusammen die Interessen "kleinen Leute" vertreten, möchte ich bezweifeln. Deren Interessen sind so weit ausdifferenziert, dass sie sich in immer mehr Parteien zeitweise binden, dann wieder neu orientieren. SPD als Massenpartei: Das ist Geschichte.